Eines nach dem anderen trauen sich die vier Mädchen durch die Galerietür. Für die Tierköpfe an der Wand aus drahtumwickeltem Schaumstoff interessieren sich die vier schwarzhaarigen Abenteurerinnen nicht. Auch nicht für die leuchtenden Gemälde. "Kann ich die Feder haben?", fragt ein Mädchen, Galerist Gunnar Schulz nickt milde. Die Kleine greift sich die pinkfarbene Feder und eilt wieder auf die Straße. "Mich fasziniert das Interesse der Leute", sagt Susanne Schirdewahn, nachdem die Mädchen verschwunden sind. Die 32-jährige Künstlerin baut gerade mit den Machern der Galerie ArtCracker in der Prinzenallee in Wedding ihre Ausstellung auf. Die wird heute eröffnet, wenn die Kolonie Wedding wieder zum Rundgang durch den Kiez Soldiner Straße einlädt.Das Konzept der Kolonie, die es seit anderthalb Jahren gibt, heißt "Ladenleerstandsnutzung": Künstler und Galeristen beleben verödete Viertel, indem sie freie Läden nutzen. Das Konzept gibt oder gab es auch mit Urban Dialogues im Wrangelkiez in Kreuzberg, mit Boxion in Friedrichshain oder mit der Zentrale-Moabit im Beusselkiez. Im Wedding funktioniert es besonders gut."Elf Läden mit Galeriecharakter sind es, und es werden mehr", sagt Lukas Born im Büro des Quartiersmanagements Soldiner Straße. "Es hat neue Leute angezogen und die Bewohner im Wedding elektrisiert", bilanziert Born. Drohen im Wedding jetzt Mieten wie in Mitte? "Wir sind weit von Verdrängungen entfernt, hier gibt es noch viel Leerstand." Aber zumindest hätten schon Besucher festgestellt, "dass es hier mehr Spielplätze gibt als im Prenzlauer Berg", sagt Born.Heute ist auch in Moabit Vernissage. Monika Rohrmus öffnet ihren "Kunstladen" in der Wiclefstraße 45 zum Atelierbesuch (19 Uhr). Mehr ist nicht geblieben von der "Zentrale-Moabit", bei der vor zwei Jahren Künstler ein Dutzend Läden im Beusselkiez zu Kunst-Räumen machten. "Voriges Jahr war die Luft aber ein bisschen raus", sagt Birgit Hunkenschroer vom Quartiersmanagement-Büro in der Rostocker Straße. Moabit sei wohl doch etwas zu weit ab vom Schuss. Hunkenschroer erinnert sich aber auch, dass Künstler und Bewohner nie richtig warm miteinander wurden: "Einige Bewohner konnten mit der Kunst und dem Publikum nichts anfangen." Die Künstler zogen wieder aus, die Läden stehen wieder leer.Warum ihr Projekt in Wedding besser funktioniert, können die Galeristen von ArtCracker, die zu den Kolonie-Gründern gehören, nur vermuten. "Die Leute hier wollen richtige Galerien machen, nicht nur ihre Ateliers ein bisschen öffnen", sagt der 38-jährige Gunnar Schulz. Diese Professionalität überzeugte zumindest die Wohnungsbaugesellschaft Degewo, Besitzerin der Ladenflächen. Die Mietverträge wurden verlängert, die Künstler zahlen weiter nur die Betriebskosten.Ob sie den Kiez mit ihrer Arbeit verschönert haben? Schulz kann sich nicht zu einer Antwort durchringen. Seine Künstlerin hilft. "Als ich das erste Mal hierher gekommen bin, sagte der Taxifahrer nur, in der Prinzenallee gibt es keine Galerien", sagt Susanne Schirdewahn. Sie glaubt, dass sie sich diesmal so einen Kommentar nicht anhören muss.Vernissage: ArtCracker, Prinzenallee 25/26, heute ab 20 Uhr.BERLINER ZEITUNG/PAULUS PONIZAK Ein Beispiel für gelungene Kunst im Wohnviertel: An der Fassade des Hauses Kollwitz-/Ecke Knaackstraße in Prenzlauer Berg wurden gestern 1,30 Meter große Windräder montiert - eine Aktion der Galerie Blickensdorff. Die Galerie nutzt das Wohnhaus regelmäßig zu Kunstaktionen.