Falls Sie wirklich die Geschichte hören wollen, warum Kiepenheuer & Witsch jetzt eine neue Übersetzung von J.D. Salingers Klassiker "The Catcher in the Rye" herausbringt, so wollen Sie vermutlich als Erstes wissen, wieso die Fassung von Heinrich Böll, die seit 1962 als "Der Fänger im Roggen" gehandelt wird, nun ausrangiert wird. Man könnte noch einmal aufrollen, dass sich viele Kritiker damals vom guten Namen Bölls blenden ließen und die Übersetzung als "gelungen" bezeichneten, während dem Kölner Schriftsteller später "grobe Nachlässigkeiten und sinnentstellende Fehler" nachgewiesen wurden. Aber da sich Heinrich Böll nicht mehr wehren kann, wollen wir hier nur erzählen, wie es dazu kam, dass seine Übersetzung - ohne dass ihn daran die Hauptschuld trifft - die Qualität einer Kopie einer Kopie einer Kopie hat. Als in Amerika mit dem Erscheinen von "Franny and Zooey" der Kult um Salinger im Herbst 1961 so richtig losbrach - das Time-Magazin brachte eine Titelgeschichte -, erinnerte man sich in Köln an eine Übersetzung von 1954, die Irene Muehlon für den Zürcher Diana Verlag angefertigt hatte. "Der Mann im Roggen", so der erste Titel, war ohne nennenswerte Resonanz geblieben und hatte wie Blei in den Buchregalen gelegen. KiWi kaufte den Schweizern 3 000 Exemplare vom "Mann im Roggen" ab und ließ Salingers einzigen Roman von Böll noch einmal überarbeiten. Dass auch Bölls Überarbeitung von Muehlons prüder Übersetzung nicht die Frechheit des Originals erreicht, beruht auf Unachtsamkeit. Ihm lag als Ausgangstext - wie Irene Muehlon auch - eine in London erschienene "Catcher"-Ausgabe vor. Die aber weicht gravierend vom Original ab, wie Penguin-Lektor Tim Bates vermerkte. Als er 1994 eine Taschenbuch-Neuedition vorbereitete, musste er 800 Änderungen vornehmen, um den Originaltext zu rekonstruieren. Bei der ersten britischen Hardcover-Ausgabe hatte der Verlag Hamish Hamilton nämlich Holdens viertägige Odyssee durchs vorweihnachtliche New York gekürzt, viele Flüche des 17-Jährigen zensiert, Kursivsetzungen übergangen und die Widmung "To My Mother" unterschlagen. Bei KiWi hatte man sich seit langem eine Korrektur diese Missstandes gewünscht, sie aber aus Rücksicht auf die Empfindlichkeit des Autors und der Böll-Erben hinausgezögert. "Wir sind das jetzt ganz ruhig und sachlich angegangen und haben mit Salingers Vertretern bei den Literaturagenturen Liepman in Zürich und Harold Ober in New York jedes Detail abgesprochen", sagt Bärbel Flad, langjährige Lektorin für ausländische Literatur bei KiWi. Ihr Wunschkandidat für eine Übersetzung erstmals nach Salingers Originaltext war der Hamburger Eike Schönfeld. Dessen Glück war, dass er das Buch bis dahin nicht kannte. So konnte der 53-Jährige ganz unbefangen den "Catcher" lesen und "ganz, ganz toll" finden: "Holdens Sprache ist wie ein Stock, an den er sich klammert und mit dem er sich gegen die Zumutungen wehrt, die ihm widerfahren." Knifflig für den Übersetzer, der schon Henry Roth, Jerome Charyn, Nicholson Baker und Joan Didion ins Deutsche übertragen und "alles easy? Ein Wörterbuch des Neudeutschen" verfasst hat, war die angemessene Wiedergabe der häufig verwendeten Flüche wie "goddam", Beschimpfungen wie "bastard" oder "Sonuvabitch" und Anhängsel wie "and all", "or anything" oder "or something". "Als ich das Manuskript an den Verlag abgegeben habe, wimmelte es nur so vor Ausdrücken wie ,und so ", sagt Schönfeld. Obwohl viele davon wieder gestrichen wurden, hat Schönfeld nicht den Fehler seiner Vorgänger begangen, Holdens Sprache verbessern zu wollen. "Ich verstehe mich als Komplize des Autors", sagt er, "und wenn Holden unpassende Begriffe verwendet, die wie geborgte kraftmeierische Versatzstücke wirken - was Salinger sehr bewusst zur Charakterisierung seines Protagonisten getan hat -, dann müssen sie auch auf deutsch wie geborgt wirken." Kopfzerbrechen hat Schönfeld ein Wort bereitet, das Holden inflationär gebraucht: "crazy". "Ich habe mir tagelang überlegt, wie ich es übersetze. Am Ende bin ich dann doch wieder bei verrückt gelandet." Nur einen einzigen Ausdruck hat Schönfeld nicht übersetzt: das verstümmelte "? you" der Hamilton-Ausgabe, das Irene Muehlon verschämt mit "." wiedergegeben hat und Böll völlig unverständlich mit "dich.". In Schönfelds Übersetzung steht wie in Salingers Original einfach: "Fuck you". Da der Erzähler den Leser künftig auch nicht mehr mit Sie anspricht wie bei Böll, wird die Identifikation mit Holdens Gefühlswelt leichter fallen. "Man kriegt jetzt ein unglaublich gutes Gefühl für die Verzweiflung dieses Kindes", sagt Flad. "Das war mir bisher nicht so bewusst, wie sehr Holden leidet und sich mit Sprache wehrt. Und genau das ist die Kunst des Autors. Das Buch ist nicht irgendwie hingehauen, sondern hochkunstvoll." Heute beträgt die Auflage der in drei Dutzend Sprachen übersetzten Bibel der Jugend mehr als 60 Millionen Exemplare. In Japan erscheint im kommenden Frühjahr ebenfalls eine Neuübersetzung des "Catcher" - übersetzt von Haruki Murakami. Ob Jerome David Salinger, der am 1. Januar 84 Jahre alt wurde, von den Neuausgaben weiß, ist nicht bekannt. Der seit 38 Jahren verstummte Autor, der ungeliebte Biografen gerichtlich verfolgen ließ, lebt zurückgezogen mit seiner dritten Frau Colleen O Neill in einem Haus in den Wäldern von New Hampshire, verweigert Interviews, die Verfilmung seiner Bücher und hat seit 1965, als in seinem Hausblatt "The New Yorker" die lange Geschichte "Hapworth 16, 1924" aus dem Glass-Zyklus erschien, keine Zeile mehr veröffentlicht.REPRO J. D. Salinger: Der Fänger im Roggen.Neuübersetzung von Eike Schönfeld.Kiepenheuer & Witsch, Köln 2003. 269 S. , 15 Euro.