In der kanadischen Provinz Nova Scotia liegen sich West Berlin und East Berlin an der Atlantikküste gegenüber. Grüne Ortsschilder markieren die Grenze. Dabei wird es auch bleiben.: Patchwork an der Blaubeerbucht

Vielleicht ist eigenwilliger Humor etwas Verbindendes unter Berlinern. Ein rauer Ton, der für Uneingeweihte nach Herzlosigkeit klingen mag, aber doch nur dazu geschaffen ist, die Dinge sehr direkt auf den Punkt zu bringen. Wer also Victoria Wentzell fragt, was West Berlin heute ausmacht, wird zur Antwort bekommen: "Früher hatten wir Plumpsklos. Heute gibt es Badezimmer."Victoria Wentzell ist 79 Jahre alt und trägt ihr langes graues Haar zu einem mächtigen Dutt aufgetürmt. Ihr ganzes Leben hat sie in West Berlin an der Ostküste Kanadas verbracht, in diesem 100-Seelen-Dörfchen an der Blaubeer-Bucht. Sie lebt noch immer in dem hellblau getünchten Holzhaus, das einst ihr Vater erbaute und in das nun auch die Familie ihres Sohnes gezogen ist, der guten Seeluft wegen. "Ich wasche jetzt immer das Geschirr ab. Wenn ich tot bin, müssen sie sich wohl eine Spülmaschine kaufen", sagt sie dazu. Victoria Wentzell sticht ihre Nadel sehr entschlossen in eine Patchwork-Decke. Wie jeden Montagmorgen, wenn sich das Nähkränzchen "Busy Bees", Fleißige Bienen, im West Berliner Gemeindehaus trifft. Zehn Decken haben sie dieses Jahr schon zusammengenäht. Es hätten mehr sein können, doch zwei aus ihrer Runde haben sie beerdigt. Nun sind sie noch zu fünft, freundliche, aber sehr bestimmte Damen zwischen 75 und 85, die das Wort Ruhestand für eine lästige Erfindung der Moderne halten. Patchwork-Decken mit der Hand zu nähen hat dafür eine lange Tradition in Kanada. "Quilting" heißt die Kunst, die Geschick und Geduld erfordert. Die schönsten Decken mit den aufwändigsten Mustern bleiben in der Familie, der Rest wird verkauft - für 500 Euro und mehr. Doch das ist noch nicht alles, was die "Busy Bees" ausmacht. Die Damen sind die Nachrichtenbörse West Berlins. Keine Hochzeit, keine Scheidung, keine Beerdigung, die hier nicht sehr genau registriert würde. Die größte Nachricht, die West und East Berlin Schlagzeilen in der Provinzpresse einbrachte, ist allerdings schon ein paar Jahre alt. Es war in einer nebligen Novembernacht, als Drogenschmuggler versuchten, ihre Fracht von Booten auf einen großen Lastwagen zu laden. Sie hatten nicht mit der Neugier die Küstenbewohner gerechnet. Trucks kommen in West Berlin selten vorbei, und wenn sie kommen, ist das ein Grund nachzuschauen, warum sie kommen. Die Polizei war dankbar für den Tipp. In West Berlin zu leben, hieß für die Damen des Nähkränzchens wohl immer schon, das Beste daraus zu machen. Der Tante-Emma-Laden hat geschlossen, die Gebietsreformer verlegten die Schule nach Liverpool, die nächste größere Hafenstadt. Genau genommen gibt es in West Berlin nur noch ein paar Fischer. Ihre bunten Holzboote liegen an der Mole vertäut, neben den Bootsschuppen mit den Dächern voller windschiefer Holzschindeln. Daneben sind bauchige Hummerfallen gestapelt, die aussehen wie zu groß geratene Brotdosen aus den 50er-Jahren. Der Hafen ist ein idyllisches Fleckchen. Von hier aus ist das wogende Seegras des Marschlandes zu sehen. Bei Ebbe laufen die Muschelsucher los, ausgerüstet mit Schaufeln und Eimern. Doch die Idylle trügt. Die Fischerei ist ein sterbendes Geschäft in West Berlin. Bis auf den Hummer ist der Atlantik hier überfischt. West Berlin und East Berlin sind auch sterbende Orte. Viele junge Leute sind auf der Suche nach Arbeit in die Hauptstadt Halifax gezogen. East Berlin hat nun nur noch 40 Einwohner, manche nutzen ihre Häuser lediglich als Sommerfrische. Doch Menschen wie Victoria Wentzell pflegen entlang der huckeligen Küstenstraße ein stoisches Beharrungsvermögen. Sie lächeln mitleidig über den US-Millionär, der sich in East Berlin das größte Haus mit dem schönsten Meerblick als Altersruhesitz baute - und dem dann die Frau davonlief. Vielleicht muss man für East Berlin geboren sein. Die Touristenrouten haben hier ohnehin nie vorbeigeführt. Der offene, stürmische Atlantik, die zerklüftete Felsküste und die Kargheit der Landschaft - es gibt gefälligere Ziele für Naturliebhaber. West und East Berlin vermitteln den Eindruck, dass das Leben hart war, seit sich die ersten europäischen Siedler im 18. Jahrhundert zwischen See und Blaubeerhügeln niederließen. Dass unter ihnen viele deutsche Auswanderer waren, verraten heute noch die Grabsteine auf dem Friedhof West Berlins. Dort liegen die Wagners, die Conrads oder die Wentzells. Haben die Bewohner ihren Ort damals West Berlin genannt? Rechtsanwalt Borden Conrad schüttelt entschieden den Kopf. "Sie nannten ihn Blueberry", sagt der Hobbyhistoriker des Ortes. Schlicht Blaubeere, weil die Früchte hier immer schon in Hülle und Fülle wuchsen. Siedler waren pragmatische Leute, die Orte nach Naturgegebenheiten benannten. So hieß East Berlin früher Pudding Pan, Puddingform, weil die Konturen der kleinen, vorgelagerten Felsinsel im Atlantik daran erinnern. Vor ein paar Jahren hat die Provinzverwaltung aus wohlmeinender Traditionspflege Schnörkelschrift-Schilder mit den alten Ortsnamen aufgestellt. Die West und East Berliner haben sich gedacht, dass die von der Provinzverwaltung zu viel Geld oder eine Macke haben. Borden Conrad sieht ein wenig aus wie Danny De Vito, ein energiegeladener, verschmitzter Mann jenseits der 50. In seinem Wohnzimmer hängt die gerahmte SchwarzWeiß-Fotografie seines Großvaters, der in West Berlin Sauerkrautmacher war. Die Conrads waren schon immer wer in West Berlin. Die Familiengeschichte ist in vergilbten Alben abgeheftet. Vielleicht ist Borden Conrad auch deshalb ein Mann, den das Rätsel um die Ortsnamen West und East Berlin immer brennend interessiert hat. "Ich bin im Kalten Krieg aufgewachsen", sagt er. Die Namensgleichheit mit der Mauerstadt in Deutschland habe ihn amüsiert. Doch West und East Berlin in Kanada sind älter als der Kalte Krieg. Sie sind, glaubt man Borden Conrad, die Schöpfung einer ehrgeizigen Lehrerin. Der Pädagogin soll es peinlich gewesen sein, Ende des 19. Jahrhunderts in Orten zu unterrichten, die Blaubeere und Puddingform hießen. In den Zeitungen, so die Erzählung, las sie 1871 die Berichte über die Gründung des Deutschen Reiches. Den Namen der neuen Hauptstadt Berlin befand sie als würdig genug, um ihn zu kopieren. "Sie wollte etwas ganz Besonderes für ihren Ort", ergänzt Borden Conrad. Mit einer Petition soll die resolute Dame dann von Haus zu Haus gegangen sein, bis die Bewohner einwilligten, Berliner zu werden. Nur werden weit auseinander gezogene Orte in Kanada zur besseren Orientierung traditionell in "Upper" und "Lower" oder in "East" und "West" unterteilt. Was blieb, war nur die Blaubeerbucht als Name für den Küstenstrich.Im Provinzarchiv in Liverpool liest sich Borden Conrads Geschichte profaner. Dort hat Autor Thomas J. Brown 1922 in seinem Buch "Nova Scotia Place Names" zu West und East Berlin kurz vermerkt: "Der heutige Name geht auf einen Parlamentsbeschluss im Jahr 1886 zurück." Wie der zu Stande kam, wissen auch die Archivare nicht. Draußen vor der Küste East Berlins warnt eine Heulboje vor den Tücken des Atlantiks. Hier ist die See voller kantiger Riffe und flacher Sandbänke, die Flut drückt ihre Wassermassen mit ungeahnter Macht in eine kleine Kiesbucht. Doris Schranes Großvater hat hier früher jeden Abend das Leuchtfeuer angezündet - bevor die Elektrizität kam. Doris Schrane ist stolz auf ihre Geburtsurkunde, in der nur "East Berlin" vermerkt ist. "Kanada haben sie damals nicht darauf geschrieben", berichtet die 54-Jährige. Es sei ja noch eine Hausgeburt gewesen, und der Doktor hatte es eilig. Dadurch hat Mrs. Schrane, geborene Lohnes, ihrer Ansicht nach so etwas wie eine universelle East-Berlin-Bürgerschaft erworben. "Die Menschen im eingemauerten Ost-Berlin haben mir immer Leid getan", sagt sie. "Waren die Russen wirklich so schlimm?"Im November 1989 hat Doris Schrane stundenlang vor dem Fernseher gesessen und einen kleinen Triumph gefühlt, als sie die Berliner auf die Mauer einhämmern sah. "Hätte ich auch gemacht." Vielleicht ging es ihr da wie vielen Menschen, die in aller Welt in Orten mit Namen Berlin leben. Doris Schrane möchte gern einmal nach Berlin, Germany, reisen. Sie ist in ihrem Leben nur bis Bridgewater gekommen, das sind vierzig Kilometer auf dem Küsten-Highway. Dort arbeitet sie in einem kleinen Gemischtwarenladen. Die Frage, ob sich East und West Berlin in Nova Scotia, Kanada, wieder vereinigen sollten, hat sich Doris Schrane allerdings noch nie gestellt. Sie kichert wie ein kleines Mädchen. "Nun, wir könnten hier vielleicht das Gras wieder vereinigen", sagt sie dann.------------------------------Foto (2): Himmel über East Berlin