In England gibt es mehr Schatzfunde als sonst in der Welt. Weil Finder gut bezahlt werden: Geld für Gold

LONDON. Schatzsucher, die mit Metalldetektoren ganze Felder scannen, sind in England keine Spinner. Oder wenigstens dann nicht mehr, wenn sie Schätze finden. Und das geschieht immer wieder. 80 000 Bodenfunde mit einem Alter von mehr als 300 Jahren wurden allein in den vergangenen zwei Jahren den Denkmalbehörden und Museen gemeldet, 700 000 seit 1997, von der kleinen Münze im Tontopf bis zum umfangreichen Schatz mit Kunstwerken aus Gold und Silber.Mit Metalldetektor unterwegsWas allerdings gestern Morgen im British Museum von dessen Direktor, Neil McGregor und Kulturministerin Magaret Hodge vorgestellt wurde, war selbst für englische Maßstäbe sensationell: Teile von gleich zwei in jeder Hinsicht einzigartigen Schatzfunden werden bis Ende November in einer kleinen Sonderausstellung gezeigt. Schon 2007 erspürten die privaten Schatzsucher Andrew und David Whelan auf den Äckern im nordenglischen Yorkshire einen einzigartigen Wikingerschatz, eine Silberschale mit Münzen und Schmuckstücken. Und im Juli 2009 fand der Schatzsucher Terry Herbert in Mittelengland den überwältigenden Goldschatz von Staffordshire. Prachtvolle Dekors auf Ringen und Helmen, Pferdezierraten und Schwertern - die Kunstgeschichtsschreibung ist enthusiasmiert, der Staffordshire Hoardadäquat, so ein Archäologe, komme sogar dem legendären angelsächsischen Schiffsfund von Sutton Hoo gleich, der nur wenige Schritte weiter zu bewundern ist.Dass gerade in England so viele Schatzfunde gemacht werden, liegt auch daran, dass hier seit Jahrhunderten die Weidewirtschaft eine viel größere Rolle spielte als der Ackerbau, also wertvolle Bestände nicht schon früher beim Pflügen aus dem Boden geholt wurden. Der Hauptgrund aber ist ein 1996 nochmals zugunsten der Schatzsucher reformiertes Gesetz, der Treasure Act, und das ihn begleitende "Portable Antiquities Scheme", ungefähr zu übersetzen mit "Programm für bewegliche Altertümer". Es legt fest, dass die Finder und die Landeigentümer angemessen für ihre Mühen entschädigt werden; Terry Herbert hatte jahrelang mit seinem Metalldetektor den Boden Mittelenglands abgesucht, bevor er glücklich auf das Gold stieß.Alle Schatzfunde werden im British Museum von einer Kommission aus Kunsthändlern, die die Marktpreise kennen, Museumskuratoren, Archäologen, Universitätswissenschaftlern bewertet. Sie legen in Absprache mit den Findern und den Landeigentümern den Preis fest, zu dem der Fund vom Staat oder von den Museen erworben werden kann. Erst wenn diese das Geld nicht zusammen bekommen, dürfen die Objekte privat verkauft werden. Gareth Williams, Kurator für Münzen im British Museum, schwärmt von dem System: "Das ist fair, man kann die Leute begeistern dafür, Schätze zu suchen und auch zu melden, die sonst im illegalen Kunstmarkt verschwinden würden." Und es können so geordnete Ausgrabungen stattfinden, nicht wilde Schatzsucherei, aus isolierten Kunstgegenständen werden historische Dokumente.Der Fund aus Yorkshore bereicherte seine Finder und die Grundeigentümer um etwas unter 1,1 Million Pfund. Für den Staffordshire Hoard wird der Preis sehr viel höher liegen, aber schon jetzt sind sich alle Beteiligten sicher, dass die Museen in Mittelengland ihn erwerben können. Gerade bei solch strahlenden Funden sind die Sponsoren selbst in Krisenzeiten spendabel.Vergleichbare Gesetze gibt es sonst in Europa nicht, nur in Dänemark und im einst dänischen Schleswig-Holstein erhalten Finder wenigstens eine am Materialwert orientierte Entschädigung. Sonst vertrauen die staatlichen Behörden auf die Bürgerehrlichkeit. Um die zu stärken, wird in vielen Ländern im Gegensatz zu England der Gebrauch von Metalldetektoren verboten. Wie der Archäologie-Krimi um die einmalige Bronzescheibe von Nebra zeigte, ist der Erfolg solcher Strafpolitik klein; dass sie heute im Museum von Halle und nicht in einer Privatsammlung studiert werden kann, liegt vor allem an der kriminellen Inkompetenz der Finder.In England dagegen setzt man auf Pragmatismus, hat damit, wie die Fundmeldungen zeigen, offenkundig Erfolg. Und immerhin ein Drittel der Funde sowie fast alle Schatzfunde werden, wie Kulturministerin Margaret Hodge berichtete, von öffentlichen Sammlungen erworben. Die Forderung von Kurator Stephan Moorhead, dass das Europäische Parlament endlich eine europaeinheitliche Regelung nach englischem Vorbild einführen möge, hat also viel für sich: "Jeden Tag werden in den Niederlanden, in Belgien, Frankreich und Deutschland, leider auch in Schottland und Irland, vor allem aber in Osteuropa einzigartige Kunstwerke und Dokumente zerstört, die uns etwas über unsere Geschichte und deren Vielfalt erzählen."Auf einem Goldband des Staffordshire Hoards ist ein verzweifelter biblischer Hilferuf eingraviert: "Steh auf, Herr, und die Feinde werden verstreut und die, welche Dich hassen, werden hinweggefegt vor Deinem Angesicht." Derjenige, der diesen Schatz schuf, hatte viel Not gesehen. Warum er aber im 9. Jahrhundert in die Erde kam, ist kaum noch zu klären. Zu unübersichtlich sind die Frontlagen in den diversen mittelenglischen Königreichen gewesen.Auf der Flucht vergrabenGanz anders sieht das aus beim Vale of York-Schatz. Er stammt genau aus jenen Jahren zwischen 927 und 928, als König Athelstan erstmals einen einheitlichen englischen Staat durchsetzte. Offenkundig vergrub ein Wikinger die Silberschale mit den Münzen, um leichter vor den aus dem Süden anrückenden Engländern fliehen zu können. Wie eng bereits damals die Welt miteinander vernetzt war, zeigt, dass sich in dem Schatz auch Münzen aus Usbekistan oder aus dem deutschen Köln befinden. Die Silberschale, deren Dekor an persische Arbeiten erinnert, wurde wohl im karolingischen Nordfrankreich oder Flandern hergestellt und bei einem Wikingerzug geplündert. Oder war sie ein Tributanteil?Die Hoffnung des Wikingers jedenfalls, bald zurückkehren zu können, war durchaus realistisch. Man hatte doch immer gewonnen. Aber diesmal gewannen die Engländer, der Wikinger - oder seine Frau? - verschwand von der historischen Bildfläche. Bis 2007. Schatzfunde sind, was oft vergessen wird, meist das Resultat eines tragischen Scheiterns.------------------------------Die Fachwelt stauntAuf einem Acker in der Grafschaft Staffordshire fand der Hobby-Schatzsucher Terry Herbert mit Hilfe eines Metalldetektors die rund 1 500 kostbaren Stücke.Die Sammlung besteht insgesamt aus fünf Kilogramm Gold und zweieinhalb Kilogramm Silber. Vermutlich stammt der Schatz aus dem 7. Jahrhundert. Archäologen sprechen vom bedeutendsten Fund aus angelsächsischer Zeit.------------------------------Foto (5): Diese Stücke gehören zu dem Goldschatz aus der Zeit der Angelsachsen, der im September in Mittelengland entdeckt wurde. Zu den Fundstücken von Staffordshire gehören fein gearbeitete silberne und goldene Hefte von Schwertern, verzierte Teile von Prunkhelmen, Münzen und zwei Kreuze. Der sensationelle Fund wurde im Britischen Museum in London restauriert und katalogisiert. Teile davon waren zuvor in Birmingham gezeigt worden.Foto: Seit 18 Jahren auf Schatzsuche: Terry Herbert (55) hatte jetzt Glück.