ORANIENBURG. Die Gedenktafel an der Pathologie hängt erst seit 1991. Otto Rosenberg hat Fotos gemacht, als sein Sohn sie festschraubte. Bis dahin hatte in der KZ-Gedenkstätte Sachsenhausen nichts an die Opfer unter den Roma und Sinti erinnert, die von den Nazis als "rassisch minderwertig" verfolgt worden sind. 500 000 von ihnen wurden in Europa ermordet.Otto Rosenbergs Bruder ist in Sachsenhausen gestorben, er selbst hat Auschwitz überlebt. Er ist der Vorsitzende des Landesverbandes deutscher Sinti und Roma und sprach am Donnerstag anlässlich des Holocaust-Gedenktages im ehemaligen KZ Sachsenhausen von seiner Freude darüber, nun mitteilen zu dürfen, was mit Roma und Sinti geschehen sei. Ihnen hat die Stiftung Brandenburgische Gedenkstätten den Gedenktag in diesem Jahr gewidmet. Man empfinde eine Verpflichtung gegenüber Opfern, die bisher vergessen oder übergangen wurden, sagte Stiftungsdirektor Günter Morsch.In der DDR ist Morsch zufolge an die rassistische "Zigeunerpolitik" der Nationalsozialisten nicht erinnert worden. In der Bundesrepublik habe dieses Thema erst in den 80er Jahren eine breitere Öffentlichkeit gefunden. Diese Verdrängung sei oft ein Indiz dafür, dass Vorurteile über den Nationalsozialismus hinaus Bestand hatten. Allerdings sei für die Nichtbeachtung der Sinti und Roma nicht nur die fortwirkende Diskriminierung verantwortlich, sagt Morsch. Auch die Quellenlage sei schlecht. Nicht immer habe etwa die SS-Verwaltung Sinti und Roma klar von anderen Häftlingsgruppen unterschieden.Die wachsende Aufmerksamkeit für deren Verfolgung fand ihren Höhepunkt in der Einrichtung eines Dokumentationszentrums 1997 in Heidelberg. Die dort konzipierte Ausstellung "Nationalsozialistischer Völkermord an den Sinti und Roma" ist seit Donnerstag im Neuen Museum der Gedenkstätte Sachsenhausen zu sehen. Sie dokumentiert, wie im Sommer 1938 etwa 500 Sinti und Roma nach Sachsenhausen verschleppt wurden. Die Ausstellung fülle eine Lücke in der Darstellung der NS-Verfolgung, sagte Morsch. Die Mitarbeiter der Gedenkstätte arbeiten aber auch an einer Dauerausstellung über Sinti und Roma, die nach der Sanierung in den alten Krankenbaracken gezeigt werden soll. Der Vorsitzende des Zentralrats, Romani Rose, gab den Gästen der Gedenkveranstaltung gestern eine erste Führung durch die Ausstellung.Rose zeigt auf ein Foto seiner Großeltern. Anton Rose hatte ein Kino in Darmstadt. 1937 durfte er es aus "rassischen Gründen" nicht mehr betreiben. 1943 wurde er deportiert und später in Auschwitz ermordet. Seine Frau starb im Konzentrationslager Ravensbrück. Die Nürnberger Gesetze definierten neben den Juden auch die "Zigeuner" als "artfremd". Die Kinder durften keine öffentlichen Schulen mehr besuchen, in den besetzten Gebieten mussten sie wie die Juden Armbinden tragen, nur dass diese mit einem "Z" gekennzeichnet waren.Bis heute mache die Öffentlichkeit einen Unterschied zwischen den beiden Opfergruppen, sagte Rose. Das zeige die Lage der Sinti und Roma im Kosovo. "Wären dort anstelle von unseren Menschen zehn Juden erschossen worden, hätte es einen internationalen Aufschrei gegeben. Handelt es sich um Roma, reagiert man gelassener.""Bis heute macht die Öffentlichkeit Unterschiede bei den Opfergruppen. " Romani Rose

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