Umziehen, so richtig mit Sack und Pack, das ist nicht unbedingt seine Sache. Da geht es Norbert Müller (48), seit November Kaufmännischer Leiter bei Hertha BSC Berlin, nicht anders als anderen. Gewohntes aufgeben, sich von Liebgewordenem trennen, fällt schwer. Aber da ist auch die Vorfreude auf Modernes, Unbekanntes. Müller wurde vom Hertha-Aufsichtsrat ins Präsidium berufen, und den Wechsel aus seiner Heimat Mönchengladbach nach Berlin hat er schon hinter sich. Privat.Der Umzug an den Wannsee war ein Leichtes gegenüber dem, was den Kaufmann demnächst erwartet. Müller nennt es einen "ungeheuren Drahtseilakt". Hertha zieht um: von der Geschäftsstelle in der Heerstraße ins "Friesenhaus II" in der Hanns-Braun-Straße. In ein Gebäude, welches die britischen Alliierten lange nutzten. Einher mit dem Ortswechsel geht die Erweiterung der eher bescheidenen Geschäftsstelle. Hertha BSC wird geliftet. Der Tabellendritte der Zweiten Bundesliga will erstligareif sein, sollte der Aufstieg im Juni wirklich besiegelt werden.Heerstraße 25. Wer in dem schmucklosen Gebäude einer Versicherung derzeit zur Hertha will, muß zunächst zum Seiteneingang und dort einen Klingelknopf drücken. Im ersten Obergeschoß ist Hertha Untermieter. Dreieinhalb festangestellte Kräfte sitzten dort auf 170 Quadratmetern ebenso wie die Stadthalter des Medienunternehmens ufa, das Hertha finanziell auf die Sprünge hilft. Angegliedert ist der kleine Fanshop. Der Präsident des Vereins, Rechtsanwalt Manfred Zemaitat, hat kein eigenes Zimmer mehr. Dort residieren jetzt Norbert Müller und seine Helfer, die Umzugsexperten. Auf dem Flur stehen neben einem Kopiergerät neueren Datums bronzene Trophäen, die jeden Antiquitätenhändler begeistern würden. Die Siegesgöttinnen erinnern an Erfolge der Hertha - aus den zwanziger Jahren, als der Titel des Berliner Meisters in Serie gewonnen wurde.Von welkem Ruhm und kurzer Bundesliga-Glorie zehrte Hertha viel zu lange. Vergangenen Herbst aber ist viel passiert. Die vom Deutschen Fußball-Bund geforderten Kontrollgremien Aufsichts- und Wirtschaftsrat konnten mit Prominenz und Autorität besetzt werden. In die Mannschaft wurden weitere sechs Millionen Mark gepumpt. Nun zieht die Administration nach. "Bisher", sagt Norbert Müller, der seine Ausführungen gerne mit "Ich als Kaufmann " beginnt, "wurde in der Geschäftsstelle nur der Mangel bearbeitet." Das ist keine Personalkritik. Müller beschreibt nur die Umstände. Bis zum 30. April ist Hertha Mieter in der Heerstraße. Bis zum Heimspiel gegen den 1. FC Kaiserslautern (6. April) soll der Umzug vollzogen sein.Müller tat, was in Berlin lange versäumt wurde. Er sah sich außerhalb der Stadtgrenzen um. Dort, wo der Erfolg zuhause ist. Er besuchte die Schaltzentralen von Bayern München und Borussia Dortmund, war Gast beim Karlsruher SC und beim VfB Stuttgart. "Die Schwaben haben ein perfektes EDV-System", schwärmt Müller. Bei den Bayern erlebte er einen "kundenfreundlichen Riesenbetrieb", und in Dortmund imponierte die "betriebswirtschaftliche Personalstruktur". Müller, der geduldete Spion, verspricht: "Auch wir schaffen Möglichkeiten, die für die zweite Liga gut sind und für die erste Liga Standard darstellen."Ortswechsel. Hanns-Braun-Straße, ein paar Steinwürfe vom Olympiastadion entfernt. Ein "bissiger Hund" schlägt an. Die Leute am Schlagbaum, den die Briten hinterließen, sind Senatsangestellte. Das Gelände gehört dem Bund, soll aber bis zum 31. Mai in den Besitz der Stadt Berlin übergehen. Die Stadt wird der Vertragspartner für die neue Geschäftsstelle sein. Müller hat einen Fünf-Jahres-Vertrag geschlossen. Dieser verlängert sich automatisch auf zehn Jahre, sobald die Eigentumsverhältnisse endgültig geklärt sind.Man braucht Phantasie, um sich das mächtige Backsteingebäude mit den vergitterten Fenstern als kommunikatives Vereinszentrum vorzustellen. Der gesamte Komplex umfaßt gut 800 Quadratmeter. Norbert Müller kommt ins Schwärmen, zählt die Details auf: Jedes Büro auf dem langen Kasernenflur wird mit je zwei Bildschirm-Arbeitsplätzen ausgestattet sein. Es gibt Platz für einen Fanshop, fürs Büro des Fan-Beauftragten. Auch der Präsident bekommt ein eigenes Zimmer, in dem er in Ruhe verhandeln kann. Der Raum für den sportlichen Chef, Manager Carl-Heinz Rühl, liegt gleich neben dem von Norbert Müller. "Wir können auf Zuruf arbeiten", sagt Müller. Büros für den Trainer, die Ufa-Delegation, den Ticket-Manager sind eingeplant. Eine Cafe-Bar und viel Raum für das Vereinsarchiv ist vorgesehen. Und die stabilen Gitter vor den Kasernenfenstern, die kommen weg."Wenn alles fertig ist leben wir nicht im Luxus, haben aber ein ordentliches Niveau. Wir wollen in drei Jahren nicht schon wieder Wände einreißen", betont Müller, der weiß, worauf es ankommt: "Ich als Kaufmann", sagt er, "garantiere, daß wir gerüstet sind, wenn der Sturm auf die Eintrittskarten beginnt. Aber auch Müller kennt die alte Weisheit: Die Wahrheit findet ein Fußball-Verein nur auf dem Rasen. +++