Das Principato di Lucedio leuchtet rot am Horizont. Das Landgut von Trino, ein kleines Fürstentum in der piemontesischen Poebene, gehört der Comtessa Salvadori di Wiesenhoff, die Touristen und Reisliebhaber durch die prachtvolle backsteinerne Anlage führt, in der Reis verarbeitet wird - fast so wie vor Jahrhunderten, als Mönche hier lebten und arbeiteten. Manchmal kommen ausländische Durchreisende, Italiener sowieso, die im Gutsladen Reis in Leinensäckchen kaufen: den Arborio, Carnaroli oder Baldo. Und vorangemeldete Esser werden mit Risotto verwöhnt. Außerhalb Italiens wissen nicht viele von der Schönheit dieser flachen, am Rande der Alpen gelegenen Landschaft. Der Cineast erinnert sich allenfalls an Silvana Mangano mit hochgebundener Schürze und sieht sie mit nassglänzenden Schenkeln im Reisfeld stehen. "Bitterer Reis" heißt der 1949 von Dino de Laurentis gedrehte Schwarzweißfilm über Italiens Reisarbeiterinnen, die zu Tausenden aus dem ganzen Land in Sonderzügen gen Vercelli verschickt wurden. Noch bis in die frühen 50er-Jahre waren in dieser Gegend Bilder wie in "Riso Amaro" Wirklichkeit, wurde der Reis immer auf dieselbe Art angebaut: Frauen mit strohenen Hüten und Schürzen befreien die Felder von Unkraut, und wenn der Reis reif ist, wird er geschnitten und in Bündeln abgelegt. Während die Männer auf riesigen Maschinen sitzen, stehen die Frauen in gebückter Haltung arbeitend, von Mücken zerstochen im nassen Feld. Bitterer Reis. Im Frühling sind die Reisfelder quadratische Seen, die vom Ticino gespeist werden. Aus dem Gebirge wird das Wasser durch die Flüsse Sesia und Dora Baltea in die Ebene geleitet, durch 900 Kilometer Kanäle fließt es auf die Felder. Ende August, wenn der Reis geblüht hat, flutet es zurück. Die gereiften Pflanzen werden zum Mähen trockengelegt. Feiner Dunst liegt dann über den goldenen Ähren. Das tief liegende Land und die vielen Senken verursachen oft dichten Nebel in der Region. Wenn er steigt, tauchen als unscharfe Silhouetten immer wieder Reissilos auf. Wer jetzt am Rande eines Feldes spaziert, verscheucht Tausende winziger Frösche. Ein plötzliches Knistern und Rascheln geht durch die trockenen Halme: Eine Massenflucht, zahllose Verwandte sind schließlich längst im Kochtopf gelandet, von Bauern mit Käschern aus den Kanälen gefischt. In Nazzaro kann man einiges über den Reis lernen, in einem hässlichen Schulhaus entsteht gerade ein kleines Museum, das landschaftliche Ansichten zeigt und alte Arbeitsgeräte aufbewahrt. Das wirklich Sehenswerte an Nazzaro aber ist die Abbia dei Santi Nazzaro e celso, die Abtei des heiligen Nazarius. Der Bau steht auf einer Furt, war Abtei und Pilgerstätte zugleich und ist eigentlich ein Remake aus dem 14. Jahrhundert. Wer oben stand, konnte sehen, ob ein Wanderer aus Vercelli oder Nowarra im Anmarsch war. Die ziegelrote Schönheit im Buchsbaumgarten hat Fischgrätmauerwerk aus den runden Steinen, die ihre Erbauer einst im breiten Bett der Sesia sammelten. Fresken im Kreuzgang stellen den Heiligen Benedict dar, drinnen leuchten Terrakottaböden im milden Licht und rosafarbene Säulen. Unter Muschelschalen im Gebälk ruht Maria mit dem Kinde in nachtblaues Tuch gehüllt, goldbekrönt. Kaum ein Reisender schaut auf Vercelli. Dabei ist der Marktplatz mit den umstehenden Häusern und Arkaden durchaus sehenswert und auch die beiden Kirchen San Christoforo, ein Renaissance-Bau, und die gotische San Andrea. Gut die Hälfte des italienischen Grundnahrungsmittels kommt aus der Provinz Vercelli. 2 000 Tonnen Reis pro Jahr verarbeitet dort allein die Riseria Carlo Re. Sieben bis acht Sorten hat die Reismühle Carlo Re im Angebot. Der Carnaroli gilt als beste italienische Reissorte, hervorragend geeignet für Risotto, das man um Vercelli gern mit Fröschen oder weißen Bohnen und gekochter Salami zubereitet. Auch in Deutschland können die Genießer inzwischen zwischen Reisbrei und Risotto unterscheiden, doch die wenigsten Köche bieten das zeitaufwändige Gericht an. Holger Zurbrüggen, 34-jähriger Münsteraner und Koch des "Langhans" am Berliner Gendarmenmarkt, wurde im letzten Jahr der Risottomeister unter den Köchen Europas und ausgezeichnet vom Italian Culinary Institut for Foreigners. Sein Ingwer-Risotto, das er in ein Stubenküken füllte, überzeugte sogar die Italiener.SERVICE // Anreise: Von Berlin-Tegel nach Mailand und zurück mit Alitalia ab 538 Mark.Sehenswert: Klosterkirche von San Nazzaro, Abbazia deo Santi Nazzario e celso, 28060 S. Nazzaro Sesia (No), Tel. : 0321/83 40 73; Principato di Lucedio, 13039 Trino (Vercelli), Frazione Lucedio, 8, Tel. /Fax: 0161/8 15 19, E-Mail: lucedio@plurinet. it, http://www. plurinet. it/lucedio; Reismuseum in San Nazzaro (auf Anfrage beim Fremdenverkehrsamt vor Ort zu besichtigen).Essen: Regionale Küche, also auch Risotto, serviert man im Restaurant Il Giardino, Vercelli, Via Sereno 3, Tel. : 011/25 72 30, montags geschlossen, Menü ab 60 Mark.Auskünfte: Imatur, Hohenstaufenring 63, 50674 Köln, Tel. : 0221/9 21 34 30, Fax: 9 21 34 39; Ufficio Gestione Turistica, Via Barbara 1, 28060 San Nazzaro (No), Tel. : 0161/25 32 73 oder in 13100 Vercelli, Via S. Cristoforo, Uff. Turismo, Tel. : 0161/59 02 22.INGE AHRENS Am Rande ausgedehnter Reisfelder liegt das Principato di Lucedio, das Touristen anschauen können.INGE AHRENS In Leinensäckchen verpackt, wird der Reis im Laden des Principato di Lucedio verkauft.