In der ehemaligen Exklave praktizieren die Kleintierzüchter schon ein Stück Zusammenleben: Manchmal flattert der rote Adler über Steinstücken

"Eine Taigatrommel." Manfred Rettig lehnt sich in seinem Stuhl auf der Terrasse zurück und setzt ein breites Grinsen auf. Laut tösend rollt Sekunden später ein Güterzug vorüber, gezogen von einer russischen Diesellok. Einer "Taigatrommel" eben. Manfred Rettig kennt das Geräusch gut.Seit 1972 wohnt er in der Bernhard-Beyer-Straße in Berlin-Zehlendorf, Siedlung Steinstücken, nur wenige Meter von den Bahnschienen entfernt. 1972 fuhren die Züge noch nicht so häufig wie heute an seinem Haus vorbei. Sie brachten damals Kohle, Post, Öl und Benzin aus Westdeutschland in das eingemauerte West-Berlin. Jetzt fahren auf der Trasse auch Personenzüge. "Die Strecke wurde vor zwei Jahren für den ICE elektrifiziert." Das Funkgerät schweigt Rettig spricht gern über Steinstücken. Früher hat er Touristen durch den Ort geführt und alles erklärt: die Mauer, die Kontrollen, und wie die DDR-Grenzer so sind. Dann erzählte er auch von seinem Keller, davon, daß hier lange Zeit ein Funkgerät der Amerikaner stand, das Rettig benutzen konnte. Im Ernstfall sozusagen. Aber Rettig hat das Funkgerät nur einmal benutzt, zur Funktionsüberprüfung. Heute kommen keine Touristen mehr nach Steinstücken. Heute kommen nur die Leute aus Brandenburg, die bis 1990 in einem anderen Staat lebten. Und die wollen über die Vergangenheit der Steinstückener nichts mehr wissen. Dröhnt nicht gerade eine "Taigatrommel" hinter Rettigs Haus, quietschen vorn auf der Straße Bremsen. Wenn die Bahnschranken in Drewitz stündlich 25 Minuten schließen, suchen sich Hunderte Autofahrer mit Brandenburger Kennzeichen einen Schleichweg durch die Siedlung, um schneller von Babelsberg nach Babelsberg zu kommen. "Klar ärgert mich der Verkehr", sagt Rettig.Viel wichtiger für ihn aber sei, daß die Mauer nicht mehr steht. Rettig ist davon überzeugt, daß die meisten in der Siedlung Steinstücken am Sonntag zur Abstimmung gehen. Und für eine Länderehe von Berlin und Brandenburg stimmen. "Aus Vernunftgründen und von Herzen."Der etwa zwölf Hektar große Ort Steinstücken liegt inmitten von Potsdam-Babelsberg, gehört aber seit 1920 zu Zehlendorf und damit zu Berlin. Über Jahrzehnte störte das die Steinstückener nicht. Sie zahlten brav ihre Steuern nach Berlin und verstanden sich prächtig mit den Babelsbergern. Nur zu Potsdam wollten sie nie gehören. DDR-Pässe abgelehnt Im Oktober 1951 besetzten DDR-Volkspolizisten Steinstücken, kappten die Telefonkabel nach Berlin und wollten den Ort der Stadt Potsdam angliedern. Doch die Steinstückener wehrten sich. Sie lehnten DDR-Pässe ab und verzichteten auf die ostzonalen Lebensmittelkarten. Schließlich griffen die Amerikaner ein. Nach vier Tagen war die Besetzung vorbei.Als die DDR 1961 die Mauer zog, zog sie auch eine extra um Steinstücken herum. Der Ort wurde zu einer Insel vor der Insel West-Berlin. Wer in die Stadt zur Arbeit oder zum Einkauf wollte, wurde auf dem kurzen Weg zweimal von DDR-Grenzern kontrolliert. Ausweiskontrolle, Schlagbaum gleich hinter Steinstücken.Nach 1 200 Meter Waldweg über DDR-Territorium folgte die nächste Kontrolle in Kohlhasenbrück bei der "Einreise" nach West-Berlin. Wer einen Bekannten in dem nur wenige Meter entfernten Babelsberg besuchen wollte, mußte gut zwei Stunden Weg in Kauf nehmen.Eine entscheidende Erleichterung kam mit dem Viermächte-Abkommen 1971. Die DDR trat einen Geländestreifen an West-Berlin ab, auf dem eine Verbindungsstraße nach Wannsee gebaut wurde. Steinstücken war keine Exklave mehr. Dafür wurde es aber zu einer Attraktion für Touristen, weil man hier so viel Mauer wie sonst nirgendwo sah.Richard Sillig ist 87 Jahre alt und wohnt seit fast 70 Jahren in der Siedlung. Sein Haus ist das letzte vor Babelsberg. Richard Silligs Name hat in vielen Zeitungen gestanden, weil er direkt auf die Mauer sah. Weil er noch weiß, wie es vor dem Krieg hier war. Als zum Beispiel "die feinen Leute" aus Babelsberg das Restaurant in der Steinstraße besuchten."Die Fusion mit Brandenburg hätte gleich nach der Wiedervereinigung vollzogen werden müssen", sagt Sillig. Die Trennung sei ebenso unnatürlich wie es die Aufteilung der Stadt nach 1945 in vier Sektoren war.Das Restaurant in der Steinstraße gibt es schon lange nicht mehr. Es gibt überhaupt keine Gaststätte mehr in Steinstücken. Der legendäre "Taubenschlag" ist seit zwei Jahren verwaist. Eröffnet wurde er vor knapp 24 Jahren, als die Steinstückener mit einem Volksfest ihre Straßenanbindung zu Zehlendorf feierten. Der "Taubenschlag" war einmal berühmt für seine Bratkartoffeln. Sogar im Stadtplan war er vermerkt."Die Zahl der Gäste ging seit der Maueröffnung schlagartig zurück", erzählt Udo Pieper, der letzte Wirt. Pieper ist jetzt 34 Jahre alt. Heute arbeitet Pieper als Maurer in Potsdam auf dem Bau. "Weil ich im Westen nichts fand." Natürlich sei er für die Fusion, sagt Pieper. Schon weil man ökonomisch denke. Schließlich ließen sich immer mehr Firmen im Speckgürtel nieder. Ein Ehrengast Seit im Herbst 1989 die Mauer fiel, fahren die Steinstückener öfter zum Einkauf gen Osten. So mancher geht auch nach Babelsberg zum Arzt oder zum Friseur, weil ein Kurzhaarschnitt dort nur zwischen 15 und 18 Mark kostet, in Wannsee dagegen 28 Mark. Doch statt der Mauer sind die Einwohner jetzt von Neubauten auf Brandenburger Seite nahezu umzingelt. An der Steinstraße baute das Studentenwerk Wohnungen hin. Und dort, wo die Niemeyerstraße endet, entsteht gerade ein Wohngebiet für mehrere hundert Familien.Auch in Steinstücken selbst sind die Alteingesessenen in ihren efeuumrankten Villen mit den verschwiegenen Gärten und betagten Bäumen nicht mehr unter sich. Die Einwohnerzahl hat sich seit 1990 fast verdoppelt. Die Niemeyerstraße ähnelt mittlerweile einer Verkaufsausstellung für Eigenheime. Efeu ist nicht mehr gefragt. Dafür sind es Gartenzwerge in den Vorgärten.Günter Roßnagel ist der Vorsitzende des Bürgervereins "Kleintierzucht und Naturfreunde", der sein Domizil hinter einem Holzzaun an der Steinstraße hat. Dort gackern edle Hühner, zwitschern Wellen- und Nymphensittiche, flattern Zebrafinken in Käfigen hin und her. Die Kaninchen wurden abgeschafft, weil die Frau des Vereinsvorsitzenden unter einer Kaninchenallergie litt. Aber Otto döst noch in einem Stall vor sich hin. Der gewann schon so manchen Preis auf Ausstellungen.Der acht Pfund schwere Rammler ist Ehrengast in Steinstücken und eigentlich gebürtiger Brandenburger. Otto gehörte einem Züchter aus Babelsberg, der als Renter vor der Wende die Kleintierzüchter in der Exklave besuchte. Als der Rentner starb, hinterließ er Otto den Steinstückenern. "Otto kommt nie und nimmer in die Pfanne", schwört Günter Roßnagel.Roßnagel ist der gute Geist in der Siedlung Steinstücken und mag über niemanden ein schlechtes Wort sagen. Nicht einmal über die einstigen Grenzposten der DDR. "Die", sagt er, "haben mich kein einziges Mal schikaniert."Andere Einwohner Steinstückens sehen das anders. Sie blicken mißtrauisch nach Brandenburg hinüber, wo auch viele ehemalige SED-Funktionäre, Ex-Mitglieder der Grenz-und Zollorgane wohnen. Sie beobachten mit Befremden, wenn zum 7. Oktober hier und da verblichene DDR-Fahnen aus den Fenstern hängen, Analysen über Wählerzuwachs der PDS in Brandenburg in den Zeitungen stehen. Viele stehen der Fusion mit dem "roten Brandenburg" eher skeptisch gegenüber.Roßnagel sagt, er ist um den Zusammenhalt in Steinstücken bemüht. "Weil ich vom Dorf komme und das nicht anders kenne." Um den Zusammenhalt ist es nicht mehr so gut bestellt, seit die Mauer nicht mehr steht. "Früher", sagt er, "blieben die Leute häufiger auf ein Schwätzchen am Gartenzaun stehen. Heute gehen sie aneinander vorbei."Für den Zusammenhalt schenkt Roßnagel jeden Mittwochabend Bier im Vereinshaus aus oder lädt alle 14 Tage zur "Singestunde" ein. Er organisiert wie alle Jahre bisher das Sommerfest. Und einen Frühschoppen auf dem ehemaligen Hubschrauberlandeplatz. Dort steht heute ein Rotorblatt als Denkmal an die Amerikaner, die Steinstücken von 1961 bis 1972 über den Luftweg versorgten. Der einstige Landeplatz ist von Gestrüpp überwachsen und Herbstlaub bedeckt. "Wenn's Bier gibt", hofft Roßnagel, packt der eine oder andere auch beim Laubharken mit an.An einer Fahnenstange auf der Wiese vor dem Vereinshaus flattert der Bundesadler im Wind. Manchmal weht auch der brandenburgische Adler über den Köpfen der Steinstückener. Im Moment aber hat er Pause. Die Fahne wurde schon zu oft am Mast aufgezogen. Jetzt ist sie verblichen und ausgefranst. Grillen und Preisskat Vor zwei Jahren brachte ein Babelsberger die Fahne den Steinstückenern mit. Nicht ohne Grund. Von den derzeit 80 Mitgliedern des Kleintiervereins stammt mittlerweile ein Viertel aus dem benachbarten Brandenburg. Die Babelsberger stellen sich ohne zu Murren mit an den Grill und helfen beim Ausschank. Ein Metzger-Ehepaar sorgt zur Singestunde für frische Wurst. Und beim Preisskat laufen die brandenburgischen Nachbarn den Steinstückenern sogar den Rang ab. Die ersten vier Plätze, so verkündet eine Liste im Vereinshaus, belegen vier Lehrer aus Babelsberg. +++