Läppisch. Er benutzt dieses Wort gerne. Es heißt: Schlaff und kraftlos. Läppisch sind zum Beispiel die Bücher über den Rainer. Läppisch sind all die Rainer-Experten. Eigentlich hat er Mitleid für sie übrig. Sie haben halt keine Ahnung. Er liest das und denkt sich: Armer, armer Autor.Duisburg-Schlenk, ein Arbeiterviertel. Sechsgeschossige Plattenbauten. Das größte Fenster in der Nikolaistraße ist das von Helmut Fassbinder. Es ist ein Schaufenster im Erdgeschoss. Die Scheibe ist blind und hat einen Sprung. Von innen wurde sie mit Tüchern, Gardinen und Pappe verhängt. Auf einem Schild hinter der Scheibe steht: "Dr. med. H. Fassbinder". Darunter, geweißt, aber noch lesbar: "Psychotherapie".Der Doktor ist ein alter Mann, 83 Jahre. Mitten im Frühsommer trägt er graue Wollsocken in fellgefütterten Lederstiefeln. Läppisch, diese Rainer-Experten. Er ist immerhin der Vater. Er weiß, wie das damals war, als der Rainer gezeugt wurde, im Kriegslazarett in Bad Wörrishofen. Und er weiß etwas, was kaum einer weiß: Rainer ist gleich nach seiner Geburt verwechselt worden. Nur durch die charakteristischen mongolischen Wangenknochen, ein Erbe seiner litauischen Großmutter, haben sie ihn damals retten können. Das Schicksal des Neuen Deutschen Films hing also im Mai 1945 in Bad Wörrishofen am seidenen Faden. Und dann weiß er noch, wie er mit der Liselotte Pempeit, der Mutter vom Rainer, verliebt durch die Straßen Münchens ging, während die Stadt in Schutt und Asche fiel, 1945. Wie durch einen Traum seien sie gegangen. "Einmal sah ich seine Mutter als große Erscheinung über dem Siegestor, einmalig", sagt Fassbinder. Kennen gelernt hatte der Medizinstudent die Germanistikstudentin in Berlin an einer Theaterkasse. Und ihretwillen seine Frau sowie die beiden jungen Söhne verlassen. Er nannte sie Li. "Nach einer chinesischen Erzählung über eine Prinzessin, die von ihrem Liebhaber um einer wertvollen Perle willen verlassen wurde, die er dafür erhalten sollte. " Der Liebesverrat. Lange hielt auch er es bei keiner Frau aus. Auf den Schubladen in der stillgelegten Praxis des Doktor Fassbinder stehen die Namen von Krankheiten: Rheuma, Magen-Darm, Frauen. Was die Frauen angeht, sei ja auch Freud zu keinem Schluss gekommen, sagt Fassbinder. Aber eins ist wohl klar: "Von Keuschheit kann bei Frauen überhaupt nicht die Rede sein. " Die Eskimofrauen etwa seien sofort zu Intimitäten mit Fremden bereit und dabei ganz begeistert.Bei der Beerdigung von Rainer habe Liselotte ihm nicht mal die Hand gegeben. "Obgleich ich doch von weit angereist war, und ein Bein gebrochen hatte. " Nicht das einzige Zerwürfnis in seinem Leben: "Da kann man nix machen. " Seinen letzten Psychotherapie-Patienten hatte Dr. Fassbinder vor einem Jahr. Auf einem bunten Sofa. Fünf Sitzungen. Gesprächstherapie. Er fragt dann nach Kindheit, Jugend und ersten erotischen Erfahrungen. Der Therapieraum: kein schlechtes Setting für ein Interview. Ergänzen wir den Katalog um "Homoerotik". Dass Fassbinder "diese falsche Erotik" nicht schätzt, wird deutlich. Das Getöse auf der Beerdigung, "knallig und hart, wahrscheinlich von der homoerotischen Seite aus geliefert", hat ihm nicht gefallen. Die Homoerotik in der Antike, das sei alles etwas Anderes gewesen als heute, sagt Dr. Fassbinder: "Alkibiades und Sokrates, die haben sich nur zwischen den Beinen abreagiert. " Er glaubt, dass die Fliegerangriffe auf München eine Belastung der Mutter gewesen seien, und dies auf den Rainer "abgefärbt" habe. Dann der frühe Kontakt zu den Straßenkindern, bei denen sein Sohn "früh erotische Spiele erlernt" habe. "Er war bestimmt schon mit neun Jahren in dieser Sphäre. " Wohingegen er selbst im Hause eines Oberstudiendirektors vollkommen behütet gewesen sei. Er nennt es Sphäre. Fassbinder redet lebhaft und artikuliert so deutlich, als würde er auf einer Theaterbühne stehen. Manchmal singt er Lieder, die er von Li gelernt hat. Sie hatte sie beim BDM gesungen, es geht in ihnen aber nur um Natur.Als Rainer ein Kind war, wohnte Familie Fassbinder in der Sendlinger Straße in München, bei den Dirnen und den Straßenkindern. Rainer hatte ein Kätzchen, zu dem er zärtlich war. Aus dem "Spiel mit dem Kätzchen", so Fassbinder, "wurde wohl das "Spiel mit den Arbeiterkindern". Der animalische Charakter des Sexualtriebes. Schnitzler, der österreichische Schriftsteller, zeige zum Beispiel sehr schön, dass Erotik keine feste Basis habe. Und er selbst, heute? "Wenn ich eine Frau kennen lerne, die meiner geistigen Sphäre in etwa entspricht und körperlich nicht hässlich ist, warum nicht?" Die dritte Frau, mit der er verheiratet war, und mit der er zwei Söhne hat, ist vorher seine Sprechstundenhilfe gewesen.Das Reich der Erotik ist dem Therapeuten also ebenso vertraut wie das Reich der Droge, wenn auch nicht aus eigener Erfahrung. Von der Staatsanwaltschaft hat er nach Rainers Tod ein Drogen-Register seines Sohnes bekommen. "Er war kokainabhängig, hat Cocktails geschnupft. Er wird da wohl ganz findig gewesen sein, was ihm im Augenblick am besten tat. " Fast klingt es nach pharmazeutischer Bewunderung. "Er hat sich praktisch immer Cocktails gebraut, aber Cocktails braut sich die Natur ja auch seit Jahrtausenden, jede Zelle tut das. " Im Ärzteblatt sei sein Sohn einmal unter der Überschrift "Genie und Drogen. Rainer Werner Fassbinder" Thema gewesen: "Können Drogen dazu führen, sich aufzurappeln. " Schnell aber ist Fassbinder im Referat nicht mehr bei Rainer, sondern bei der Syphilis Nietzsches.Kurz vor Rainers Tod habe Liselotte bei ihm angerufen, um zu sagen, dass der Sohn Drogen nimmt. Er wollte nach München fahren, doch sie habe ihm die Adresse nicht gegeben. Rainer hätte dringend in die Klinik gemusst. Zum teuersten Arzt der Welt. Später hätte er dann noch viel mehr Geld verdienen können. Genug Geld habe er sowieso gehabt. Zumindest genug, ein Flugzeug nach Amerika zu chartern, um "das Unterbett, das erotische Leben der Homosexuellen in New York, kennen zu lernen. " Immer wieder drängt sie in diesem Therapieraum an die Oberfläche, die "Homoerotik", wie das Unbewusste bei Freud, auch wenn es um Drogen geht, um Geld, oder um ein ganz anderes Thema. Die "Homoerotik" beschäftigt diesen Mann.Helmut Fassbinder ist 1918 geboren, in den letzten Monaten des Kaiserreichs, zwei Monate vor Kriegsende. Er gehört zu einer verlorenen Generation: 1939 war er 21 Jahre alt, kaum einer aus seiner Schulklasse überlebte den Krieg. Ironischerweise ist auch sein Sohn bei Kriegsende geboren, im Mai 1945. Als die Amerikaner da waren.Rainer Werner Fassbinder hat in seinen Filmen ein Panorama deutscher Geschichte gezeigt: Das Kaiserreich (Effi Briest), die Weimarer Republik (Berlin Alexanderplatz), die Nazizeit (Lili Marleen), vor allem aber die Bundesrepublik kommen darin vor. Der Vater hat dies alles erlebt. Die Begeisterung der Soldaten in "Lili Marleen" zum Beispiel findet er überzeichnet. Dann wird es grundsätzlich: "Was Goldhagen sagt, die meisten Deutschen hätten Mitschuld, ist ein glatter Witz. Der Mann hat keine Ahnung, wie es wirklich war. " Meist redet Fassbinder nicht von Goldhagen, sondern von diesem Goldmann in Amerika. Der Antisemitismus-Vorwurf gegen seinen Sohn: "Also Blödsinn, er ist von vornherein prosemitisch erzogen worden. " Mit der Muttermilch. Und überhaupt: Gut, dass da spekuliert worden ist, sonst stünden die schönen Riesentürme nicht in Frankfurt. Fassbinder liebt die provokative Polemik. Er spielt mit der Naivität des Unpolitischen.Wer ihn bewusst missverstehen will, dem bietet der Doktor genügend Angriffsfläche. Das ist wohl sein Ziel. Hinter der alten Gardine des Behandlungszimmers, draußen, saftiges Grün. Pause. Frische Luft schnappen. Fassbinder will sich eine Suppe machen.Für Lebensmittel gibt er im Monat höchstens 50 Euro aus: Brot, Rama, Dauerwurst, Erbsen und Möhren aus der Dose, Brühwürfel, Tomatenmark. Mehr braucht er nicht. Alles bei Aldi in den Karton. Die Kassiererin erlässt ihm schon mal einen Cent, wenn er kein Geld mehr hat. "Wenn es billige Tomaten gibt, kauf ich mir mal Tomaten dazu. " Geld betrogen wird, von dieser schäbigen Familie. " Dem Rainer sieht er eine Menge nach. Dass der im Alter von 16 Jahren versuchte, die Geliebte des Vaters rumzubekommen: "Er musste es eben ganz keck ausprobieren. " Während dieser Zeit jobbte der spätere Regisseur im Immobilienbüro seines Vaters in Köln. "Das ja gar kein Immobilienbüro war. " Als er den Vater verließ, um nach München zurückzukehren, war es ein Abschied für immer. Gerne hätte Helmut ihn noch einmal gesehen. Hundertmal habe er versucht, ihn telefonisch zu erreichen. Immer habe sich diese weibische Stimme eines Mannes gemeldet, immer die gleichen Worte: "Äh, der Rainer ist nicht da, rufen Sie doch morgen noch mal an. " Vergnügt imitiert er die weibische Stimme. Gerne hätte er für den Sohn ein Drehbuch geschrieben. "Ich wollte immer Romane schreiben, aber das hat eben leider aus Brotsachen nicht geklappt. " Heute denkt er manchmal, dass er wenigstens hätte versuchen sollen, seinen Sohn per Brief zu erreichen: "Rainer Werner Fassbinder, München, Filmatelier - vielleicht hätte es ihn erreicht. " Der Brief an den Sohn, so wie Kafka einen Brief an den Vater geschrieben hat.Andere haben einen Übervater. Einen, den sie bewundern. Er hat einen Übersohn, einen, den er bewundert. "Er war ein Nero, ein Napoleon, der die Mädchen auf die Straße schickte, um ein paar Mark zu bekommen, um etwas gestalten zu können, das kann ich vollkommen verstehen, obgleich ich niemals so etwas fertig gebracht hätte. " Mein Sohn Napoleon. Etwas im Roman "gestalten", das wollte Helmut auch, am liebsten die Nazizeit. Gestaltung - ein Wort im antiquierten Germanistenjargon. Neben seiner Arzttätigkeit studierte Fassbinder Germanistik, seine eigentliche Berufung. Doch die Nazizeit "romanhaft gestaltet" hat er nicht. Vielleicht hängt es mit seinem meistgebrauchten Wort zusammen, möglicherweise dem entscheidenden in seinem Leben. Es lautet: Obgleich.Teezeit. Fassbinders Tage sind klar strukturiert. Zeitliche Vorgaben machen die Sendeplätze ausgesuchter Kultur- und Wissenschaftssendungen in Radio und Fernsehen: WDR 5, 3sat. Kultur, Literatur und Wissen, das ist sein Leben. Wenn im Rundfunk nichts Wertvolles kommt, legt er eine Kassette ein, auf der Gert Westphal ein Stück Literatur liest. So fängt auch sein Tag an, morgens um fünf vor neun. Letztes Schlummern zu Green, Hölderlin oder Nietzsche. Dann Freiübungen, 400-mal Hüpfen mit Armkreisen, dazu 3sat. Für die Teepause kramt er einen Karton hervor, mit ungespültem Geschirr. Zwischen dem Geschirr liegt ein Stück Kuchen im Karton. Er teilt es mit seinem Besuch. Als er das Wort "Impetus" einmal benutzt, fragt er: "Sie kennen das Wort?" Und als der Besucher eine Wissenslücke offenbart, lautet die Frage: "Sie haben Abitur?"Geneidet habe er dem Rainer seinen Erfolg nie, genauso wenig sei er jemals auf ihn stolz gewesen. "Weil alles Leben so vergänglich, so widerspruchsvoll und so seltsam ist. " Er intoniert den Satz mit theatralischem Gestus. Für ihn ist Rainers Werk die folgerichtige Fortsetzung der Familientradition. Helmuts Urgroßvater Lehrer, der Großvater Schulrat, der Vater Professor. Schon der habe Gedichte geschrieben. Er habe sich dann ganz der dramatischen Literatur verschrieben. In der Sendlinger Straße lasen sie damals moderne französische Stücke mit verteilten Rollen. Der Rainer saß in der Ecke und hörte zu. Die Mutter habe die strahlende Angebetete gespielt, er den Liebhaber. Eine Dreiecksgeschichte. Da sei der Funke im Rainer entstanden.Die Bewunderung, die der Vater für seinen Sohn hegt, strahlt auf ihn zurück. "Er hat seine Themen gehabt, die er verwirklichen wollte und auch verwirklicht hat, das finde ich großartig", sagt er. "Lieber wäre ich selbst auch tot geworden, aber ich lebe immer noch voller Emphase. " 83 Jahre ist er alt. "Ich würde ohne weiteres mit ihm tauschen. " Schließlich erzählt er eine Geschichte von Hemingway. Es geht darin um einen Mann, der von seiner Frau unterdrückt wird. Bis er sich eines Tages auflehnt, und seine Frau erschießt. Die kurze Zeit zwischen dem Aufraffen und dem Erschießen ist das kurze, glückliche Leben dieses Helden. Das erinnert ihn an den Rainer, an "das kurze Glück des Rainer Werner Fassbinder". Ist er also doch stolz auf seinen Sohn, der nichts von ihm wissen wollte? Helmut Fassbinder schaut aus dem Fenster, nach Duisburg. Schließlich sagt er: "Jeder Mensch lebt nur sein Leben. " Sätze wie bei Ödön von Horvath. Oder in einem Film von Rainer Werner Fassbinder.Läppisch, diese Rainer-Experten. Er weiß, wie das damals war, als der Rainer gezeugt wurde, im Kriegslazarett in Bad Wörrishofen.Foto: CINETEXT"Er war ein Nero, ein Napoleon, der die Mädchen auf die Straße schickte, um ein paar Mark zu bekommen, um etwas gestalten zu können. "