BERLIN, 11. Mai. Ziemlich genau vier Jahre sind vergangen, seit die einst weltgrößte Sportmarketingfirma Konkurs anmelden musste. Der Zusammenbruch des Konglomerats ISL/ISMM ließ die gesamte Branche erschüttern. Die Weltverbände des Fußballs (Fifa), der Leichtathletik (IAAF), des Schwimmens (Fina), der Tennisverband ATP und andere Organisationen gerieten in existenzbedrohende Turbulenzen. So hat es die Fifa titanischen Anstrengungen gekostet, milliardenschwere TV- und Sponsorenverträge für die Weltmeisterschaften 2002 und 2006, die zu großen Teilen von ISMM-Firmen vermarktet wurden, in Nacht- und Nebelaktionen aus der Konkursmasse herauszulösen und in Eigenregie weiterzuführen. Denn andere Gläubiger der ISMM-Holding hatten darauf gedrängt, aus diesen äußerst werthaltigen Verträgen bedient zu werden. Schließlich geht es bis heute um einen Gesamtschaden von 4,5 Milliarden Schweizer Franken (rund 3 Milliarden Euro), den ISL/ISMM laut Konkursverwalter Thomas Bauer bei mehr als 400 Gläubigern hinterlassen haben.Zuchthausstrafen möglichZum vierten Jahrestag des ISL-Konkurses nimmt die Affäre eine spektakuläre Wendung. Das Untersuchungsrichteramt des Kantons Zug teilt mit, dass Richter Thomas Hildbrand seine Ermittlungen abgeschlossen hat. Die Vorwürfe an ISL/ISMM-Manager lauten: "Veruntreuung, Betrug, betrügerischer Konkurs, Gläubigerschädigung durch Vermögensminderung, Bevorzugung eines Gläubigers, Urkundenfälschung, Erschleichung einer falschen Beurkundung, unwahre Angaben über kaufmännische Gewerbe." Geschädigt wurde auch die Fifa, der von der ISMM-Holding Geld aus Marketing- und TV-Verträgen vorenthalten worden war. Deshalb hatte die Fifa selbst im Mai 2001 Strafanzeige gestellt. "Die umfangreichen Abklärungen erstreckten sich auf fünf Länder innerhalb und außerhalb Europas. Die Deliktsumme liegt im dreistelligen Millionenbereich", sagt Untersuchungsrichter Hildbrand.Obgleich sich "ein Teil der Vorwürfe gegenüber einzelnen Personen nicht aufrechterhalten ließ", wird wohl gegen sechs ehemalige ISL-Bosse Anklage erhoben. Ihnen drohen mehrjährige Haftstrafen, gegen die sie sich mit allen Mitteln zur Wehr setzen wollen. Nach Informationen dieser Zeitung haben einige der Beschuldigten in kleinen Kreisen angekündigt, Details über die flächendeckende Bestechungspraxis im Weltsport zu offenbaren. ISL/ISMM hatten für derlei Geschäfte zahlreiche Schwarzkonten und ominöse Stiftungen in Steuerparadiesen eingerichtet - etwa die Nunca in Liechtenstein, laut Gerichtsunterlagen "eine von der ISMM/ISL-Gruppe im Jahre 1997/98 eingerichtete Institution, deren einziger Zweck es gewesen sein soll, im Zusammenhang mit dem Erwerb von Lizenzrechten (TV- und sonstige Vermarktungsrechte) für Sportveranstaltungen, wie zum Beispiel Fußball-WM, Schmiergelder an Verbandsfunktionäre zu zahlen"."Es wird Prozesse geben", sagte Richter Hildbrand am Mittwoch der Berliner Zeitung, ohne nähere Details preiszugeben. Der Tatbestand des Betruges kann laut Schweizer Strafgesetzbuch mit fünf Jahren Zuchthaus bestraft werden. Gewerbsmäßiger Betrug, und davon darf in diesem Fall ausgegangen werden, kann mit zehn Jahren Freiheitsentzug geahndet werden. "Ein schöner amerikanischer Prozess, wie sie ihn als Journalist sicher erwarten, wird das aber leider nicht", sagte Hildbrand. Andererseits bestehe nicht die Gefahr, dass die Beteiligten sich in dieser Phase des dreistufigen Verfahrens mit diskreten Deals der Verantwortung entziehen. Dies sehe die Strafprozessordnung nicht vor.Die Nachricht von den bevorstehenden Prozessen lässt sich auch so interpretieren: Noch nie war die Chance größer, Aufklärung zu erhalten über die Frage, die seit einem knappen Jahrzehnt zu den spannendsten im Sportbusiness zählt. Unter welchen Umständen konnten sich der damalige Medienzar Leo Kirch (mit seiner Firma Taurus) und die ISL die Fernsehrechte an den Fußball-Weltmeisterschaften 2002 und 2006 sichern? Über die dubiosen Umstände dieses Deals, den Joseph Blatter seinerzeit als Fifa-Generalsekretär eingefädelt hatte, ist viel spekuliert worden. Doch erst ein Prozess gegen ISL-Manager könnte die Frage klären, ob Bestechungsgelder geflossen sind. Wenn ja, an wen? An Blatter, den jetzigen Fifa-Chef? An Havelange, den damaligen Fifa-Präsidenten? An andere Exekutivmitglieder?Im Herbst 2002 hatte Hildbrand drei ISL-Bosse wegen Flucht- und Verdunkelungsgefahr zwischenzeitlich in Untersuchungshaft nehmen lassen. Darunter war Jean-Marie Weber, der 1996 die TV-Verträge für Kirch/ISL und 1997 die nicht minder umstrittenen Fifa-Marketingverträge für die ISL eingefädelt hatte. Kontrakte in Milliardenhöhe. Der Elsässer Weber, der über mehr als 30 Jahre eine der Schlüsselfiguren im ISL-Netzwerk darstellte (das auch über Wahlen im IOC und vielen Weltverbänden entschied), weilt zurzeit in Monaco. Er sagte nur: "In Abstimmung mit meinem Anwalt kann ich Ihnen kein Interview geben."Pikant erscheint ein Detail, das Hildbrand mitteilte: "Die Fifa bekundete am 29. Juni 2004 ihr Desinteresse an einer weiteren Strafverfolgung." Desinteresse? Hatte nicht Joseph Blatter im Interview mit dieser Zeitung im Juni 2001 getönt: "Ich will auch wissen, wohin das Geld geflossen ist. Niemand aus der ISMM-Gruppe musste sich bisher dafür rechtfertigen, immer nur ist die Fifa unter Druck. Ich habe noch nie versucht, jemanden zu bestechen. Ich bin nicht bestechlich. Da können Sie mir beide Hände abhacken."Will Blatter ein paar Jahre und eine wichtige Präsidialwahl später (2002 wurde er im Amt bestätigt) also nicht mehr wissen, wie viel Geld über welche Kanäle an welche Offiziellen geflossen ist? Wie anders ist sonst diese Verzichtserklärung zu verstehen? Gut nur, dass die Staatsanwaltschaft von Amts wegen weiter ermitteln musste; dass dieses Schreiben der Fifa, das juristische Laien durchaus als Einstellungsersuchen missverstehen könnten, nicht zur Einstellung des Verfahrens geführt hat. Auf Anfrage erklärte der Fifa-Chef die Interessenverzichtserklärung so: "Drei Jahre nach Einreichen der Strafanzeige durch die Fifa gegen die ISL/ISMM erschien es auf anwaltlichen Rat hin richtig, uns auf Erfolg versprechende zivile Klagen zu konzentrieren. Nach mehreren Interventionen der Fifa bei der Untersuchungsbehörde zur Beschleunigung des Strafverfahrens waren wir im Sommer 2004 zuversichtlich, dass die Untersuchung nunmehr auf dem richtigen Weg war und ohne das weitere Zutun der Fifa zum Abschluss geführt werden konnte."Blatter behauptete, "im Zusammenhang mit der Desinteressenerklärung hat die Fifa immer wieder betont und dies gegenüber dem Untersuchungsrichter auch schriftlich klargemacht, dass sie aktiv und nach bestem Wissen weiterhin die Strafuntersuchung in jeder geeigneten Form unterstützen würde, was auch fortwährend geschehen ist. Es wird nun an der Staatsanwaltschaft liegen zu entscheiden, ob dem Gericht ein Frei- oder Schuldspruch beantragt wird." Man werde sich äußern, wenn weitere Fakten vorliegen.Szenario für die WMFolgende Entwicklung ist jetzt möglich: Der oder die Strafprozesse beginnen im Frühjahr 2006 und dauern bis Sommer oder Herbst 2007. Das würde sowohl die Weltmeisterschaft in Deutschland (9. Juni bis 9. Juli 2006) als auch die Fifa-Präsidentschaftswahlen im Sommer 2007 überschatten. Daran kann aber kaum jemand aus der so genannten Fifa-Familie ein Interesse haben. Es wäre ein GAU.Thomas Bauer von der Firma Ernst & Young (Basel), einer der beiden Konkursverwalter, sieht einem Gerichtsverfahren gespannt entgegen. Er hat schon im Herbst 2003 zahlreiche Fußballfunktionäre in aller Welt angeschrieben und die Rückgabe von unrechtmäßig erhaltenen Zahlungen verlangt. Namen nennt Bauer nicht. Er formuliert zurückhaltend: "Eine Verurteilung wäre für die Konkursverwaltung eine gute Grundlage, um als Vertreter der Geschädigten Zivilansprüche zu verstärken." Einer Schadenssumme von 4,5 Milliarden Franken stehen lediglich 56 Millionen gegenüber, die an Gläubiger gezahlt werden konnten.------------------------------"Die Fifa bekundete am 29. Juni 2004 ihr Desinteresse an einer weiteren Strafverfolgung."Untersuchungsrichter Thomas Hildbrand------------------------------Foto: Alte Freunde, bald vor Gericht? Jean-Marie Weber (l.) und Joseph Blatter.------------------------------Foto: Skandale ohne Ende: Fifa-Präsident Joseph Blatter bleibt mit den Folgen des ISL-Konkurses konfrontiert.

Lesen oder hören Sie doch weiter.

Erhalten Sie unbegrenzten Zugang zu allen B+ Artikeln der Berliner Zeitung inkl. Audio.

1 Monat kostenlos.

Danach 9,99 € im Monatsabo.

Jederzeit im Testzeitraum kündbar.

1 Monat kostenlos testen

Sie haben bereits ein Abo? Melden Sie sich an.

Doch lieber Print? Hier geht’s zum Abo Shop.