LAAX. Alle wollen auf die Schanze. Natürlich heißt die hier nicht so. Snowboarder und Freeskier haben ihre eigene Sprache. Pipes und Ramps sind da noch die verständlichsten Begriffe. Die Schanze also heißt Kicker und im schweizerischen Laax steht ein solcher nicht in den Bergen, sondern in einer Halle, die auf den ersten Blick wie eine Turnhalle aussieht. Doch die Halle in dem Graubündener Ort ist einzigartig in Europa. Wegen des Big Air, des Kickers mit den drei Absprungmöglichkeiten, wegen der vier großen in den Boden eingelassenen Trampolins, der Quarterpipes, der Skaterramp, der Kletterwand, wegen ihrer Größe. Auf 1000 Quadratmetern können hier Snowboarder, Freeskier, Skater und Biker trainieren, was sie bislang nur im Freien konnten. Die Freestyle Academy ist gedacht für die Künstler unter den Sportlern und solche, die es werden wollen. Denen ein einfacher Sprung nicht reicht, die sich drehen und überschlagen in der Luft.Jonny ist einer von ihnen. Der Engländer gehört zu einer Gruppe, die Oliver Wagner an diesem Nachmittag vielleicht zur Hallenreife führen wird. Sie ist die Voraussetzung dafür, dass man auch allein auf die Anlage und auf den Kicker kann. Keiner der zehn zweifelt daran, dass er am Ende des Einführungskurses springen darf. Wagner schon. Tagsüber war er mit den Frauen und Männern "am Berg". Er hat gesehen, wie sie Ski fahren und snowboarden, kann ihre Kondition einschätzen. "Wenn es überhaupt einer schafft, dann Jonny", sagt der schlaksige Zwei-Meter-Mann.Als die Freestyle Academy in Laax vor einem Vierteljahr eröffnet wurde, fanden die Erbauer die Absprünge zu langsam. An den Snowflex-Belag, eine Art Borsten-Teppich, muss man sich erst gewöhnen. Auf Schnee zu fahren ist einfacher. Reto Poltera, verantwortlich für die Bereiche Sport und Freizeit bei der Weissen Arena Gruppe, ließ die Bahnen bei der Eröffnung benetzen und schon seien unglaubliche Sprünge möglich gewesen, schwärmt er. Im Alltag aber verzichtet man auf derlei. Obwohl hier keine Einsteiger trainieren - jeder, der in der Halle üben will, muss bereits Ski fahren oder snowboarden können -, steht die Sicherheit an erster Stelle. Wer springen will, muss einen Helm aufsetzen. "Wir wollen Kinder und junge Leute fit machen für den Berg", beschreibt Poltera die Aufgabe der Coaches. "Hier können sie springen und landen am Ende soft in der Schnitzelgrube."Aus der Grube, die mit Schaumstoffstücken gefüllt ist, wühlt sich Jonny gerade heraus. Er gehört zu denen, die es ohne Hilfe schaffen. Matthias aus Köln gelingt es nicht. Zu viel Kraft hat das Training zuvor auf den Trampolins gekostet. Immer wieder hat Oliver Wagner die Gruppe springen lassen: Anlauf, Sprung, Landung. Nach drei Durchgängen und dem Training draußen gelingt es Matthias mit Ach und Krach, das Snowboard abzuschnallen und auf den Hallenboden zu werfen. Er selbst muss mit einem Seil an den Grubenrand gezogen und herausgehoben werden. "Das war für mich heute das Allerschwerste", bekennt der 25-Jährige.Die Schnitzelgrube ist ein Segen. Was auch immer die Freestyler versuchen: Sie landen weich. Jungs, die wie 14 aussehen, in Wahrheit aber schon drei, vier Jahre älter sind, üben hier ihre Tricks - die Spins, Tweaks und Salti. Sie überschlagen und drehen sich, ohne den schmerzhaften Aufprall fürchten zu müssen, wenn sie eine Figur noch nicht richtig beherrschen. Und sie haben Spaß dabei. Genau das will Poltera. "Jugendliche wollen keine Ermahnungen hören", sagt er. "Deshalb bieten wir ihnen Möglichkeiten, sich in einer sicheren Umgebung auszuprobieren." Auf seinem Handy zeigt er einen Film mit seiner vierjährigen Tochter auf dem Snowboard. "Sehen Sie, wie spielerisch sie das macht?", fragt Poltera stolz, während das Kind geschickt den Hang hinunter fährt. Ihn stört das hohe Tempo auf den Pisten. Die Selbstüberschätzung nehme zu, erklärt er. Jedes Jahr verunglückten auf den Pisten in der Schweiz 71000 Menschen. Mit Helm und Protektoren ausgerüstet, fühlten sich nicht nur manche Kids wie Rambos. "Die glauben, sie sind unverletzbar", sagt der Vater.Der Auffassung, dass man mit solchen Trainingsmöglichkeiten wie in Laax auch kleine Hasardeure fördere, treten Poltera und Wagner entschieden entgegen. "Wer springen will, springt", sagt Oliver Wagner. Auch ohne solche Hallen seien die Figuren schwieriger und damit riskanter geworden. "Heute sind dreifache Salti mit Schraube möglich. Es ist doch besser, so etwas nicht gleich im Schnee auszuprobieren. In der Halle stürzt man bei einem missglückten Versuch zwar auch, aber man fällt wenigstens weich."Viele der 2000 Kinder und Jugendlichen, die bereits Kurse in der Academy absolviert haben, trainierten bei Oliver Wagner das kontrollierte Stürzen. "Wenn der Freestyler spürt, dass er seinen Salto nicht hinkriegt, muss er in der Lage sein, ordentlich zu landen", erklärt Wagner den Sinn des Trainings. Von einer passablen Landung ist Matthias weit entfernt. Wagner hat ihn zwar auf den Kicker gelassen, doch nach der ersten vorzeitig beendeten Fahrt mit dem Snowboard gibt der Kölner auf. Am Abend ist Jonny tatsächlich der Einzige, der den Kicker meistert. Aber wackeliger als im Schnee ist auch er.------------------------------"Es ist doch besser, Salti nicht gleich im Schnee auszuprobieren." Oliver Wagner, CoachFoto: So fliegt man richtig. Mit der Serienfotografie eines Snowboard-Trainings in der Halle wird die Technik sichtbar.