Stellen Sie sich eine ovale Theke vor, auf der ein Bach fließt ein Bach, auf dem kleine Schiffe im Kreis fahren und, beladen mit Tellerchen, Ihr Essen zu Ihnen bringen. Das ist die Sachiko Sushi-Bar am Charlottenburger Savignyplatz. Sie folgt einem Trend, der von Japan kommend inzwischen London, New York und jetzt Berlin erobert hat: die Wiederentdeckung des Fließbands. Seit dessen Erfindung durch Henry Ford hat es ein schlechtes Image. Es zwingt den Menschen seinen Takt auf, heißt es, degradiert sie zur Hilfsmaschine und bringt Waren hervor, die jede Individualität verloren haben.Japanische Gastronomen haben jedoch herausgefunden, daß dies nur für Fließbänder in der Produktion gilt, nicht für solche im Konsum. Setzt man den Gast an ein Fließband, schafft das viele Nachteile des Kellnerwesens ab: Er muß nicht mehr warten, sondern nimmt einfach Platz und beginnt mit dem Essen. Er studiert nicht mehr die Speisekarte, nur um gleich darauf vom Ober zu hören, daß der Rehrücken "aus" ist. Und er verzehrt soviel, wie sein Magen verlangt, nicht wieviel ihm der Koch aufgetischt hat.Allerdings eignet sich die Verköstigung vom Fließband nur bei Landesküchen, die Fünf-Gänge-Menüs und Schlachtplatten nicht kennen, sondern ein Mahl aus vielen Details aufbauen also vor allem für spanische und asiatische Küchen. In den Gourmetetagen Londoner Edelkaufhäuser sind Fließband-Sushis der letzte Schrei. Stundenlange Wartezeiten gehören zum Kult. Die meisten dieser Restaurants sind im Techno-Look aufgemacht, oft ausgerüstet mit komplizierten Robotern, die vor den Augen des technikverliebten Publikums Reisbällchen formen und mit Fisch belegen.Sachiko Sushi macht den Trend zur totalen Maschinisierung nicht mit. Hier ist das Fließband romantisch als Bach verkleidet, und wer zum ersten Mal zu Besuch kommt, versucht in der ersten Viertelstunde unweigerlich, den Mechanismus des Schiffsverkehrs vor seinem Platz zu ergründen. In der Mitte des Ovals, umgeben von den rund zwanzig Barhockern, steht der Sushi-Koch und bereitet alle Speisen mit der Hand zu. Kein Roboter knetet ihm die Reisbällchen vor. Bei allen unseren Besuchen stand immer jemand anders in der Mitte des Ovals, doch stets war die Qualität ausgezeichnet. Wer Sushi mag, findet in Berlin kaum ein besseres Lokal. Und wer sich bisher vor rohem Fisch ekelte und Sushi daher noch nicht probiert hat, für den ist Sachiko der perfekte Einstieg: Man muß die Gerichte eben nicht auf einer Karte aussuchen und läuft keine Gefahr, plötzlich einem rohen Tintenfisch gegenüberzusitzen. Die Häppchen kommen ja stattdessen auf Tellern vorbeigeschwommen, und jeder sucht sich das aus, was ihm appetitlich vorkommt. Vollkompatibel mit westlichem Geschmack sind auf jeden Fall die vegetarischen Sushis, zum Beispiel die Kappa Makis mit Gurke.Aber Achtung: Gerade weil das Essen in Häppchen kommt, ißt man leicht über den Hunger hinweg und verpraßt ein Vermögen. Im Sachiko sind die Sushis in vier Preiskategorien zu sieben, acht, neun und zehn Mark eingeteilt. Der Preis ist mit Symbolen auf den Tellerchen markiert. Man hebt die Teller bis zum Schluß auf und der Kellner zählt dann den Wert der Symbole zusammen. Für dreißig Mark pro Person wird man sehr gut satt, doch wir kennen Leute, die dem Sushi-Fieber zum Opfer fielen und am Ende hundert Mark bezahlten.Das Lokal ist am Savignyplatz übrigens nicht leicht zu finden. Es liegt in einem S-Bahn-Bogen, der über eine Passage erreicht wird, die von der Grolmannstraße abgeht.