In der vergangenen Woche starb in Moskau 82jährig der Komponist Georgij Swiridow. Sein Tod löste im Land eine Flut von Huldigungen aus. Als "wahren russischen Musiker und einen der größten Komponisten des zwanzigsten Jahrhunderts" würdigte ihn der russische Premierminister Viktor Tschernomyrdin. Der führende Dirigent Jewgenij Swetlanow empfindet Swiridow als den "letzten großen russischen Komponisten unseres Jahrhunderts", und die heimischen Zeitungen sehen in ihm einen "unumstrittenen Klassiker" (Rossiskije Westi), dessen Tod "eine ganze Epoche in der Musik des 20. Jahrhunderts vollendet" (Iswestija). Im Westen wird man das mit Staunen vernehmen, hören doch viele anläßlich von Swiridows Tod seinen Namen zum ersten Mal.Ruhmeswerke auf die HeimatTatsächlich war Georgij Swiridow, ein Schüler Dmitrij Schostakowitschs, in seiner Heimat überaus erfolgreich, und das vor allem, weil er, wie es so heißt, volkstümlich schrieb: Nach schneller Abkehr von der Klangsprache seines Lehrers kehrte Swiridow zu traditioneller Harmonik zurück, verwandte russische Volksliedmotive und Folkloreinstrumente, wie etwa im Film zu Puschkins "Schneesturm", der inzwischen wie die Erzählung selbst zu den nationalen Ikonen zählt. In den Ruhmeswerken auf die Heimat und die Revolution vor allem der 40er und 50er Jahre suchte Swiridow Wohlklang und Grandiosität, scheute aber auch rasselnde Schlachtengemälde nicht. Swiridows Chorwerke, die ihn vor allem bekannt machten, seine Kantaten, Poeme und Liederzyklen, benutzen geschickt die Traditionen von orthodoxer Kirche bis Mussorgski.Swiridows Schaffen erfüllte alle Erwartungen der sowjetischen Kulturideologie vom "sozialistischen Realismus". Seit den 40er Jahren gehörte Swiridow deshalb zu den offiziell geförderten Künstlern. Im Komponistenverband, an dem in der sowjetischen Musik kaum ein Weg vorbeiführte, stieg Swiridow bis an die Spitze. Von 1968 bis 1973 leitete er den Verband selbst und wurde nicht nur mit Staatsaufträgen, sondern auch mit den ehrenhaftesten Orden reichlich versehen. Im Verband hielten er und ein paar Kollegen ihre Stellung lange Jahre ­ ein Politbüro der Komponisten. Das Aufkommen avantgardistischer, kritischer Musik haben sie eher behindert als befördert, zwölf Jahre war Swiridow zudem Abgeordneter des Obersten Sowjets. Diese Seiten seines Wirkens werden in keinem Nachruf erwähnt.Es scheint nur angemessen, wenn ein Staat, auch als Nachfolgestaat der Sowjetunion, seinem über lange Jahre hochrangigen Künstler eine letzte Aufmerksamkeit erweist. Daß dies jedoch nach allen Veränderungen der letzten Jahre mit solcher Distanzlosigkeit geschieht, erstaunt, um so mehr, als sich den Huldigungen der Staatsspitze eine merkwürdige Koalition anschließt: Der Patriarch der Russisch-Orthodoxen Kirche, Aleksej II., zelebrierte selbst den Abschiedsgottesdienst für den Verstorbenen, überdies erstmals in der wiedererrichteten Christus-Erlöser-Kathedrale, dem Symbol erhoffter religiöser russischer Wiedergeburt. Auch die kommunistische Opposition betonte ihre grenzenlose Trauer, weil sie Swiridow für einen der ihren erachtet: Geboren als Sohn eines Bolschewiken, war er im Krieg Freiwilliger der Roten Armee und wurde als Komponist "geführt und erzogen, wie man es nur in unserem sowjetischen Land machen konnte, das seine Talente schätzte", schreibt die Parteispitze in ihrer "Sowjetskaja Rossija". Nebenbei reichen die Kommunisten mit der Preisung Swiridows auch noch der Orthodoxen Kirche und den Rechtsnationalisten, ihren neuen, so unähnlichen Verbündeten, die Hand: Unteilbar habe Swiridow seine "göttliche Begabung der Heimat gegeben und dabei die Idee der russischen rechtgläubigen Kirche mit jener höheren Gerechtigkeit, die Ziel der Bolschewisten war, vereinigt".Solch gesellschaftlicher Konsens ist nicht untypisch für das gegenwärtige Rußland, wo höchst selten bei Schriftstellern, Malern, Bildhauern und fast nie bei Schauspielern oder Musikern gezweifelt wird, daß sie so bedeutend sind, wie sie einst behandelt wurden. Swiridow aber eignet sich dafür in besonderer Weise. Seine Themen und seine Schreibweise, die früher den Sowjetpatriotismus stärken konnten, weil der russisch dominiert war, taugen jetzt, das Selbstbewußtsein des russischen Staates zu stützen. Boris Jelzin lobt mitDer russische Staat aber ist der kleinste Nenner, auf den sich die Gesellschaft und alle Beteiligten der russischen Politik einigen können. Nicht zufällig lobt auch Präsident Boris Jelzin Swiridow als "Beispiel aufrechten Dienstes am Vaterland", ohne noch zwischen sowjetisch und russisch zu unterscheiden.So entspringt wohl auch Tschernomyrdins Einordnung von Swiridow in die Spitze der weltweiten Musikentwicklung ­ auf die der Komponist mitnichten Einfluß hatte ­ dem Wunsch, die russische Neue Musik wieder in die erste Reihe der Weltkunst zu stellen. Der Realität entspricht das längst nicht mehr, hat doch die sowjetische und danach die russische Musik in den letzten Jahren kaum etwas von Weltgeltung hervorgebracht. Die Ruhmeszeiten eines Schostakowitsch und Prokofjew liegen weit zurück, nach dem Tod von Edison Denisov 1996 sind allein Alfred Schnittke und Sofia Gubaidulina, die der westliche Musikmarkt adoptiert hat, noch in der Lage, ein Echo im Ausland hervorzurufen. Eine hörbar neue Komponistengeneration gibt es kaum. So steht Swiridow, der Führer der alten Generation, für die Sehnsucht nach Weltrang.Status, nicht LuxusDem Wunsch des Komponisten gemäß war die Öffentlichkeit vom Begräbnis ausgeschlossen. Um trotzdem Abschied nehmen zu können, wurde ihr in einer anrührenden Geste für einen Tag das Persönlichste, Intimste des Komponisten geöffnet: seine Wohnung. Deren Lage unweit des Regierungsbezirks in einem prunkvollen Stalinbau zeugt vom einstigen Status Swiridows, doch die Wohnung selbst kennt keinen Luxus, nur den verblichenen, durchschnittlichen Wohlstand der 60er und 70er Jahre, dazu einen Flügel, eine große Bibliothek. Durch das Küchenfenster sieht man eines der größten Wohnungsneubauprojekte der Stadt, die Prachtbauten der neuen Ära, am Sarg beten orthodoxe Nonnen für die Seelenruhe des sowjetischen Komponisten. Hierhin in den vierten Stock, durch einen ganz mit grünen Tannenzweigen besteckten, ocker-ölfarbenen Treppenaufgang, steigen unaufhörlich die Leute mit Tränen in den Augen, Hunderte sicher. Es scheint, daß diese Menschen mit dem Tod von Georgij Swiridow doch etwas verloren haben, was ihnen wertvoll war, fern aller Diskussion um Weltrang, Mangel an Avantgardismus und Position im Komponistenverband. Denn Teile der Musik von Swiridow sind mächtig. Zudem aber sind auch die einstigen Sowjetbürger jetzt wieder Russen und lieben ihre Heimat wie einst, nur unter anderer Bezeichnung.