DESSAU. Mariama Djombo Jalloh ist verwirrt. Es ist, als stehe sie noch immer unter Schock. Ihre Augen blicken traurig, nach innen gekehrt. Als ob sie schlafwandeln würde bewegt sich die zierliche Frau, eingehüllt in ihr langes Gewand und in Tücher, zwischen den vielen Menschen, die ins Landgericht Dessau gekommen sind, um den Prozess um ihren toten Sohn Oury zu verfolgen. Vor drei Tagen kam sie mit dem Flugzeug aus Guinea, wo sie in dem nur wenige Hütten zählenden Dorf Turaol lebt - eine Tagesreise ins Landesinnere von der Hauptstadt entfernt. Die Reise nach Deutschland war sie dem Sohn schuldig. Sie wollte dabei sein, wenn versucht wird, seinen grausamen Tod in einer Dessauer Polizeizelle aufzuklären.Das ist jetzt über zwei Jahre her. Am 7. Januar 2005, einem Freitag, verbrannte der damals 23-jährige Asylbewerber mitten am Tage, an Händen und Füßen am Boden angekettet, bei lebendigem Leibe in der gefliesten Gewahrsamszelle Nummer fünf im Keller des Dessauer Polizeireviers. Sechs Minuten im Zeitraum zwischen zwölf Uhr und zwölf Uhr zehn entschieden an diesem Tag über Leben und Tod des jungen Afrikaners. In dieser Zeit brach ein Feuer in der Zelle aus. Brandgutachten ergaben, dass Oury Jalloh hätte gerettet werden können, wenn er binnen sechs Minuten aus der Zelle geschafft worden wäre.Die Staatsanwaltschaft macht Andreas S., der damals Dienstgruppenleiter auf dem Revier war, und den Polizeibeamten Hans-Ulrich M. für Oury Jallohs Tod verantwortlich. Sie stehen seit gestern vor dem Dessauer Landgericht. Der Prozess findet unter hohen Sicherheitsvorkehrungen statt. Das Areal um das Gericht wird von Einsatzpolizisten kontrolliert. Die beobachten misstrauisch vor allem die Transparente, die antirassistische Initiativen in der Umgebung aufgehängt haben. Die Gruppen fordern eine lückenlose Aufklärung des Todes von Oury Jalloh und beklagen die gezielte Verschleppung des Prozesses gegen die Polizeibeamten. Manche vermuten gar einen Mord. Ein junger Polizist beordert per Sprechfunk Einsatzkräfte zu einem Stand, um eines der suspekten Poster "sicherzustellen". Aber "ohne viel Aufsehen", wie er sagt. Wer hier mit so viel Aufwand beschützt werden soll ist unklar.Eine internationale Beobachtergruppe ist angereist und verfolgt das Verfahren. Es sind Anwälte aus Frankreich und Südafrika, der Leiter der britischen Beratungsstelle für Opfer von Rassismus und eine Vertreterin von amnesty international. Sie alle werden wie auch die Journalisten durch Sicherheitsschleusen geleitet, sie werden abgetastet, Kleidung und Taschen durchsucht. In den Saal passen nur fünfzig Zuschauer, viele müssen draußen bleiben.Oberstaatsanwalt Christian Preissner verliest die Anklage. Dienstgruppenleiter Andreas S. wird vorgeworfen, den piependen Alarm des Rauchmelders aus der Kellerzelle an jenem 7. Januar zweimal per Knopfdruck einfach abgestellt zu haben, sich zu spät - erst als eine Kollegin Druck machte - auf den Weg aus dem ersten Stock zum Unglücksort gemacht zu haben. Außerdem soll er die Sprechfunkanlage, die mit der Zelle verbunden war, leise gedreht haben. Er ist der gefährlichen Körperverletzung mit Todesfolge durch Unterlassen angeklagt.Der Polizist Hans-Ulrich M. soll bei der Leibesvisitation ein Feuerzeug bei Oury Jalloh übersehen haben. Damit, so die These der Staatsanwaltschaft, habe der Afrikaner sich selbst angezündet. Dabei war er an Händen und Füßen auf einer unentflammbaren Matratze am Boden angekettet. Er soll die Füllung der Unterlage in Brand gesetzt haben, nachdem er eine Matratzennaht aufgetrennt, Teile der Schaumstofffüllung hervorgepult und das Feuerzeug aus der Hose gefingert hat. Hans-Ulrich M. ist angeklagt wegen fahrlässiger Tötung durch Unterlassen.Am ersten Verhandlungstag sollen die Angeklagten nach dem genauen Hergang befragt werden. Sie sollen Gelegenheit erhalten, sich zu jenem Unglückstag zu äußern. So ist es geplant. Als die Anwälte der Mutter, des Vaters und eines Halbbruders Oury Jallohs, die erst nach 17 Monaten und öffentlichen Protesten als Nebenkläger vom Gericht zugelassen wurden, eine Erklärung abgeben wollen, lehnt Richter Manfred Steinhoff den Antrag zunächst mit einem Wort ab. "Nein", sagt er. Und dann erklärt er sich doch noch etwas ausführlicher. Andauernd höre er, dies sei ein besonderer Prozess mit erhöhter öffentlicher Aufmerksamkeit. "Das sehe ich nicht", sagt Steinhoff. Diese Kammer befasse sich schließlich dauernd mit dem Tod von Menschen.Nach einigem Hin und Her können die Anwälte doch sagen, worauf es ihnen in dem Verfahren ankommt: dass sie die These des Staatsanwaltes bezweifeln, derzufolge der angekettete Oury Jalloh an jenem Mittag das Feuer selbst entzündet hat. "Das ist nicht plausibel", sagen die Anwälte. Zumal Jalloh an jenem Morgen aus einer Diskothek kam und fast drei Promille Alkohol und Kokainspuren im Blut hatte.Der Polizist Hans-Ulrich M., der das Feuerzeug übersehen haben soll, lässt über seinen Anwalt verkünden, dass er auf keine Frage des Gerichts antworten werde. Der Anwalt erklärt, sein Mandant habe Oury Jalloh gründlich durchsucht, alle Taschen geleert, aber nur ein Handy, benutzte Papiertaschentücher und eine 50-Cent-Münze gefunden - kein Feuerzeug. Jalloh habe ja auch keine Zigaretten oder andere Rauchwaren bei sich gehabt.Dann betrachten und kommentieren Richter, Angeklagte und Anwälte die Fotos aus der Brandzelle. Ein wimmender Singsang durchbricht da die Ruhe. Er kommt von der Mutter des getöten Asylbewerbers, die den Prozess bisher zusammengekauert, den Kopf mit einem Tuch verhüllt, immer wieder weinend, verfolgt hat.Als sie sich beruhigt hat, spricht Dienstgruppenleiter Andreas S.. Er will aussagen. Er schildert den Vormittag des 7. Januar 2005 ausführlich, berichtet, wie Jalloh zur Wache gebracht worden sei, dass er sich, stark alkoholisiert, gegen die Festnahme gewehrt habe. Um 11.45 Uhr hätten Kollegen die Zelle zum letzten Mal kontrolliert und nichts Außergewöhnliches bemerkt. Er räumt ein, den Alarmton des Rauchmelders weggedrückt zu haben. Dies geschah, "um den Dienstablauf zu gewährleisten", sagt S.. Es sei wie das Ausschalten eines klingelnden Weckers gewesen, hatte er in den polizeilichen Vernehmungen zuvor gesagt. Dass er zu spät losgegangen sei in den Gewahrsamstrakt, bestreitet S.. "Ich bedaure zutiefst, was am 7.1.2005 geschah und dass es mir nicht vergönnt war, das Leben des Herrn Jalloh zu retten", sagt der inzwischen vom Dienst suspendierte Dienstgruppenleiter.Auch auf ein in der Wache aufgezeichnetes Telefonat, das er mit dem hinzugerufenen Arzt führte, der eine Blutprobe bei Jalloh entnehmen sollte, geht Andreas S. ein. "Piekste mal 'nen Schwarzafrikaner?", hatte S. den Arzt gefragt. "Ach du Scheiße", hatte der geantwortet. "Da finde ich immer keine Vene bei den Dunkelhäutigen." Lachen. "Na bring doch ne Spezialkanüle mit", hatte S. vorgeschlagen. "Mach ich", sagte der Arzt. Dieses Gespräch, sagt S. nur vor dem Gericht, "könnte falsch rübergekommen sein". Die Worte seien aber nicht so gemeint gewesen, wie sie klingen.In den nächsten Tagen und im April sollen noch viele Zeugen gehört werden. Polizeibeamte des Reviers, Gutachter und eine Mitarbeiterin der Stadtreinigung, die an jenem Morgen gegen acht Uhr die Polizei gerufen hatte, weil sie sich von dem jungen Schwarzen belästigt fühlte. Der hatte sie und ihre Kolleginnen genervt, weil er sich partout deren Handy leihen wollte, weil seines nicht funktionierte. Ihre Beschwerde endete tragisch.Niemand weiß, ob jemals geklärt wird, wie und warum Oury Jalloh starb. Es gibt viele offene Fragen: Wie konnte ein Feuerzeug trotz penibler Durchsuchung in die Zelle gelangen? Warum wurde ein frischer Nasenbeinbruch und Verletzungen am Ohr des jungen Afrikaners erst bei einer zweiten, von den Nebenklägern in Auftrag gegebenen Obduktion entdeckt? Woher stammen die Verletzungen? Wieso befand der Arzt Jalloh mit 2,98 Promille Alkohol im Blut für gewahrsamstauglich? Weshalb wurde er trotzdem an Händen und Füßen angekettet? Hätte er ersticken können, falls er sich hätte übergeben müssen?Mariama Jalloh will bis zum Ende des Prozesses in Dessau bleiben. Spenden haben den Flug nach Deutschland ermöglicht, den die deutsche Justiz ihr versagte. Der neue Bürgermeister von Dessau hat ihr für diese Zeit eine Wohnung zur Verfügung gestellt, nachdem der frühere es ablehnte, an der Trauerfeier für ihren Sohn teilzunehmen. "Wie kann so etwas passieren, mitten in Deutschland?", hatte sie damals gefragt, als sie vom Tod des Sohnes erfuhr. Die Chancen, die Wahrheit zu erfahren, scheinen begrenzt zu sein.------------------------------"Oury Jalloh starb spätestens sechs Minuten nach dem ersten Signal des Rauchmelders infolge eines Hitzeschocks." Christian Preissner, Oberstaatsanwalt------------------------------Foto: Die Mutter des Verstorbenen wird von zweien ihrer Söhne in den Verhandlungssaal des Landgerichts Dessau begleitet.