BERLIN. Eine knappe Stunde war schon vergangen. Immer wieder hatten Claudia Pechstein, ihr Anwalt Simon Bergmann und ihr Manager Ralf Grengel oben auf dem Podium das Wort Skandal benutzt - in allen nur möglichen Variationen. Gerade räsonierte der Sachverständige Professor Holger Kiesewetter von der Charité Berlin über Todesfälle bei vertauschten Blutproben, so als habe der Eislauf-Weltverband ISU Pechstein nicht wegen dringenden Dopingverdachts gesperrt, sondern ihr Leben gefährdet. Die Journalisten, die in ein Hotel in Berlin-Charlottenburg gekommen waren, wurden unruhig. Schließlich war die Veranstaltung als "Pressekonferenz" ausgeschrieben. Doch es war eine Show der Verteidigung, die dazu den Moderator Thomas Reckermann verpflichtet hatte. Der PR-Mann folgte strikt dem Skript. Jeder Programmpunkt, jede Einblendung auf der Leinwand, jeder Sprecheinsatz - alles war exakt geplant. Als die Reporter zu murren begannen, verriet sich Pechsteins Manager Grengel: "Wir beantworten später Fragen", sagte er. "Wir wollen erst mal das Programm durchziehen."Erst zwanzig Minuten später, als der Nachrichtensender n24 seine TV-Übertragung beendet hatte und nur noch im Internet übertrug, durften die Reporter endlich Fragen stellen. Fünf Wochen lang, seit der am 1. Juli ausgesprochenen Sperre, hatte Pechsteins Lager auf diesen Termin hingearbeitet. "Ich habe den Dopingstempel auf der Stirn", sagte Pechstein. "Ich will einfach nur sagen, dass ich sauber bin, dass ich unschuldig bin." Mit Dopingärzten habe sie nie zu tun gehabt. Am Donnerstag wurde aus der Angeklagten die Anklägerin.Anhängiger EilantragPechstein und Berater gingen in die Offensive und attackierten die ISU mit härtesten Bandagen. Anwalt Bergmann zweifelte die Rechtsgrundlagen des ISU-Beschlusses und damit auch des weltweit seit 1. Januar 2009 geltenden Dopingregelwerks an. Er behauptete erneut, die ISU habe den hundertprozentigen Dopingnachweis zu führen. Die Justiziarin der Nationalen Antidopingagentur (Nada) dagegen, Anja Berninger, sieht diesen Nachweis nach neuem Code "hinreichend erbracht".In einem zusätzlich verteilten Schriftsatz führen Bergmann und der neu verpflichtete Christian Krähe aus Konstanz, ein Anwalt mit Erfahrung am Weltsportgerichtshof (Cas), aus: Bei sämtlichen 95 von der ISU aufgeführten Blutproben aus dem Langzeitprofil Pechsteins seien die Standards der Welt-Antidoping-Agentur (Wada) nicht eingehalten worden. Zudem dürften keine Proben verwendet wurden, die vor dem 1. Januar 2009 analysiert wurden. Bergmann sprach von "schweren Verfahrensfehlern", die "eine Verteidigung unmöglich machen", von "gezielten Fehlinformationen der Presse" seitens der ISU - das insgesamt hätte "zur Aufhebung dieses Verfahrens führen müssen". Anhängig ist derzeit der Eilantrag beim Cas, mit dem sich Claudia Pechstein erhofft, trotz der Sperre wieder am offiziellen Trainingsprogramm teilnehmen zu können. Darüber könne aber frühestens kommende Woche entschieden werden, sagte Bergmann.Im Hauptverfahren, das im Herbst beginnt, wurde am 3. August ein fünfzig Seiten umfassender Schriftsatz eingereicht. Es sei nicht die Strategie der Verteidigung, "allein Verfahrensfehler anzugreifen", behauptete Anwalt Simon Bergmann. Um dann munter einen angeblichen Verfahrensfehler nach dem anderen selbst zu zerpflücken oder aber zerpflücken zu lassen.Viele Argumente waren spätestens seit Mittwoch bekannt, als einige lancierte Informationen medial verbreitet worden waren. Manches war neu, muss aber nicht relevant sein für dieses Verfahren. Etwa jene 336 Dopingkontrollen (216 Urin, 120 Blut), die Claudia Pechstein über einen Zeitraum von Dezember 1991 bis Juli 2009 auflistete. Andererseits sprach sie davon, oftmals Nachweise von Kontrollen weggeworfen zu haben - gerade zu den Blutproben der ISU. Da passte vieles nicht zusammen.Die gröbsten verbalen Attacken kamen natürlich von Pechsteins Manager Grengel. Er behauptete, bei acht von zwanzig Trainingskontrollen, die von der ISU aufgelistet wurden, handele es sich nicht um Blut von Claudia Pechstein. Als Beweis dafür sollen die unterschiedlichen Barcodes im ISU-Dokument und in den Unterlagen Pechsteins herhalten. Den Umstand, dass Labors bei der Analyse aus technischen Gründen zusätzliche Codes verwenden, verschwieg er. ISU-Medizinchef Harm Kuipers hat inzwischen erklärt, die Proben ließen sich zweifelsfrei zuordnen.Neigung zur NebentätigkeitInhaltliche Schwerpunkte setzten die beiden von der Verteidigung beauftragten Gutachter: Professor Kiesewetter aus Berlin und Rolf Kruse vom Referenz-Institut für Bio-Analytik in Bonn. "Der Blutdopingnachweis über Retikulozytenwerte ist absolut ungeeignet, einen Dopingnachweis zu führen", sagte Kiesewetter. "Das ist absoluter Schwachsinn!" Es gäbe weltweit keinen einheitlichen Standard für die Messungen.Kruse legte Schwankungen in den Mess- und Analysetechniken dar, musste allerdings einräumen, dass er die Werte im Fall Pechstein "im Einzelnen" nicht kenne. Im Grundsatz gilt die Aussage von Anwalt Simon Bergmann: "Ein Parteigutachten ist ein Parteigutachten, es wurde von der Partei beauftragt, deshalb heißt es so."Claudia Pechstein erklärte, sie sei zu einem sechswöchigen Langzeittest unter Aufsicht der Nada bereit, wisse aber nicht, wer das finanzieren solle. Nicht nur das ist ein Problem: Nada-Vorstand Armin Baumert erklärte postwendend, dass die finanziell knapp ausgestattete Agentur mit ihren 21 Mitarbeitern für derlei Tests keine Kapazitäten habe. "Ich habe ein großes Ziel vor Augen, bei meinen sechsten Olympischen Spielen zu starten", sagte Claudia Pechstein zum Abschluss der Gerichtsshow. "Die ISU sollte ihren Laden schnellstens aufräumen und sich bei mir persönlich entschuldigen."------------------------------Foto: So unschuldig das Weiß, so unschuldig die Hauptdarstellerin: Claudia Pechstein wirft einen dunklen Schatten.