Sie weiß langsam nicht mehr, wie es weitergehen soll. Anja Wiroth, Chefin vom Rocky Ragazzo, hat erst mal ihr Restaurant dicht gemacht. "Fehlende Laufkundschaft, wenig Touristen, keine Sonne und ungebrochener Mieterwiderstand", das sind die Gründe, warum der temperamentvollen Geschäftsfrau langsam die Luft ausgeht. Dass es nicht ganz einfach ist, am Strausberger Platz ein Restaurant zu eröffnen, war ihr von vorneherein klar. Sie hat dort bereits seit fünf Jahren Büroräume für ihre Agentur gemietet. Es kam schon mal vor, dass eine ältere Damen aus dem Haus im Nachthemd klingelte und meinte, sie würde laut und deutlich Schritte hören. Wiroth solle doch Teppichboden legen, Anja Wiroth wollte aber den Originalfußboden aus Steinholz behalten. Nach späterem Nachfragen meinte die Dame, es sei etwas anderes gewesen.Solcherlei Verwirrungen sind symptomatisch für die derzeitige Situation. Welten trennen auf der Karl-Marx-Allee die sogenannten Erstmieter und die nach und nach eingezogenen Neumieter. Letztere sind meist junge Familien, kreative Singles oder Galeristen, eben die Neuberliner Mischung, die sich neue Lebensräume in der Stadt sucht. Die Karl-Marx-Allee besitzt trotz ihrer Funktion als Bundesstraße durchaus ihren Reiz. Von Hermann Henselmann und anderen Architekten in den 50er Jahren erbaut, steht diese repräsentative Prachtallee mit Wohnhäusern im Zuckerbäckerstil als Beispiel des sozialistischen Klassizismus für eine erfolgreiche DDR. Wegen der gekachelten Fassaden nannten die DDR-Hauptstädter die Allee auch Stalins Badezimmer. Jedenfalls galt die Allee als Vorzeigeprojekt mit luxuriösen Wohnungen, in die privilegierte DDR-Bürger einziehen durften. Viele wollen nun trotz einer neuen gesellschaftlichen wie politischen Realität in Ruhe ihren Lebensabend bestreiten.Im Sommer letzten Jahres fing alles damit an, dass vor dem Rocky Ragazzo Tische und Stühle aufgestellt wurden und junge Menschen dort ihren Kaffee tranken, mal kurz zu Mittag aßen oder abends die lauen Sommernächte genießen wollten. Die älteren Damen des Hauses wollten das nicht. Und damit fing die unerquickliche Verkettung von abendlichem Restaurantbetrieb, Beschwerden, Ordnungsamt sowie zahlreichen Polizeieinsätzen an. Der Ausweg, an der Rückfront ein paar Tische und Stühle in der Sonne - vorne am Platz ist die Schattenseite - zu platzieren, scheitert nun an der Mutlosigkeit des Vermieters, der mittlerweile auch von den ständigen Beschwerden zermürbt zu sein scheint.So attraktiv der Strausberger Platz auch scheint - selbst der Architekt Henselmann hatte früher in einem der Türme gewohnt -, so ist doch auch irgendwie der Wurm drin. Schräg gegenüber vom Rocky Ragazzo, auf der Sonnenseite, hat Cristiano Rienzner mit seiner Molekular-Kochkunst und dem Maremoto auch aufgegeben. Es spielten dabei sicher mehr Gründe eine Rolle als nur die schwierige Nachbarschaft, doch den Außenbereich hat auch er kaum bespielt und auch bei ihm sind die Nachbarn nie vorbei gekommen, genauso wenig wie im Rocky Ragazzo. "Dabei haben wir zu einem fairen Preis für die Nachbarschaft Kaffee und Kuchen angeboten", erzählt Anja Wiroth.Es ist eben nicht der einfachste Standort. Das weiß auch Petra-Annette Höller. Sie ist Betriebsleiterin der Block-House-Filiale, die 1996 in der Karl-Marx-Allee eröffnete. Vorher gab es an dieser Stelle das Restaurant Budapest. Frau Höller hat auch in diesem Betrieb gearbeitet, kennt also die Gegend zu Genüge. "Es hat gedauert, bis wir Stammgäste hatten." Heute sind es rund 70 Prozent, "der Rest sind Touristen, die direkt von der Mauer herüberspaziert kommen." Doch auch sie diagnostiziert der Allee zu wenig Laufpublikum. Sie macht die aktuelle Ladensituation mit verantwortlich. "Es gibt keine Einkaufsmöglichkeiten, keine auffälligen Schaufenster, die einen Spaziergang attraktiv machen." Für sie gehören Qualität und Service zum Erfolgsrezept, aber auch die Außendarstellung sei wichtig. Darauf würden die Nachbarn sehr achten, dass es sauber und ordentlich aussieht.Aber es gibt Hoffnung und eine weitere Option für die Verbesserung der gastronomischen Situation. Seit September 2010 agiert das von der Wirtschaftsförderung des Bezirkes initiierte Management Karl-Marx-Allee. Das soll nun die widersprüchlichen Interessen moderieren und eine Lösung finden. Michael Nabor ist für den gastronomischen Bereich der Allee zuständig und kennt mittlerweile fast jeden Gastronomen und seine Probleme. "Wenn mir erzählt wird, dass ein Ehepaar in die Trattoria kommt, sich eine Pizza teilen will, dazu Leitungswasser trinkt - dann sind die Probleme offensichtlich." Beim Management setzt man auf "Vielfalt", das sei das Motto, mit dem man arbeiten könne. Nur ein Beweis: Er sei vor Kurzem im Waterlily, einem neuen vietnamesischen Restaurant, zum Mittagessen gewesen. Auch das CSA, eine Bar unweit der Weberwiese, sei eine erfolgreiche Institution. Aber auch er bestätigt die Wahrnehmung, dass es die ältere Generation sei, die die Straßenszenerie bestimmt. Die Jüngeren würden sich doch eher in die Simon-Dach-Straße zurückziehen, denn dort hätten sie für ihre Bedürfnisse das entsprechende Angebot. Rund um den Strausberger Platz sei inzwischen aber eine international bekannte Galerienszene etabliert. Doch unter den meisten Anwohnern der Allee würde das Ausgehen nicht als alltäglicher Genuss, nicht als alltagskulturelle Bereicherung verstanden: "Hier herrscht noch das Selbstverständnis, dass man einmal im Jahr groß ausgeht - und das war es dann."Anja Wiroth hat auch von der jüngeren Nachbarschaft wie den Galeristen zu wenig Unterstützung erfahren. Bis auf einen, der anfänglich ihren kleinen Laden besuchte und ein paar Flaschen Wein einkaufte. Denn das wollte Anja Wiroth auch gerne erreichen, dass die Nachbarn nach ihrer Arbeit mal kurz vorbeischauen, ein wenig plaudern, sich ein paar Nudeln, eine Sauce und eben Wein mit nach Hause nehmen. Das klappte nicht. Doch ganz will die taffe Geschäftsfrau nicht aufgeben. Ab April wird sie am Wochenende ein spezielles Frühstück anbieten, und vielleicht klappt es dieses Mal mit der Sonnenseite und vielleicht auch mit den Nachbarn - denn guter Kaffee sollte doch in jeder Welt Anerkennung finden?