Wenn man den fünfjährigen Vincent aus der Kreuzberger Europa-Kita fragt, was denn bei deutschen Kindern anders sei als bei türkischen, sagt er nur: "Weiß ich nicht." Darüber hat er vorher noch nie nachgedacht. Kein Wunder, denn Vincent kam mit acht Monaten in die von der Arbeiterwohlfahrt (AWO) betriebene deutsch-türkische Kita. Zu Hause spricht seine Mama mit ihm türkisch und sein Papa deutsch. Die beiden Kulturen gehören für ihn einfach zusammen.Heute hat sich Vincent zum Malen neben den vierjährigen Konrad gesetzt. Dass sein kleiner Freund mit den rotblonden Haaren und den Sommersprossen deutsche Eltern hat, lässt sich leicht erraten. Konrad erzählt aber gern, dass er in Wirklichkeit aus der Türkei komme und mit seinen Eltern eingewandert sei. Das erscheint ihm viel interessanter, als einfach aus Berlin zu kommen. Erzieherin Yüksel Türkkan mischt sich nicht ein, lächelt bloß.Dass sich die Erwachsenen mit dem Thema Integration oft schwer tun, wissen die beiden Jungs noch nicht. "Die Kinder suchen sich ihre Freunde nicht nach der Herkunft aus", sagt Yüksel Türkkan, "sondern danach, wen sie mögen." Dass das tatsächlich so ist, bestätigt auch die freiberufliche Musikpädagogin Valeria Borbonus, die einmal pro Woche in die Kita kommt. "So gut wie hier klappt es aber leider nicht überall", sagt sie. "In einer anderen Kita in Neukölln gehen sich arabische, türkische und deutsche Kinder aus dem Weg", erzählt sie. Die langjährige Leiterin der Kreuzberger Europa-Kita, Adalet Özulusal, glaubt zu wissen, was dort schief- läuft: "Wenn Migrantenkinder nur deutsch sprechen dürfen, fühlen sie sich in ihrer Kultur abgelehnt und entwickeln ihrerseits eine Abwehrhaltung", so Özulusal. In der Europa-Kita gebe es deshalb keinen Sprachzwang, jede Gruppe habe eine deutsche und eine türkische Erzieherin. "Die Kinder entwickeln selbst den Ehrgeiz, beide Sprachen zu verstehen", so die Leiterin. Es gebe aber leider nur zwei deutsch-türkische Kitas in ganz Berlin.Von den insgesamt 90 Mädchen und Jungen der Europa-Kita kommt ein Drittel aus deutschen, ein Drittel aus türkischen und ein Drittel aus gemischten Elternhäusern. "Ausgewogenheit ist sehr wichtig, damit sich nicht eine Kultur über- oder unterlegen fühlt", sagt Adalet Özulusal. Das Gelingen ihrer Arbeit hänge auch stark von den Eltern ab. "Unsere Mütter und Väter sind meist gut integriert oder einfach weltoffen", sagt sie. So wie Kathrin Richter. Die 36-jährige Lehrerin holt gerade ihre Tochter Mascha (4) und Baby Pia ab. "Wenn man in Kreuzberg wohnt, sollte man sich auch der türkischen Kultur öffnen", findet sie. "Mein Mann und ich haben inzwischen auch türkische Freunde - Eltern von anderen Kindern", erzählt sie.Yüksel Türkkan ist seit 18 Jahren Erzieherin. "Als Herr Sarrazin sagte, alle Migranten wären weder integrationswillig noch integrationsfähig, habe ich Herzrasen bekommen", sagt die 45-Jährige. "Unsere Kita beweist doch, dass das so nicht stimmt." Und Integration fordere immer beide Seiten. Die Kinder scheinen das längst verstanden zu haben. Als der fünfjährige Effe im September mit seinen Eltern aus der Türkei kam, sprach er noch kein Wort Deutsch. Die fünfjährige deutsche Anouk hat ihm dann auf Türkisch weitergeholfen. "Wir waren selber überrascht", sagt ihre Erzieherin, "weil sie vorher nur deutsch gesprochen hat." Beim Mittagessen sitzt heute Vincent neben Effe. Obwohl er sich mit ihm auf Türkisch unterhalten könnte, spricht Vincent deutsch. "Ich mache das", sagt er, "damit Effe schnell Deutsch lernt." Als die Erzieherin auf Türkisch fragt: "Wer möchte noch Apfelmus?", hebt Effe als Erster seine Hand und sagt auf Deutsch: "Ich."------------------------------Foto: Die fünfjährige deutsche Anouk (l.) und die vierjährige deutsch-türkische Ella sind Freundinnen. Sie verstehen sich beim Malen auch ohne Worte.Foto: Der türkische Baha (4) hat sich beim Musikspiel in ein Pferdchen verwandelt. Als Kutscher hat er sich spontan den deutschen Elias (3) ausgesucht.

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