BERLIN. Der Massenmörder Anders Behring Breivik versteht sich als Begründer eines neuen Ordens der Tempelritter. Sein Ziel: Europa bis zum Ende dieses Jahrhunderts vom "Multikulturalismus", den er auch als politischen und kulturellen Marxismus definiert, und vom Einfluss des Islam zu befreien.In einem am Tag seiner Verbrechen ins Internet gestellten Pamphlet unter dem Titel: "2083 - eine europäische Unabhängigkeitserklärung" hat er seine kruden Theorien und sehr konkrete Handlungsanweisungen für Terroranschläge nach seinem Vorbild auf fast 1500Seiten veröffentlicht. Es ist der ideologische, scheinbar wissenschaftliche Überbau eines geistig völlig verirrten Gewalttäters, dessen Lektüre frösteln lässt.Bis zum Jahr 2100, so sein Wahn, sollen durch militärische Umstürze alle "multikulturalistischen" Regierungen durch Regimes ersetzt werden, die von einem "patriotischen Wächtertribunal" aus konservativen und nationalistischen Kräften kontrolliert werden. Die traditionelle westeuropäische Massendemokratie wird abgeschafft. Die Freiheit der Medien wird beschränkt, mindestens die Hälfte der Journalisten in allen Medien muss patriotischer Gesinnung sein.Die Ziele sollen in drei Schritten erreicht werden:Phase 1 (1999 - 2030): Geheim operierende Zellen verüben Schockattacken und Sabotageakte.Phase 2 (2030 - 2070): Der Kampf wird von größeren Zellen, Netzwerken und bewaffneten Milizen übernommen.Phase 3 (2070 - 2100): Vollendung der Machtübernahme.Unter Schockattacken versteht Breivik die Ermordung von "Verrätern der Kategorien A, B und C: Multikulturalisten/kulturelle Marxisten, selbstmörderische Humanisten, kapitalistische Globalisten." Als erstrebenswertes Gesellschaftsmodell nennt er Japan und Südkorea - "monokulturelle, aber hoch entwickelte und fortschrittliche Gesellschaften".Mitglied der Tempelritter können nach Breivik Auffassung Christen werden, aber auch Agnostiker und Atheisten christlicher Herkunft. Es soll keine rassischen Voraussetzungen geben.Folgende Passagen machen deutlich, in welchem Begründungszusammenhang Breivik gehandelt hat. Er gibt zu, dass die Bekämpfung und Zerstörung des herrschenden Systems weder einfach noch schmerzlos sei. "Als Tempelritter wirkst Du als Geschworener, als Richter und als Henker im Namen aller freien Europäer. Vergiss nie, dass es nicht nur Dein Recht, sondern auch Deine Pflicht ist, gegen die multikulturalistischen Eliten Europas zu handeln", heißt es in dem Pamphlet. Es gebe Situationen, in denen Grausamkeit notwendig sei. "Die nötige Grausamkeit zu verweigern ist Betrug an dem Volk, das Du schützen willst."Als bevorzugte Kampfmethode empfiehlt Breivik gewaltsame und in entschiedener Form vorgetragene Schock-Attacken, am besten von einem oder höchstens zwei Aktivisten ausgeführt. "Wenn Du Dich einmal entschieden hast zuzuschlagen, ist es besser, zu viele zu töten als nicht genug." Sonst riskiere man die ideologische Schlagkraft der Aktion."Erkläre, was Du getan hast, (in einer Ankündigung, die vor der Operation platziert werden muss) und stelle sicher, dass jedermann versteht, dass wir, die freien Völker Europas, wieder und wieder zuschlagen werden. Entschuldige Dich nicht, weil Du in Selbstverteidigung oder vorbeugend gehandelt hast. Die Moral hat in unserem Kampf in vielerlei Hinsicht ihre Bedeutung verloren."Vor diesem Hintergrund wird deutlich, welchem Handlungsmuster Breivik bei den Attacken am vergangenen Freitag gefolgt ist. An anderer Stelle empfiehlt er auch, nach einem Anschlag nicht nach Hause zu gehen und auf die Festnahme zu warten, die zwangsläufig folgen werde. Besser und effektiver sei es, gleich noch einmal oder gar zweimal zuzuschlagen - wie er es in Oslo und später auf der Insel mit dem Jugendcamp praktiziert hat. Er warnt aber davor, sich an zu prominente Politiker zu wagen, da die Gefahr der Enttarnung und des Scheiterns an den sie umgebenden Schutzmaßnahmen zu groß sei.Breiviks sogenanntes Manifest ist eine Mischung aus historischer Betrachtung, Verschwörungstheorie, politischer Analyse, Hetzschrift, Anleitung zu Terrorakten und Tagebuch. Darin begründet der Attentäter seine Verbrechen als Teil des Kampfes gegen die Islamisierung Europas. Breivik ist ein Fanatiker und sieht sich im Besitz der alleinigen Wahrheit. Sein Weltbild ist einfach und in sich - aber nur in sich - schlüssig.Der Multikulti-Gedanke, der nach dem Zweiten Weltkrieg aus kulturellem Marxismus und politischer Korrektheit entstanden sei, sei die Wurzel der Islamisierung auf dem europäischen Kontinent, schreibt der Norweger in der Schrift, an der er neun Jahre gearbeitet haben will. Die Hälfte des Textes habe er selber geschrieben. Welche das sind, ist nicht unmittelbar erkennbar. Andere Passagen hat er kopiert, offenbar unter anderem aus Schriften des rechtsradikalen amerikanischen Una-Bombers Theodore Kaczynski.Als geistige Urheber des kulturellen Marxismus macht Breivik vor allem die Mitglieder der "Frankfurter Schule" aus. Ihnen wirft er vor, in unterdrückten Muslimen, nicht-europäischen Minderheiten "und anderen wie Feministinnen und Homosexuellen", die "Vorhut einer kommunistischen Revolution in Europa" zu sehen. Namentlich nennt er Theodor Adorno und Herbert Marcuse, führende Vertreter der Kritischen Theorie und Leitfiguren der Studentenbewegung.Mit Mitteln der "demografischen Kriegsführung", worunter Breivik offenbar höhere Geburtenraten unter Muslimen als unter Nicht-Muslimen annimmt, würden die "einheimischen" Europäer in den kommenden Jahrzehnten in den Zustand der Versklavung getrieben. Die Parteien in Europa förderten entweder diesen Versklavungsprozess oder arbeiteten ihm nicht entschieden genug entgegen. In Deutschland etwa, so Breivik, seien dies alle im Bundestag vertretenen Parteien. Sie gehören zu der von ihm quasi zum Abschuss freigegebenen "MA100" - seine Abkürzung für "Multikulturalistische Allianz", etwa einhundert systemkonforme Parteien in Westeuropa.Unter dem Pseudonym "Andrew Berwick" ruft Breivik in seinem Manifest zum bewaffneten Kampf gegen diese Entwicklung und die mit ihr verbundenen Institutionen. In der Einleitung schreibt er: "Wir haben nur noch ein paar Jahrzehnte Zeit, um ein angemessenes Widerstandsniveau zu erreichen, bevor unsere Großstädte von den Muslimen demografisch besiegt sind".Als ein Vorbild nennt Breivik Hunderte Seiten später den ehemaligen Anführer der bosnischen Serben, Radovan Karadzic, dem seit Oktober 2009 der Prozess vor dem Internationalen Strafgerichtshof in Den Haag gemacht wird. An Karadzic werde man sich für alle Zeiten wegen seiner Bemühungen, den Islam aus Serbien zu vertreiben, als "ehrenhaften Kreuzfahrer und europäischen Kriegshelden" erinnern.Am vergangenen Freitagnachmittag entschied sich Breivik, seinem Vorbild zu folgen.------------------------------Breivik im Interview mit sich selbstDer Attentäter von Oslo und der Insel Utoya, Anders Behring Breivik , hat im hinteren Teil seines im Internet verbreiteten Pamphlets sich selbst ein Interview gegeben. Nachfolgend einige Auszüge:Warum schreiben Sie nicht über die Befreiung der USA von Multi-Kulti, selbstmörderischem Humanismus und Islamisierung?Es ist nicht an uns, unseren europäisch-amerikanischen Brüdern und Schwestern zu sagen, was sie tun und lassen sollen. Aber natürlich sind sie in einer ähnlichen Situation. Die Demokraten unterstützen aus wahltaktischen Gründen die Masseneinwanderung von Muslimen, während die Republikaner billige Arbeitskräfte wollen. Aber die europäische Situation wird in den USA genau beobachtet. Und unsere Taten könnten ein Vorbild sein. Wenn erst die verräterische Regierung in Frankreich innerhalb der nächsten siebzig Jahre stürzen wird, dann wird das einen Domino-Effekt haben, der in einem rechten Staatsstreich in Amerika enden könnte.Welchen Menschen würden Sie gerne treffen?Den Papst oder Wladimir Putin. Putin scheint ein gerechter und entschiedener Führer zu sein, der Respekt verdient. Aber ich bin mir im Moment unsicher, ob er das Potenzial hat, unser bester Freund oder unser schlimmster Feind zu werden. Er ist sehr schwer zu analysieren. Jedenfalls würde ich ungern sein Feind sein.Haben Sie jemals zuvor ein Gesetz gebrochen?Ich machte ohne Erlaubnis Kunst/Zerstörung an Wänden, als ich sehr jung war (Graffiti-Phase von 13 bis 16 Jahren). (...) Einmal wurde ich bestraft und musste zusammen mit einem Freund zwei Wochen lang Busse schrubben. Seither habe ich nichts Illegales mehr gemacht.Haben Sie militärische Erfahrung?Die habe ich nicht. Ich habe die Einberufung zum Wehrdienst umgangen, als ich 18 Jahre alt war. Ich fühlte keine Loyalität gegenüber den herrschenden politischen Parteien. Ich habe schon in jungen Jahren verstanden, dass es beim Sterben für das eigene Land nicht darum gehen kann, den führenden politischen Parteien zu dienen, sondern sie zu bekämpfen.Wie beurteilen Sie Ihre Brüder und Schwestern, die in der Vergangenheit kleinere Operationen betrieben haben?Ich weiß, dass Zehntausende von Brüdern und Schwestern überall in Europa Tag um Tag für die gute Sache kämpfen. Dass sie an jedem einzelnen Tag gegen die Allianz aus Kulturmarxisten und Multikulturalisten kämpfen. Viele haben schon alles geopfert. Viele sitzen im Gefängnis, und einige sind sogar zu Märtyrern geworden. (...)Hätte es diese selbstlosen und tapferen, europäischen Helden nicht gegeben, ich und Menschen wie ich wären nicht inspiriert worden. Ich habe Euren Ruf gehört und habe meine Pflicht erfüllt. Hoffentlich werde ich andere inspirieren können. (...) Letzten Endes werden wir siegen, weil Multi-Kulti eine selbstzerstörerische Ideologie ist.Was würden Sie Ihren europäischen Brüdern und Schwestern sagen?Ihr seid nicht allein in diesem Kampf. Wir haben Millionen von Sympathisanten in Europa und Zehntausenden, die an unserer Seite kämpfen wollen. (...) Wir kämpfen für die indigenen Völker Europas, für die Ungeborenen und zur Erinnerung an unsere Vorfahren, an unsere Märtyrer. Wir kämpfen für den Erhalt unserer Kultur, unserer Identität, unserer Länder und für die Christenheit. (...) Mit Disziplin, harter Arbeit und Aufopferung werden wir schneller zum Erfolg kommen, als ihr heute erwarten mögt.------------------------------Karte: Norwegen"Politische Korrektheit ist kultureller Marxismus - Marxismus, übertragen von ökonomischen auf kulturelle Bedingungen.""Der einzige Weg, die Massen aufzuwecken, ist es, dafür zu sorgen, dass das bestehende System implodiert.""Wir wählen das Schlachtfeld aus. Wir bestimmen die Zeit. Wir haben das Überraschungsmoment. Wir haben bessere Waffen. Wir sind motivierter. Wir sind bereit zu sterben."Foto: Das rote Kreuz des Templerordens und das Siegel der "Streiter Christi" prangen auf der Titelseite des Pamphlets des Attentäters.Foto: Mette-Marit trauert: Unter den Toten der Schießerei auf Utoya ist auch der Stiefbruder der Kronprinzessin, Trond Berntsen.Foto: Wütende Bürger: Polizisten sichern das Gericht in Oslo, in dem sich Breivik gestern für "nicht schuldig" bekannte.