In einem Arbeiterviertel Helsinkis steht Finnlands älteste Stadtsauna: Birkenzweige aus der Kühltruhe

HELSINKI. Besucher der ältesten finnischen Sauna brauchen vor allem zwei Dinge: Bier und ein Handtuch. Die Kotiharjun-Sauna befindet sich im Parterre eines alten fünfgeschossigen Arbeiterwohnblocks, in der Harjutornkatu 1, mitten in der Innenstadt von Helsinki. Ein Tauchbecken gibt es hier nicht. Zum Abkühlen kann man nur kalt duschen. Die meisten Gäste setzen sich einfach vor der Tür auf einen Plastikstuhl. Direkt neben dem Bürgersteig, mit Blick auf Straße und Passanten leeren sie in Ruhe ihr Halbliter-Dosenbier.Abkühlung im RegenWer das ursprüngliche Finnland sucht, wird hier fündig. Die Kotiharjun-Sauna ist das letzte von ehemals gut 100 holzbefeuerten öffentlichen Schwitzbädern in der finnischen Hauptstadt. Die Neonschrift an der Hauswand leuchtet weit die Straße herunter, grell, rot und riesig wie am Eingang eines Kaufhauses: SAUNA. Ihr Herz ist ein drei Meter hoher Ofen, der täglich fast einen Kubikmeter Holz frisst. Morgens wird angefeuert, am späten Nachmittag gegen fünf ist er auf Betriebstemperatur, rechtzeitig zum Feierband. Die Holzofenhitze soll besonders sanft und entspannend sein.In dem hohen, schummrigen Raum sitzen die Saunagäste wie im Amphitheater auf großen Stufen aus Beton. Ganz oben, wo einem Hitze und Feuchtigkeit fast den Atem nehmen, unterhalten sich im Schein einiger nackter Glühbirnen leise drei Männer. Hin und wieder reiben sie sich den Schweiß aus dem Gesicht. Etwas abseits peitscht sich ein Mann mit Birkenzweigen den Rücken. Dann hebt er eine Blechschüssel vom Boden und gießt sich einen Schwall Wasser über den Kopf, dass es quer durch den Raum spritzt. Dampf steigt auf.Die drei Männer klettern die Stufen hinab. Sie schlagen sich ihre Handtücher um und gehen barfuß hinaus auf die Straße. Inzwischen ist es dunkel geworden. Es regnet in Strömen, das ist umso besser für die Abkühlung. Die Körper dampfen. Das Wasser rinnt den Bürgersteig entlang. Fußgänger mit Regenschirmen hasten vorbei, patschen mit nassen Schuhen in die Pfützen. Die drei Männer schauen ihnen nach. Sie sind Wissenschaftler. Kai und Jaari arbeiten am finnischen Meeresforschungsinstitut. Andreas kommt aus Kiel. "Das ist unsere Tradition, wenn Andreas uns besucht, gehen wir in die Sauna." Mit lautem Knacken öffnen die Freunde ihr Dosenbier, prosten sich zu."Arbeiter kommen schon lange nicht mehr hierher", erzählt Kai, ein rosiger, etwas beleibter Typ mit dicken Brillengläsern. Kai ist in Helsinki geboren und wohnte als Kind in der Gegend, als die meisten Häuser nur Etagenklos hatten. Dusche und Warmwasser kamen erst später. Die Arbeiter trafen sich am Ende der Arbeitswoche in der Sauna, zum Waschen, Entspannen und Wodka-Trinken. "Mit dem wachsenden Wohlstand starben die Wohngebiets-Saunen aus", sagt Kai. "Die Leute sind in die Neubausiedlungen am Stadtrand gezogen. Heute haben viele längst ihre private Elektro-Sauna."Zwei Millionen Saunen soll es in Finnland geben, bei 5,3 Millionen Einwohnern. Die Kutiharjun-Sauna hat überlebt und ist gerade 80 Jahre alt geworden. Nicht zuletzt dank einer Finanzspritze der Stadtverwaltung. Um das Sauna-Erbe zu erhalten, bezahlte sie in den 90er-Jahren die Renovierung. Dem altertümlichen Charme hat das nicht geschadet: In den Umkleideräumen stehen ausgeblichene Holzspinde mit Emaille-Nummern, und draußen im kleinen Vorflur an der Kasse sieht es so robust unaufgeräumt aus, als hätte es nie eine Renovierung gegeben. Neben dem Tresen drängen sich Stapel von Bier- und Brausekisten, ein Kühlschrank und eine uralte Kühltruhe, in der die tiefgefrorenen frischen Birkenzweige, die Vasta, zu Bündeln zusammengeschnürt lagern.Hinter dem Holztresen steht jeden Nachmittag ab 17 Uhr Pekko Mäkinen. Der Mann ist Mitte 20 und die gute Seele der Sauna. Er feuert früh den Ofen an und gibt später Handtücher und Bier aus, verbunden mit dem guten Rat, ja genug zu trinken. "Ein gutes Drittel unserer Gäste sind ältere Leute, die uns schon seit vielen Jahren besuchen", erzählt Mäkinen, während eine junge Frau in klatschnasser Fahrradkleidung zur Tür hereinkommt. "Aber in den letzten Jahren kommen auch immer mehr Studenten aus dem Uni-Viertel hierher. Irgendwie ist die Stadtsauna wieder in." "Stimmt", sagt die durchweichte Radfahrerin. "Vor allem bei so einem Sauwetter." Dann steigt sie die Treppe hoch in den ersten Stock zur Frauensauna. Auch die Geschlechtertrennung ist gute alte Tradition - seit mindestens 80 Jahren.------------------------------Für Babys und GeschäftspartnerDie Sauna ist ein wichtiger Bestandteil der finnischen Kultur. Ursprüngliche Form der finnischen Sauna ist die Rauchsauna, in der Holzscheite verbrannt werden, so wie in der Kotiharjun-Sauna in Helsinki. Der Rauch zieht durch die Sauna und entweicht durch Tür und Fenster. Etwa sieben Stunden dauert es, bis die Saunatemperatur von etwa 90 Grad erreicht ist. Heute werden Saunen jedoch meist elektrisch beheizt.Männer und Frauen nutzen in Finnland die Sauna getrennt. Kinder werden schon im Babyalter an das Wechselspiel von Schwitzen und Abkühlung gewöhnt. Und Geschäftspartner lassen Treffen gern mit einem gemeinsamen Saunabesuch ausklingen.------------------------------Foto: Saunieren am historischen Ort in Helsinki------------------------------Foto: Tauchbecken Bürgersteig: Abkühlung vor der Kotiharjun-Sauna.