BERLIN, 22. Juli. Das Weckle hat auch am Donnerstag noch dreißig Cent gekostet in dem Bäckerladen in Stuttgart-Botnang, das war nicht das Problem. Das zahlt der Schwabe, da kennt er nix. Der Schwabe ist gar nicht so, wie man meint, dass er ist. Wenn es ihm schmeckt, dann investiert er dreißig Cent für sein Brötchen, und wenn der Schwabe gut drauf ist, nimmt er noch eine Butterbrezel mit.Am Donnerstag aber ist der Wecklenachschub akut gefährdet gewesen, hört man. Ein bissle jedenfalls. In diesem kleinen Laden in Stuttgart-Botnang war plötzlich ein derart hohes Verkehrsaufkommen zu registrieren, dass kaum einer mehr zur Theke durchdrang. Eine komische Kundschaft war das, die da hereinstürmte, und sie sah nicht so aus, als sei sie hungrig. Kein Weckle wollten sie, kein Mohn, kein Sesam, sie wollten überhaupt nichts von dem, was sonst so in Bäckerläden im gediegenen Stuttgarter Nordwesten ausliegt. Fachfremde Ware wollte die Kundschaft, sie wollte Sätze, Statements, O-Töne. "Herr Klinsmann, was sagen Sie dazu, dass Ihr Sohn Bundestrainer werden soll? Seit wann wissen Sie das? Stimmt das überhaupt?"Das WeltmeisterbrotDas ist eine ziemliche gute Frage, und es sieht inzwischen tatsächlich so aus, als müsste man sie bejahen. Zwar hat der neuerdings aufs Vertagen spezialisierte Deutsche Fußball-Bund (DFB) eine endgültige Entscheidung in dieser Frage auf Sonntag verschoben, aber als sehr gewiss darf gelten, dass Jürgen Klinsmann, 39, künftig die Geschäfte führt bei Deutschlands oberster Fußballmannschaft, vermutlich mit Holger Osieck als Assistent und Oliver Bierhoff auf dem neu geschaffenen Posten eines Nationalmannschaftsmanagers - für einen mittelschweren Ausnahmezustand in der Bäckerei von Vater Klinsmann reicht das allemal. "Mir geht das hier total auf die Nerven", sagt Klinsmann senior am Donnerstag am Telefon, "TV-Teams, Hörfunk, Zeitungen, alle fragen was." Und keiner hat was gekauft.Man hat nicht wirklich erwarten können, dass sich das Schicksal des schwer angeschlagenen deutschen Fußballs am Ende in einer schwäbischen Backstube verdichten würde. Es ist jetzt über vierzehn Jahre her, seit es die weite Welt letztmals nach Botnang zog. Damals war "onsr Jürgen", wie sie Klinsmann junior in der Bäckerei nennen, Weltmeister in Italien geworden, worauf die Bäckereifachschule Weinheim ihm zu Ehren jenes "Weltmeisterbrot" erfand, welches heute noch in den Handel gelangt.Jürgen Klinsmann wohnt seit sechs Jahren in den USA, aber so gesehen ist er nie weg gewesen. Als Weltmeisterbrot war er immer da. Und man darf sich in diesen Tagen wohl auf knackig gebackene Journalisten-Metaphern freuen. Ist der inländische Fußball für den Betrachter nicht lange genug ein hartes Brot gewesen? Wird es jetzt nicht Zeit, dass wieder - Achtung! - größere Brötchen gebacken werden?Man darf auf jeden Fall davon ausgehen, dass es sich hier um eines der spannendsten Experimente handelt, das sich der deutsche Fußball in der jüngeren Vergangenheit geleistet hat. Es ist eine Art Kreativität der Verzweiflung, die die Herren beim DFB in ihrer Trainernot befallen hat, und niemand kann vorhersagen, ob am Ende die Kreativität oder die Verzweiflung obsiegt.Man mag es bei flüchtigem Hinsehen für eine geniale Idee halten, dass Rudi Völler jetzt Jürgen Klinsmann heißt. Ja doch, Völler ist zurückgetreten nach der Europameisterschaft in Portugal, und das Volk hat sehr geweint. Es hat seinen Rudi nicht hergeben wollen, und als er wenig später bei "Wetten dass!?" saß, haben sie ihn gefeiert, als hätten sie im Fernsehen versehentlich eine falsche Europameisterschaft übertragen und in der richtigen wäre sein Deutschland am Ende der Sieger gewesen. Aber jetzt ist ja alles wieder gut: Jetzt ist Völler wieder da, nur in blond.Jürgen Klinsmann ist die Fortsetzung Völlers mit anderen Mitteln. Er ist sein Sturmpartner gewesen in der Weltmeisterelf 1990, und er ist nur deshalb nicht der beliebteste deutsche Kicker gewesen, weil das schon Rudi Völler war. Auch Klinsmann ist sein Diminutiv bis heute nicht losgeworden, er ist nicht der Rudi, er ist der Klinsi. Wie Völler, galt er dem Volk schon immer als authentisch, nur in einer anderen Rolle. Er war nicht der zottelige Nachbarsjunge, er war der etwas andere, der alternative Profi, der seine gelegentlich klugen Relativsätze mit "wo" einleitete. Er schaffte den Spagat zwischen Gutmensch und Cleverle, er war das Gutcleverle. Er engagierte sich als Spieler für soziale Projekte, aber gleichzeitig feilschte er um jeden Pfennig, und wenn er einen erstklassigen Vertrag herausgeschlagen hatte, investierte er einige der Pfennige wieder in soziale Projekte. Aber natürlich hat ihn die Nation auch deshalb lieb gehabt, weil er so ein herrlicher Rauschspieler war. Keiner hat sich so gut wie er in Spiellaunen hineinsteigern können, die so unwiderstehlich waren, dass keiner gemerkt hat, dass derselbe Klinsmann an schlechten Tagen eher wie ein zufällig beim Fußball gelandeter Leichtathlet spielte.Es ist kein schlechter Trick vom Deutschen Fußball-Bund, dass er den abgewirtschafteten Heimatfußball mit einer Intelligenzoffensive überzieht. Er hat sich listig jenen Klinsmann angeworben, der gerade noch in zahlreichen Interviews die DFB-Strukturen heftig kritisiert hatte, und er stellt ihm den stets frisch frisierten Bierhoff an die Seite. Man kann sich die beiden polyglotten Mehrsprachler gut vorstellen, wie sie dieser mit Erwartungen so überfrachteten Weltmeisterschaft 2006 ihre Gesichter leihen. Klinsmann war WM-Botschafter, jetzt wird er WM-Mannschafts-Trainer. Bierhoff war WM-Botschafter, jetzt wird er WM-Mannschafts-Manager.Sie wissen nur zu gut beim DFB, dass sie jetzt Typen mit gutem Leumund brauchen - gerade jetzt, da zwei Jahre lang kein einziges Wettbewerbsspiel ansteht, weil Deutschland als Ausrichter automatisch für diese WM qualifiziert ist. Sie wissen nur zu gut, dass sich das Land vermutlich auf zwei Jahre voller leidenschaftloser Testspiele gefasst machen darf - und sie wissen, dass die Nationalmannschaft das nur überleben kann, wenn ein paar smarte Typen diese Phase moderieren. Man kann sagen, dass der DFB in der Restsubstanz des deutschen Fußballs immerhin die charmanteste Lösung aufgestöbert hat. Lieber als Lothar Matthäus oder Winfried Schäfer hört und sieht man diesen Jürgen Klinsmann, der in den USA ein Kinderhilfswerk mit inzwischen 50 Angestellten gegründet hat. Aber vorbehaltlos gut finden kann die Lösung nur, wer die letzten vier Wochen auf dem Mars verbracht hat. Aus der FerneWer zufällig auf der Erde war, muss mitbekommen haben, dass der DFB erst Ottmar Hitzfeld und dann Otto Rehhagel als Wunschkandidaten deklarierte. Von daher muss das Modell Klinsmann im Wortsinn als Notlösung gelten, als Lösung in der Not - zumal Klinsmann wie zuvor schon Völler ein Traineranfänger ist. Ob Jürgen Klinsmann eine Mannschaft ausbalancieren kann, ob er Taktik und Strategie, List und Gegenlist beherrscht - das weiß niemand, nicht einmal Jürgen Klinsmann.Hat er den jungen Stürmer Lukas Podolski schon mal live spielen sehen? Weiß er, welche Stärken der Verteidiger Frank Fahrenhorst hat? Solche Fragen sind es, die erst recht deutlich machen, auf welch riskantes Unterfangen sich der DFB da eingelassenn hat. Jürgen Klinsmann ist längst ein halber Amerikaner geworden, er hat eine amerikanische Frau und einen amerikanischen Lebensstil und aus der Ferne hat er gelegentlich wissen lassen, wie wenig ihn der heimische Sport interessiert. Er wird diesen Konflikt jetzt lösen müssen, wenn er diesen Job machen will."Ich gehöre keinem außer mir", hat der bekennende Individualist Jürgen Klinsmann einmal gesagt. Das stimmt jetzt nicht mehr. Er gehört jetzt achtzig Millionen Deutschen.------------------------------Foto: Jürgen Klinsmann war Stürmer, trägt auch mal Werbe-Brillen zur WM 2006 und wird jetzt wohl Trainer der deutschen Fußball-Nationalmannschaft.