MÜNCHEN, im April. Es hätte so ein idyllisches Foto werden können: der frisch gewickelte Säugling auf dem Schoß der Mutter, die glücklich und erfüllt dreinschaut, auf das Baby und den Bildschirm des Notebooks vor sich blickt, Flaschenwärmer und Breischale griffbereit. "Nein!", sagt die Marketingchefin, "so ein Bild will ich auf keinen Fall in der Zeitung sehen." Weil sonst die Leser womöglich glauben, Comet Computer sei keine richtige Firma, sondern ein Kinderladen mit Multimedia-Animation. Und, was noch viel schlimmer wäre, die Kunden könnten das Gleiche denken. Es ist ja erst ein paar Jahre her, dass die Chefs der Münchner Comet Computer GmbH ihren Auftraggebern bewusst verschwiegen, dass sie ein ganz besonderes Unternehmen leiten - aus Angst, sie würden nicht ernst genommen. Was sollten Konzerne wie IBM, Siemens oder Motorola von einer Computerfirma halten, in der fast nur Frauen beschäftigt sind? Einer Firma, in der sogar Projektleiter nur Teilzeit arbeiten? Jede Woche Kurzurlaub haben, sozusagen. Ja, was mag nur für ein Chaos entstehen, wenn alle kommen und gehen dürfen, wann sie wollen? Oder zu Hause arbeiten, wenn sie mal einen Tag nicht ins Büro kommen mögen? Und wie wird es drunter und drüber gehen, wenn die Beschäftigten ihre Kinder mit zur Arbeit bringen dürfen? Gesunder EgoismusMittlerweile kann Firmenchefin Sissi Closs offensiv für ihre familienfreundliche Unternehmenspolitik werben, wie eine Wanderpredigerin zieht sie von Kongress zu Kongress. Was einst dem Ruf zu schaden drohte, dient ihm heute. Bereits mehrfach wurde Comet Computer "für eine auf Chancengleichheit ausgerichtete Personalpolitik" ausgezeichnet - zweimal mit dem begehrten "Total E-Quality"-Prädikat, dreimal von der Bayerischen Staatsregierung. Wie Jagdtrophäen hängen die Urkunden im Flur des Münchner Altbaus. Auf dem Empfangstisch steht das Foto des jüngsten "Firmenkindes", sechs Wochen alt. Seine Mutter will bald wieder arbeiten, und sei es nur ein paar Stunden die Woche. Eine Kollegin, die kurz vor der Geburt ihres zweiten Kindes steht, hat schon gesagt, "wenn s eng wird, schickt mir was." Sie meint Arbeit. Die Chefin musste sie an die gesetzlichen Bestimmungen zum Mutterschutz erinnern. Comet erstellt und übersetzt technische Dokumentationen für die EDV-Branche, Softwarehandbücher und Bedienungsanleitungen beispielsweise. Ob Frauen oder Männer diese Aufträge erledigen, wo und zu welcher Tages- oder Nachtzeit und ob zwischendurch gestillt oder gekocht wird - den Kunden ist s egal. Hauptsache, das Projekt wird pünktlich fertig.Bei Comet Computer sucht sich jeder aus, wie lange er arbeiten will. Entstanden ist die Idee dank einer Portion gesundem Egoismus. Sissi Closs gründete die Firma, weil sie es leid war, von früh bis spät im Büro zu sitzen und kaum Zeit zu haben für ihren Sohn und für die Jazztanz-Stunden, die sie nebenher gab. Die Informatikerin, heute 46 Jahre alt, wurde zur Vorkämpferin für ein neues unternehmerisches Leitbild. Sie glaubt, dass jeder Job teilbar ist. Und setzt darauf, dass ihre Leute arbeiten sollen, wann sie wollen. Weil sie so letztlich effizienter arbeiten. In das Hohelied jener Chefs, dass nur derjenige sich wirklich für die Firma engagiert, der abends im Büro als Letzter das Licht ausmacht, mag sie nicht einstimmen. Was Sissi Clos mit Comet seit vierzehn Jahren praktiziert, will Frauenministerin Christine Bergmann jetzt per Gleichstellungsgesetz auch für den Rest der deutschen Wirtschaftswelt erzwingen. Künftig sollen die Unternehmen Frauenförderpläne aufstellen, familiengerechte Teilzeitstellen auch für Führungspositionen anbieten, betriebliche Kinderbetreuung organisieren. Firmen, die sich verweigern, werden nach Bergmanns Plänen keine öffentlichen Aufträge mehr erhalten. Die Vertreter der Wirtschaft haben schon angekündigt, dass sie alles tun werden, um das Gesetz zu verhindern. Der Kanzler zaudert. Die Arbeitgeberverbände wiederum bieten eine "freiwillige Verpflichtung" an, wie schon bei der Altauto-Rücknahme, beim Klimaschutz, der Verpackungssteuer für Fastfood-Gerichte und der Ächtung von Schmuddel-Talkshows im Nachmittags-TV. Man weiß, was draus geworden ist. Christine Bergmann wohl auch. Freiwilligkeit habe die Frauen in den Fabriken und Büros des Landes bislang nicht wesentlich vorangebracht, sagt sie und verweist auf die Statistiken: Gerade mal elf Prozent der Führungspositionen in den Unternehmen hier zu Lande sind mit Frauen besetzt, in den Vorständen der hundert größten börsennotierten Aktiengesellschaften sitzt keine einzige Frau. Und der Erziehungsurlaub, Elternzeit heißt es neuerdings, wird nach wie vor zu mehr als 99 Prozent von Frauen genommen. Notfalls nachtsSissi Closs hat mit jedem ihrer sechzig Mitarbeiter ein Arbeitszeitmodell vereinbart, das zur privaten und familiären Situation passt. Möglich ist fast alles: acht Stunden pro Woche, 15, 25 oder auch Vollzeit. Supervollzeit, so um die 60 Stunden, billigt die Chefin nur sich selbst zu. Mit drei, vier Stunden Schlaf komme sie aus, sagt sie. Zwei Drittel der Beschäftigten arbeiten Teilzeit. Manche wechseln die Arbeitszeit täglich, manche arbeiten ein paar Monate durch, um dann eine Pause einzulegen. Wenn ein Kind krank wird oder die Schule ausfällt, können die Comet-Leute ihre Projekte von daheim weiterführen. Und notfalls abends nacharbeiten. Oder nachts. Oder sonntags. Familienfreundlich. Ein Wort, das die Chefin vermeidet. Lieber sagt sie "innovativ". Das klingt nach Zukunft, Dynamik, Erfolg. "Frauenfreundlich" kommt ihr schon gar nicht über die Lippen. Das ist die Schlacht von gestern. Eine frauenfreundliche Firmenpolitik bringt zwar Frauen in die Chefetagen, aber keine Männer in Erziehungsurlaub. Oder in Teilzeit-Jobs. Auch bei Comet Computer gehört der Vollzeit-Arbeitsplatz immer noch zum Mann wie einst die Jagd. Nur einer der fünfzehn fest angestellten Männer arbeitet verkürzt - weil er nebenbei ein Buch schreibt.Anne Moldzio, eine der Frauen aus Sissi Closs Mannschaft, ist mit Ehemann und zwei Söhnen in wenigen Jahren gleich zweimal umgezogen, erst von München nach Darmstadt und dann nach Bonn. Ihren Comet-Job als Technische Redakteurin nahm sie jedes Mal mit. Von morgens um neun bis mittags um eins sitzt sie am Computer, während der Zeit ist sie für Kunden und Kollegen da. Moritz und Luis, die beiden Söhne, sind dann in der Schule und in der Kita. Hin und wieder reserviert Anne Moldzio einen Abend in der Woche für die Arbeit oder auch zwei, die Kinder schlafen dann. Der Computer steht im Wohnzimmer, "in einem Klappschrank, den mach ich zu und dann seh ich das Ding nicht mehr." Nur einmal musste sie einen Kunden am Telefon richtig abwürgen, sagt sie, "da stand ich am Herd, kochte Abendessen für die Kinder, aber der fand einfach kein Ende". Und wie hat er reagiert, der Kunde? "Ich glaub , der kann mich seitdem nicht mehr so gut leiden." Bevor Anne Moldzio vor sieben Jahren bei Comet anheuerte, arbeitete sie bei Siemens-Nixdorf. Kein schlechter Job eigentlich und auch kein schlechter Arbeitgeber - bis sie ein halbes Jahr nach der Geburt ihres ersten Sohnes aus dem Erziehungsurlaub an den Arbeitsplatz zurückkehren wollte. Da begannen ihre Chefs Druck auszuüben: Nehmen Sie die vollen drei Jahre Erziehungsurlaub, hieß es, oder suchen Sie sich am besten gleich eine andere Stelle. Der Computerhersteller baute damals Personal ab; Mütter, die schnell wieder arbeiten, passten nicht ins Konzept. Bei Comet dagegen gehört es fast zur Firmenkultur, dass Mütter nach der Geburt schnell wieder den Weg zurück in den Job finden. Nicht eine Frau ist bisher nach dem Erziehungsurlaub nicht wieder aufgetaucht.Sissi Closs erzählt gern von den unzähligen Anrufen der Headhunter während der Start-up-Boomphase in der New Economy. www.schnellerreich.com & Co, ausstaffiert mit ein paar Millionen frischem Kapital, suchten händeringend Personal. Und sie zahlten gut, viel besser als Sissi Closs. "Die meisten meiner Leute sind zu mir gekommen und haben von den Angeboten erzählt", sagt die Chefin. Und wie viele ließen sich abwerben? "Niemand."Wenn es Comet mal schlecht ginge, würden ihre Mitarbeiter auf einen Teil ihres Gehalts verzichten, wenn sie dadurch die Firma retten könnten. Sissi Closs hat da keinen Zweifel. Fast täglich wird das Comet-Modell auf die Belastungsprobe gestellt. Ständig gibt es kleine Katastrophen. Vergangene Woche fiel Theresa, die sich um die "Firmenkinder" in der Niederlassung am Starnberger See kümmert und auch kocht, komplett aus. Und ausgerechnet dann bekamen die Kinder, die am Arbeitsplatz der Mütter betreut werden, auch noch die Windpocken. Die Chefin selbst salbte schließlich juckende Bläschen mit Kamillenlotion ein.Die Spinne im NetzAnn Krombholz ist die einzige bei Comet, die immer weiß, wo jeder steckt. Verschickt Rundbriefe per E-Mail an jene, die nicht im Büro sind. Notiert alle Anrufe. Sie weiß, woran jeder gerade arbeitet, wer mit welchen Kunden gut klarkommt, wer total ausgelastet ist und wer noch eine kleine Dosis Arbeit verkraften kann. Ann Krombholz, die Spinne im Netz, arbeitet Vollzeit, muss Vollzeit arbeiten. Doch was wird aus der Freiheit, wenn das Unternehmen weiter wächst? Funktioniert das Comet-Modell auch mit zweihundert Beschäftigten? Oder muss Sissi Closs dann die Flexibilität zurückschrauben, weil die Firma sonst kaum noch steuerbar ist? So wie bei Volkswagen in Wolfsburg, wo die Werksleitung nach einem fünfjährigen Experiment mit 150 verschiedenen Arbeitszeitmodellen zum gewohnten Drei-Schicht-Betrieb zurückkehrte.Sicher ist nur eins: Ann Krombholz wird bald Verstärkung bekommen. Das Netz wird größer, eine zweite Spinne muss her. "Man kann immer noch kommen und gehen, wann man will", sagt sie. Kurze Pause. "Aber keiner macht es." In Zukunft muss es mehr Regeln geben, glaubt sie. Mehr Kontrolle, auch das. Früher hat sie nie aufgeschrieben, wenn ein Kollege sagte: "Ich komm morgen nicht." Heute macht sie das. Sie hatten mal einen, der ist einfach in Urlaub gefahren, ohne Bescheid zu sagen. Urlaubslisten gab es damals noch nicht. So etwas wurde auf dem Flur abgesprochen. Oder auch nicht. Es gibt Leute, die passen nicht zu Comet. Sagt die Chefin. Solche etwa, "die stur nach Hause gehen, obwohl es brennt". Solche, "die ihren Plan brauchen, jeden Tag". Wie viele das waren, bisher? "Eins bis fünf", sagt Sissi Closs. So genau will sie sich nicht festlegen. Die Frage nach dem Betriebsrat überrascht sie. Bei Comet gibt es keinen. Bisher ist auch noch niemand auf die Idee gekommen. Sissi Closs ist froh darum. Manche ihrer Leute arbeiten eben nachts oder am Wochenende, da droht Ärger mit der Gewerkschaft. Die Gewerkschaft, das ist nicht ihre Welt. Zu unflexibel. Womöglich käme so ein Funktionär noch auf die Idee, ihre schöne flexible Teilzeitwelt tarifvertragsgerecht zu normieren.BERLINER ZEITUNG/WOLFGANG MARIA WEBER Sissi Closs leitet die Firma Comet. Die Informatikerin setzt darauf, dass ihre Leute arbeiten, wann sie wollen - weil es effizienter und familienfreundlicher sei.