Unten auf der Bühne war Rock 'n' Roll, Hitze, Bewegung. Oben auf den Rängen saßen die Zuschauer bibbernd herum, als ob man sie ins Eisfach gesteckt hätte. Schalträger wurden neidisch beäugt, statt Joints kreisten Thermoskannen. Viele Besucher mußten sich das Langhaar, das sonst locker in der Sonne hängt, um den Kopf legen, um ein bißchen Wärme zu bekommen. Nur unten, in der wogenden Körpermenge vor der Bühne, war alles wie immer. Der kühle Wind hat sich nicht getraut, Neil Young direkt anzuwehen. Naturgewalten schrecken nur vor anderen Naturgewalten zurück. Wenn das singende Holzfällerhemd zusammen mit seiner alten Band Crazy Horse spielt, kommt draußen im Äther Unruhe auf. Selbst wenn man den Klang der Band haargenau kennt, kann einen die schiere Kraft und Unmittelbarkeit ihrer Musik wieder vom Sitz reißen. Falls man nicht schon festgefroren ist.Im Vorprogramm bekam Alanis Morissette mehr als den üblichen Schon-ganz-gut-Applaus. Dem schon etwas gesetzteren Rock-Publikum gefielen ihre Tiraden, ihre Kiekser und ihr Mundharmonika-Spiel. Der Grund ihres Erfolgs erschloß sich mit einem Blick in die weite Arena: Wenn eine 21jährige Musik macht, die wie Musik von vor 21 Jahren klingt, gefällt diese Musik allen, die damals 21 waren. Alanis durfte lange bleiben. Dann wurden auf der Bühne Kerzen angezündet. Wollte Neil Young Holzhütten-Atmosphäre in diesen verkühlten Ort bringen?Was er brachte, war sein berühmter Wegblas-Rock. Gleich zu Anfang "Hey Hey My My" als Hommage an den ewigen Punk Johnny Rotten, der ja vor kurzem auch in der Stadt war, um ein paar Berliner anzuspucken. Selbst in einem so großen Rund ist der klassische, auf legendären Platten verewigte Sound von Crazy Horse nicht kaputtzukriegen. Der Sturm ließ erst nach, als Young ein paar Stücke zur Gitarre klampfte: "Heart of Gold", "Sugar Mountain" und "The needle and the damage" sang er so, als ob ihn die Polizei dazu gezwungen hätte.Erst bei den epischen Hauptwerken wie "Cortez the Killer" tobten wieder die Gewitter des Gefühls. Verstörend geriet dagegen die 15-Minuten-Version von "Like a hurricane". Es begann schleppend, wurde dann zur Gitarren-Schlacht und verwandelte sich in den letzten fünf Minuten zum unwirklichen Endzeit-Schlager: Die Band lärmte, als müsse gleich die Bühne explodieren, Neil Young wiederholte mit sich entfernender, gebrochener Stimme die Textzeilen immer wieder.Im Zugabenteil machte Young aus der Rock-Hymne "Rockin' in the Free World" ebenfalls so ein amerikanisches Breitwand-Gemälde. Doch die zwei Ausbrüche konnten nicht darüber hinwegtäuschen, daß Neil Young diesmal als Klassiker kam. Nicht, wie vor einem Jahr, an derselben Stelle, als Identifaktionsfigur aller Generationen. Er spielte das, was man hören wollte, so wie man es hören wollte. Das Image des Unberechenbaren wird vor allem durch seine Platten gerechtfertigt. Im Live-Repertoire tut sich seit etwa zwanzig Jahren nicht mehr viel, denn das wahre Ereignis ist der Sound. Neil Young erzeugt Rückkopplungen, mit denen er Jahrzehnte überbrückt: immer wieder, immer neu. +++