EBERSBACH. Gunter Fritz nimmt die nur einen Meter lange Flinte in die Hände und lädt sie wie eine Pumpgun durch. "Das geht ganz einfach", sagt er lässig und schiebt eine Tüte mit der Munition über den Tisch. "Gummigeschosse. Jeder Schuss ein Faustschlag." Der hagere Mittfünfziger verzieht keine Miene. Für einen Waffenhändler gehört Coolness zum Geschäft. Auch wenn er nur einen Laden von gerade mal 30 Quadratmetern Größe betreibt.Fritz' Fachgeschäft für Waffen und Sicherheitstechnik im ostsächsischen Ebersbach ist vollgestellt mit Regalen und Schränken, in denen man zwischen "Messern aus aller Welt", Luftgewehren, Gaspistolen und Schusswaffen mit echter Munition wählen kann. Auch Alarmeinrichtungen und Selbstschussanlagen sind im Angebot. "Alles, was man hier eben so braucht", sagt Fritz. Sein Laden liegt an der Spreedorfer Straße. Hinter den Grundstücken auf der anderen Straßenseite plätschert die hier fünfzig Zentimeter breite Spree. Ein Grenzflüsschen, das Deutschland und Tschechien trennt.Trennt? Fritz lacht kurz und bitter auf. "Die haben sogar mal einen Trabant in Ebersbach geknackt und über die Spree nach Tschechien getragen", erzählt er. Die? "Tschechen. Polen. Zigeuner. Oder Roma, wie das heute heißt. Seit zwanzig Jahren, seit wir hier keine richtige Grenze mehr haben, kommen die alle her zum Klauen."Die und Wir - das Weltbild von Gunter Fritz ist schlicht, doch es ist weit verbreitet in der Oberlausitz. Seit Inkrafttreten des Schengener Abkommens und dem Wegfall der Grenzkontrollen zu Tschechien und Polen Anfang 2008 ist die Zahl der Eigentumsdelikte hier wie in ganz Ostsachsen sprunghaft angestiegen. Inzwischen ist die Lage wieder so wie Anfang der 90er-Jahre. In der überwiegenden Zahl der Fälle kommen die Täter von jenseits der Grenze und entwischen unkontrolliert über Waldwege und Straßen. Deshalb ist die mit ihren sanften Hügeln und grünen Bergwiesen so friedlich anmutende Grenzregion um Zittau im südöstlichen Zipfel des Freistaats das Gebiet mit der höchsten Kriminalitätsbelastung in Sachsen.869 Autos wurden hier im vergangenen Jahr gestohlen, 300 mehr als 2008. Damit liegt die Zittauer Gegend landesweit auf Rang zwei, dicht hinter Dresden. Auch bei der Zahl der Diebstahlsdelikte ist die Grenzregion mit 15 182 ganz weit vorn. Bei Einbrüchen in Wohnhäuser und Lauben sowie Bau- und Handwerksbetriebe liegen die Steigerungsraten zwischen 34 und 56 Prozent.Wo man auch hinkommt rund um Zittau, überall erzählen die Leute Geschichten über die "Räuber von drüben". Es sind Geschichten, die sie selbst erlebt haben oder die durch die Dörfer geistern. Die von dem Autohaus in Neugersdorf etwa, das Diebe gleich viermal in einem Monat heimsuchten. Jedes Mal warfen sie Scheiben der Autos ein und klauten die Navigationsgeräte oder montierten die Reifen ab. Oder die Geschichte vom "Zweiradhaus" in Ebersbach, einem Fahrradgeschäft, das 2008 fast zwanzigmal, wenn auch nicht immer mit Erfolg, von Einbrechern heimgesucht wurde.Vergitterte FensterMitten in Zittau montierten kürzlich Diebe die kupfernen Dachrinnen am Theater ab. Von den Baumärkten wird erzählt, dass Banden dort Bohrmaschinen und andere Geräte in die Einkaufswagen packen, damit in den Gartenbereich vor der Halle fahren und die Ware über den drei Meter hohen Zaun werfen, hinter dem Komplizen das Diebesgut auffangen. Aber auch Privatleute werden regelmäßig Opfer. Fahrräder, Gartenmöbel, Rasenmäher und selbst Sandsteinfiguren bleiben nicht unbeobachtet im Garten stehen. In vielen Häusern sind die Fenster im Erdgeschoss vergittert, weil schon Diebe am Tag ins Haus kamen, als die Besitzer oben ihren Mittagsschlaf abhielten. Inzwischen werden viele Diebstähle gar nicht mehr angezeigt, wenn der Schaden unter 1 000 Euro liegt, weil die Prämien für die Versicherung sonst kaum noch bezahlbar wären.Waffenhändler Fritz in Ebersbach kennt all diese Geschichten. Sein Laden ist eine Art Informationsbörse, Tag für Tag werden ihm die neuesten Fälle von Diebstahl und Einbruch zugetragen. Und er lebt auf gewisse Weise, auch wenn er nicht gern darüber spricht, recht gut von der steigenden Kriminalität. "Na ja, Alarmanlagen, Pfefferspray und Gaspistolen gehen ganz ordentlich", sagt er, "aber natürlich könnte das Geschäft besser laufen, wenn mehr Geld da wäre in der Region." Die Pumpgun mit den Gummigeschossen etwa kostet 465 Euro. "Wäre sie 200 Euro billiger, hätte ich schon 20 Stück mehr davon verkauft", sagt er.Ebersbachs Bürgermeister, Bernd Noack, schüttelt energisch mit dem Kopf, wenn er das hört. "Ich will hier keine amerikanischen Verhältnisse", sagt er entschieden. "Schreckschusspistolen und Reizgas führen nicht zu Deeskalation und mehr Sicherheit, das ist ein Irrweg." Aber dann sagt auch er, dass es Aufregung gebe im Ort und Wut. "Wir können hier nachts ohne Angst durch die Straßen laufen. Aber ein Fahrrad unter einer Laterne angeschlossen stehen lassen, das geht nicht. Und das in einer ländlichen Region - das kann doch nicht sein."Noack ist ein mittelgroßer Mann mit freundlichem Gesicht. Keiner, der nur klagt und anklagt. "Wir leben seit zwanzig Jahren hier mit einer deutlich höheren Quote an Kleinkriminalität als im Rest des Freistaats, die Menschen haben sich in gewisser Weise daran gewöhnt", sagt er. Lästig sei das, jawohl, aber nicht so dramatisch, dass die Leute hier die Grenze wieder aufbauen wollen. "Das sind nur Einzelne, die meisten Bürger wissen, dass uns die offenen Grenzen in unserem Dreiländereck wirtschaftlich und touristisch eine Zukunft garantieren." Nun sei es aber an der Landesregierung in Dresden, den Menschen auch das Gefühl wiederzugeben, man nehme ihre Sorgen ernst und packe das Kriminalitätsproblem endlich an. "Manchmal habe ich aber den Eindruck, dass bei der Landesregierung die Meinung über uns vorherrscht, das müssen die aushalten, dafür haben sie eine schöne Landschaft."Dass die Situation nur lästig sei und keineswegs dramatisch, sieht Gotthard Körner allerdings ganz anders. "Wir haben Angst, wir werden bei jedem Geräusch in der Nacht wach und gehen ans Fenster", sagt er. "Jeder ist unruhig, ständig fragt man sich, habe ich alles abgeschlossen. Jeder Fremde, der in den Ort kommt, wird misstrauisch beäugt."Auch Körner ist ein ruhiger, freundlicher Mann, einer, der seine Gefühle im Griff hat. "Ich muss Autos verkaufen, wenn ich mich da von Panik überkommen lassen würde, könnte ich gleich dichtmachen", sagt der 67-Jährige. Dabei ist er schon Opfer eines Raubüberfalls geworden. In sein Autohaus in Oderwitz brachen Diebe im Juli letzten Jahres ein. "Sie rissen den Schrank mit den Autoschlüsseln aus der Wand und ließen vier Wagen mitgehen", erzählt er. In der folgenden Nacht kamen die Männer wieder. Körner hatte im Büro gewacht und alarmierte die Polizei. Doch als die Beamten eintrafen, waren die Diebe mit zwei weiteren Autos bereits auf und davon. Den Schaden von rund 100 000 Euro beglich zwar die Versicherung; doch jetzt wäre Körner mit 50 Prozent Selbsthaftung dabei, wenn wieder ein Fahrzeug geklaut würde. "Dann bin ich am Ende", sagt er.So weit war es bei Wolfgang Märkisch auch fast. Der 58-Jährige hat in der Wendezeit einen Getränkehandel aufgebaut, inzwischen betreibt er zwölf Lebensmittel- und Getränkemärkte in der Region. Seit der Öffnung der Grenze vor zwei Jahren kam es immer wieder zu Einbrüchen, vor allem in der Firmenzentrale in Zittau. "Vor zwei Jahren sind die praktisch jede Nacht über den Zaun und haben Leergut geklaut, jedes Mal waren zwischen 100 und 200 Euro weg", erzählt Märkisch. "Ich stand dicht davor, alles hinzuschmeißen. Aber dann habe ich hochgerüstet." Für 20 000 Euro stellte er im Dezember 2008 einen 2,40 Meter hohen Stahlgitterzaun um das bereits einmal umzäunte Grundstück auf, legte Stacheldraht und Stolperfallen aus. "Wie früher an der Zonengrenze", sagt Märkisch stolz, als er am doppelten Zaun steht und den Stacheldraht streichelt. "Gutes Material", murmelt er. Letztes Jahr sei er einmal hineingestolpert und habe sich das Schienbein aufgerissen. "Das hat ein halbes Jahr geeitert", sagt er und lacht.Märkisch ist ein resoluter Typ, der anders als der Autoverkäufer Körner keinen Hehl macht aus seinen Gefühlen. Dass die meisten Diebstähle in der Grenzregion von Polen und Tschechen begangen werden, hält er - und darauf legt er Wert - nicht für ein Problem der Nationalität. "Das ist eine Frage von Arm und Reich, wir Deutschen würden im umgekehrten Fall wahrscheinlich auch drüben klauen gehen", sagt er. Was ihn wirklich ärgere, sei die Ignoranz der Politiker. "Die machen die Polizeireviere dicht, bauen Stellen ab und sagen uns bestenfalls, wir sollen immer schön unsere Häuser abschließen, dann klaut auch keiner was."Lange Zeit sei das Problem der Grenzkriminalität sogar von der Staatsregierung in Dresden totgeschwiegen worden, erregt sich Märkisch, Anfang dieses Jahres seien erstmals Fallzahlen veröffentlicht worden, die den Kriminalitätsanstieg belegten. "Diese Denkverbote haben dazu geführt, dass hier in der Region inzwischen eine sehr rechte Einstellung herrscht." Erst neulich hätten vier Bauarbeiter einen Polen verprügelt, den sie beim Klauen erwischten. "Da finden Sie hier keinen, der was dagegen hat", sagt Märkisch.Von der rechten Einstellung hat die NPD schon profitiert. In den Grenzgemeinden holte die rechtsextreme Partei bei der letzten Landtagswahl im August 2009 zwischen acht und zwölf Prozent. "Nur der geringste Teil davon sind NPD-Anhänger", sagt Christian Kretschmer. "Der Rest sind Verzweifelte." Es sind Menschen, die auch der 80-jährige Kretschmer kaum noch erreichen kann, der vor zwanzig Jahren die Bürgerinitiative "Grenzsicherheit" in Ebersbach gründete. Der einstige Chefarzt der hiesigen Klinik hat sich seither großes Ansehen erarbeitet, vergangenes Jahr wurde er zum Ehrenbürger ernannt. In den Neunzigern war es ihm durch Beharrlichkeit und Besonnenheit gelungen, Politik und Polizei für die Gefühle und Ängste der Grenzbewohner zu sensibilisieren und die Gemüter in Ebersbach zu besänftigen. "Wir haben ab 1994, 1995 hier wieder Ruhe gehabt, dank der hohen Präsenz von Bundesgrenzschutz und Landespolizei", erzählt er. Viele Polizisten hätten in den Orten ringsum gelebt, man kannte sich. "Wenn mal was war, rief man an und zehn Minuten später waren die Beamten da." Seit der Grenzöffnung aber seien viele Bundespolizisten abgezogen worden, der Zoll ist ganz weg, auch die Landespolizei werde abgebaut. "Wurden früher fünfzig Streifen am Tag gefahren, schaffen die heute noch ein Drittel", sagt Kretschmer."Man hat uns abgeschrieben"Aus der zuständigen Polizeidirektion Oberlausitz-Niederschlesien wird regelmäßig solchen Argumenten widersprochen. Das Zittauer Polizeirevier sei mit zehn Beamten verstärkt worden, heißt es dann, zwei Züge Bereitschaftspolizei würden mit 50 bis 60 Beamten zusätzlich in dieser Region eingesetzt, schon bald werde ein neues Polizeirevier mit 29 Beamten eröffnet. "Das liegt aber sechs Kilometer außerhalb von Seifhennersdorf, direkt im Wald an der tschechischen Grenze", hält Christian Kretschmer dann entgegen. Passiere in einem Dorf etwas, seien die Täter längst weg, wenn die Beamten einträfen. "So kriegt man die Kriminalität hier nicht weg", sagt er bitter. "Man hat uns abgeschrieben."Markus Ulbig windet sich auf seinem Stuhl, als habe er körperliche Schmerzen, wenn er solche Sätze hört. Ulbig ist sächsischer Innenminister, und als solcher muss der 46-Jährige erst einmal argumentieren mit Zahlen und Tabellen und dem 15-Punkte-Programm seines Hauses, das die Grenzkriminalität eindämmen soll und von dem immerhin schon 14 Punkte "in der Umsetzung begriffen sind", wie er sagt. Geübt referiert der CDU-Politiker über gemeinsame Ermittlungsgruppen mit tschechischer und polnischer Polizei, verstärkte Streifentätigkeit, über Aufklärungsquoten und "lageangepasstes Agieren". Das neue Polizeirevier in Seifhennersdorf, das sagt er dann noch, sei "ein klares Signal in die Region, dass nicht nur geredet, sondern auch gehandelt wird in der Politik".Irgendwann an diesem frühen Abend im Ministerbüro wird Ulbig still. Stockend spricht er von den politischen Zwängen, die mit dem Schengen-Abkommen verbunden sind, von Kommunikationsproblemen zwischen Politik und Bevölkerung, von dem Gefühl der Machtlosigkeit, wenn ihm die Bürger mit der NPD drohen. In diesem Moment scheint Ulbig nicht mehr Minister zu sein, sondern wieder der Bürgermeister von Pirna, der er bis zum vergangenen Herbst war. Ein Kommunalpolitiker, der weiß, dass all die Programme und Fertigsätze eines Ministers nicht ankommen gegen das, was die normalen Leute täglich erleben.Für dieses Gefühl hat der Waffenhändler Fritz in Ebersbach auch etwas im Angebot. Ein Buch. Es steht zwischen Bänden über Rommels Afrika-Korps und dem Werk "Hitler im Grenzgebiet Oberlausitz-Böhmen und weitere Impressionen aus Brennpunkten deutscher Geschichte". Sein Titel lautet "Vorsicht Bürgerkrieg! Was lange gärt, wird endlich Wut". Das Buch prophezeit, dass soziale Spannungen, zunehmende Kriminalität und ein wachsender Ausländeranteil schon in naher Zukunft zu gewalttätigen Unruhen in Deutschland führen werden. "Ich glaube daran", sagt Fritz. "Und hier könnte es schon bald losgehen."------------------------------Foto: Sicher ist sicher: Wolfgang Märkisch betreibt in Zittau einen Getränkehandel. Sein Firmengelände schützt er mit einem Stahlgitterzaun, mit Stacheldraht und mit Stolperfallen. Dafür hat er 20 000 Euro ausgegeben.Foto (3): Christian Kretschmer (oben) hat die Bürgerinitiative "Grenzsicherheit" gegründet. Er versucht, Probleme friedlich zu lösen. Gunter Fritz (r.) setzt auf Waffen. Er verkauft sie in seinem Laden in Ebersbach und wirbt schon an der Straße um Kunden (l.).

Lesen oder hören Sie doch weiter.

Erhalten Sie unbegrenzten Zugang zu allen B+ Artikeln der Berliner Zeitung inkl. Audio.

1 Monat kostenlos.

Danach 9,99 € im Monatsabo.

Jederzeit im Testzeitraum kündbar.

1 Monat kostenlos testen

Sie haben bereits ein Abo? Melden Sie sich an.

Doch lieber Print? Hier geht’s zum Abo Shop.