Vom über fünftausend Meter hohen Berg Ararat an der türkischen Grenze zu Armenien, über Syrien hin zu den irakischen Ebenen von Mesopotamien; vom Taurusgebirge bis ins Hochland von Iran reicht das umkämpfte Stück Land. Vier Staaten teilen sich die Macht über seine geplagten Bewohner. Auf der Landkarte liegt klar der Grund: Im "Fruchtbaren Halbmond" sprudelt Wasser aus den Quellen von Euphrat und Tigris und Öl aus dunklen Seen unter Bergen, die wie Schreine einer Schatzkammer mit Eisen, Kupfer, Kohle, Gold und Uran gefüllt sind. In den Ebenen zwischen den Gebirgsketten wächst Getreide und weidet Vieh - die Vorratskammer des Nahen Ostens heißt Kurdistan. Der Flecken lag bereits im Altertum und Mittelalter strategisch günstig an der Seiden- und Gewürzstraße zwischen Asien und Europa, wo sich heute Ölleitungen hinziehen. Es könnte ein Lustgarten sein. Stattdessen ist der Boden mit Blut getränkt, seit langem wird den Kurden ein eigenständiger Staat verwehrt. Sie werden zermahlen zwischen den Nachbarn, von den Großmächten des Kalten Krieges und von den eigenen Ideologen. Europa hat vornehm die gebundenen Hände über ihre Augen gelegt und die Ohren vor dem Geschrei verstöpselt, Vertreibungen und Massaker nimmt die feine Dame kaum zur Kenntnis. Nur dass den Ölhahn ihr niemand zudreht!Salim Barakat wurde 1951 im Norden Syriens geboren und lebt heute in Schweden. Als er klein war, siechte Syrien in seit 1944 anhaltenden innen- und außenpolitischen Wirren. Über seine Kindheit und Jugend hat Barakat geschrieben, vor achtzehn Jahren erschien das Buch in Beirut; jetzt ist es auch bei den deutschern Lesern angekommen.Barakat versetzt seine Leser in einen Rausch.Die kurdisch-syrischen Kinder bewegen sich in lärmenden, lustigen, Staub aufwirbelnden Rudeln durch die Siedlungen und nehmen die Abenteuer der erwachsenen Welt auf: die sich bis in die Schule auswirkenden Regierungswechsel beispielsweise, die einen bösartigen Sportlehrer ruck, zuck zum jämmerlichen Opfer gemeiner Folter werden lassen; oder auch den Machtwechsel im Krankenhaus, nachdem Schwester Margo, die Nymphomanin, den Tod von Maisse Perichân beschlossen hatte und der Sterbenden das schwach bebende Her z herausobduziert wurde: "Maisses Söhne überfielen das Krankenhaus nach der ersten Erklärung der tausendsten Regierung." Sie fanden Margo und zerrten sie in den Garten zum Obduktionshaus. "Sie krallte sich in die Gräser, riss sie büschelweise aus, und griff in die Steine, die aufspritzten wie Eidechsen." Die Rache für die ermordete Mutter ist fürchterlich, und Barakat schreibt alles auf wie ein Gedicht.Gleichmütig gegen das Schicksal wie Zeus arbeitet dieser Autor, für ihn bilden die Menschen mit ihren Gewohnheiten, ihrem Glauben, ihren Kriegen, ihrer Liebe, ihren Gräueltaten, ihrem Ackerbau, ihren Autos, ihrem Vieh ein Kontinuum, das er in einem langen Lied kräftig und mit Melancholie singt. Er kann Menschen erkennen, ihre tiefen Wünsche und ihr Leid. Beispielsweise als Dschafaro stirbt, der hinkende Ladenbesitzer: "Warum ist in deinem Fall kein Vorfall zu verzeichnen, der entweder Lobreden oder Beschimpfungen nach sich zog, Dschafaro? Warum hast du dich nicht gegen dein eintöniges Leben aufgelehnt? Du hättest einen Dreschplatz anzünden, ein kleines Mädchen, das bei dir Bonbons kaufte, vergewaltigen können. Du, als Junggeselle, hättest eine Eselin zur Frau nehmen, einen Stier zur Besamung kaufen können! Jetzt bist du tot. Die Tür deines Ladens blieb offen." Wer will so spurlos verschwinden?Nicht nur Blutrausch und Tod wogen durch den Stoff. Eine kühle Konstruktion offenbart sich, als Salim Barakat im Traum eine andere Welt betritt, wo ihm ein blauäugiger Mann ohne Augenbrauen erklärt, wer die Verrückten sind, von denen vorher gelegentlich berichtet wurde, die sich nur einzubilden scheinen, die Brücke bewachen zu müssen, imaginäre Getreidesäcke zu hieven und eine unsichtbare Schafherde zu begleiten. Es gibt mehr Welten als die eigene, lernt der halbwüchsige Salim und sagt es uns weiter.Man versteht nicht immer, was er sonst noch mitteilt, aber er tut es wunderschön, man muss auch die Übersetzung loben für ihre klare Melodie.Salim Barakat:Die Spiele der jungen Hähne. Roman. Aus dem Arabischen von Burgi Roos. C. H. Beck Verlag, München 2000. 148 S., 34 Mark.