HOHENWALDE. Wenn Angela Merkel mit dem Auto auf ihr Wochenendgrundstück fährt, dann wird sie auf den letzten Metern nicht mehr so durchgerüttelt wie noch vor Monaten. Denn wenige Wochen vor der Bundestagswahl ließ die Gemeinde den unbefestigten Feldweg, der in das idyllische Örtchen Hohenwalde (Uckermark) führt, asphaltieren. In Rekord-Bauzeit von nur einem Tag wurde auf 250 Metern eine Bitumen-Schicht aufgetragen. "Das hat die Gemeindevertretung einstimmig beschlossen, weil der Weg keinem mehr zuzumuten war", sagt Bürgermeister Claus-Christian Arndt. Mit Angela Merkel habe das nichts zu tun.Etwa 50 Einwohner hat Hohenwalde. Und zwei holprige Sträßchen. Keinen Laden, keine Gaststätte. Aber ein Pferd schlabbert gerade das Ortsschild ab und hinter den Gärten läuft ein Reh. Ein altes Gehöft und zwei Fachwerkhäuser stehen neben frisch ausgebauten Wochenendhäusern und einem Neubau. Hinter hohen Fichten verbirgt sich das weiß gestrichene, zweistöckige Haus von Angela Merkel und ihrem Mann, dem Quantenchemiker Joachim Sauer. Seit 20 Jahren kommen sie regelmäßig hierher. Die Fenster sind inzwischen bräunlich verdunkelt, im Garten wächst Sanddorn. Nachbarn erzählen, dass spielende Kinder jüngst den Bewegungsmelder auf dem Grundstück ausgelöst haben.Ulrich Loest mäht am Mittag bei Frau Merkel den Rasen. "Herr Professor Sauer hat angerufen und mir den Auftrag erteilt", sagt Loest kurz. Er ist ein kräftiger Mann, der einen Ein-Mann-Betrieb für Gartenarbeiten gegründet hat. Das künftige Kanzlerehepaar sichert also Arbeitsplätze in den strukturschwachen Weiten Ostdeutschlands.Noch vor kurzem sei Angela Merkel hier gewesen, sagen Anwohner. Natürlich mit ihren Bodyguards. Hulda Oerkel wohnt ein paar Häuser weiter, seit 60 Jahren in einem Siedlerhäuschen. Zu DDR-Zeiten arbeitete sie in der LPG, gerade bereitet sie sich Entenkeulchen zum Mittagessen. "Frau Merkel geht hier gerne joggen", sagt die 70-Jährige. "Ihr Mann kommt dann manchmal hinterher." Im Dorf habe man sich längst an die prominenten Nachbarn gewöhnt.Auch wenn Angela Merkel sich im Wahlkampf nicht als Frau aus dem Osten darstellen wollte. Ihr Freizeitverhalten entspricht dem vieler Ostdeutscher: Eine Etagenwohnung in der Stadt, in ihrem Falle in Berlin-Mitte, und ein Häuschen mit Grundstück draußen auf dem Land. Unten am nahen See ist sie früher gerne Baden gegangen, sagt ein alter Mann aus dem Dorf. Wer sich hier umschaut, der muss erkennen: Die kommende Kanzlerin hat Geschmack. Und sie hat einen Sinn für ursprüngliche Landschaften. Die sanften Hügel, Licht durchflutete Wälder und saftige Wiesen lassen die Politikerseele Ruhe finden. Hier zwischen schattigen Wegen scheint Edmund Stoiber, der ewige Quälgeist, weit weg.Doch Hohenwalde ist kein sterbender Ort in Deutschlands am dünnsten besiedelten Landkreis, der Uckermark. In den vergangenen Jahren sind einige Künstler aus Berlin hergezogen sowie die Betreiberin eines Berliner Tanzstudios und ein Bauunternehmer aus Westdeutschland. Außer ein paar ungenutzten Kuhställen gibt es hier keinen Leerstand.Der Bildhauer Lutz Kommallein fertigt im Vorgarten gerade Bücherregale aus Schiefer, raucht dabei Bio-Zigaretten. Jüngst hat er Merkel und ihren Mann gemeinsam mit der Künstlerin Astrid Mosch, die auch hier wohnt, zu einer Vernissage eingeladen. Natürlich kam die Spitzenpolitikerin nicht. "Sie kontaktet nicht so gerne", sagt Kommalein. Das sei aber auch verständlich. Die beiden Künstler planen, im Ort eine teilweise bewirtete Galerie mit allerlei Kunstprojekten zu bauen. Dann würde die CDU-Kanzlerin womöglich bald inmitten einer alternativ gestrickten Künstlerkolonie ihre Ruhetage verbringen.Unten am neuen Zufahrtsweg haben vier Gemeindearbeiter gerade damit begonnen, einen Krötenwanderweg unter der Straße hindurch anzulegen - als Ausgleichsmaßnahme für die Asphaltierung. Hohenwalde ist halt Deutschland.------------------------------Blühende LandschaftenAngela Merkel: Die künftige Bundeskanzlerin ist in Templin (Uckermark) aufgewachsen, wo ihr Vater eine Pfarrerweiterbildungsstätte leitete. Seit etwa 20 Jahren hat Angela Merkel ein Wochenendgrundstück in Hohenwalde nördlich der Schorfheide.Hubschrauberflüge: Naturschutzverbände übten vor einigen Jahren Kritik, weil Merkel als Bundesumweltministerin wiederholt mit dem Hubschrauber eingeflogen sein soll. In der Gemeinde hat die SPD übrigens die absolute Mehrheit.------------------------------Karte: Ihr Grundstück in Hohenwalde ist Merkels Refugium.------------------------------Foto: Zwischen sanften Hügeln und saftigen Wiesen: das Wochenendgrundstück von Angela Merkel und Joachim Sauer.