Der Holzkasten lehnte, hinter Gerümpel verborgen, an der Wand einer Garage in Potsdam. An Ort und Stelle entfernte Gunter Mewes, der Leiter der Sonderkommission "Hafen", vier Schrauben und hob die Deckplatte aus Sperrholz an. Dann lag die "Ansicht eines Hafens" vor ihm, unbeschädigt, in goldenem Rahmen. Ein Gutachter der Potsdamer Stiftung Schlösser und Gärten bestätigte ein paar Stunden später die Echtheit des weltberühmten Gemäldes von Caspar David Friedrich.Montag nachmittag fand die Polizei das Kunstwerk wieder, das in der Nacht des 7. Dezember 1996 aus dem nur fünf Minuten entfernten Schloß Charlottenhof geraubt worden war. Während Mewes sich um das Bild kümmerte, nahmen seine Mitarbeiter vier Männer, alle aus Potsdam, wegen Verdachts auf Diebstahl und Hehlerei fest. Am Morgen des 7. Dezember hatte niemand mit einem so schnellen Erfolg gerechnet. Zwar waren die Räuber dilettantisch vorgegangen, indem sie das Bild einfach aus seiner Drahtverankerung gerissen hatten, aber es gab keinerlei Spuren oder Hinweise auf die Täter. Die Ermittler vermuteten, ein Kunsträuber habe das als unverkäuflich geltende Gemälde rauben lassen. Die Schlösserstiftung erinnerte an das Spitzweg-Bild "Der arme Poet", das seit zehn Jahren verschwunden ist. Am Tag nach der großen Pressekonferenz im Dezember, auf der über den Diebstahl informiert wurde, ging jedoch ein anonymer Anruf bei der Polizei ein, der schließlich zum Schlüssel des Fahndungserfolgs geworden ist. "Warum sucht ihr das Bild, es ist doch nichts wert, es ist eine Fälschung", hatte der Mann am anderen Ende der Leitung gesagt. Die Kriminalisten maßen diesem Anruf große Bedeutung bei und observierten im Anschluß daran Wohnungen, hörten Telefone ab. Das führte sie zu eben jenem Mann, der sie dann am Montag wissentlich zu der Garage in Potsdams Haeckelstraße gebracht hat. Er gehöre zu den vier Verdächtigen, sei aber gestern nicht wie die anderen dem Haftrichter vorgeführt worden, so die Potsdamer Staatsanwaltschaft. Die vier Männer, ein Immobilienmakler, ein Tischler (er baute den Holzkasten, in dem die "Ansicht eines Hafens" aufbewahrt wurde), ein Kraftfahrer und ein Autohändler zwischen 24 und 46 Jahren, hätten wohl vorgehabt, das Bild zu verkaufen, ohne jedoch bereits konkrete Schritte dazu eingeleitet zu haben, erklärte der Potsdamer Oberstaatsanwalt Rüdiger Michalik. Einer der Verdächtigen sei hoch verschuldet.Der Caspar David Friedrich war übrigens nicht der einzige Kunstfund, den die Polizei am Montag machte. Insgesamt lagerten in der Garage und einer Potsdamer Wohnung 70 Skulpturen, Kaminuhren und Bilder, die vermutlich alle aus Diebstählen in Potsdamer Villen stammen. Unter den Bildern sind zehn Gemälde des Potsdamer Malers Egon von Kameke im Wert von einer halben Million Mark. Sie waren im Sommer vergangenen Jahres gestohlen worden. Ob die vier Tatverdächtigen das Caspar-David-Fiedrich-Gemälde selbst gestohlen haben, ist noch unklar. Bei den gestrigen Vernehmungen sagten zwei der Männer, sie hätten Polen mit dem Raub beauftragt. Möglich sei auch, daß es Hintermänner gebe, so der Oberstaatsanwalt. Die 1815 entstandene "Ansicht eines Hafens" wird nicht mehr lange in Potsdam bleiben. Anfang nächster Woche wird das Bild ins Berliner Schloß Charlottenburg gebracht und dort an fast derselben Stelle aufgehängt, an der bis zum Zweiten Weltkrieg sein Platz war. Zwar weiterhin unversichert, aber besser gesichert. Der Raub hatte wenige Tage vor dem ursprünglich geplanten Umzugsdatum stattgefunden.Ab kommendem Dienstag können Besucher das Gemälde wieder betrachten. +++

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