In Frankreich endet immer alles mit einem Chanson. Pierre Delanoë hat fünftausend geschrieben und wurde zur Legende: Lieben wir uns, solange wir leben

PARIS, im April. Jean-Jacques Aillagon konnte seine Rührung nur mit Mühe überspielen. "In Frankreich endet immer alles mit einem Chanson", sagte er. "Und deshalb beende ich meine Ministerzeit, indem ich das französische Chanson ehre." Aillagon hatte gerade seinen Posten als Pariser Kulturminister verloren, nahm aber auf Bitten seines Nachfolgers im prächtigen Palais Royal noch eine Amtshandlung vor: Pierre Delanoë, Autor von gut 5 000 Schlagertexten, von denen rund 200 große und 50 Welterfolge wurden, erhielt die höchste französische Kulturauszeichnung, er wurde Commandeur de l'Ordre des Art et des Lettres. "Pierre", sagte der Ex-Minister, "Ihre Chansons sind ein Stück französischer Kultur und Sie ein Stück Frankreich."Das Stück Frankreich, 85 Jahre alt, aber noch immer mit der sonoren Baritonstimme des einstigen Sängers ausgestattet, blieb sich treu und nutzte die Gelegenheit, der versammelten Crème der französischen Kultur die Meinung zu geigen. Und so wetterte die Kultfigur von vier Generationen Chanson-Fans los: Die französische Sprache verkomme, werde von Anglizismen und idiotischen Abkürzungen verhunzt; selbst TV-Moderatoren könnten nicht mehr richtig Französisch. Die Gescholtenen senkten die Köpfe und schielten zum Champagner-Buffet, das Delanoë schließlich mit einer gnädigen Handbewegung freigab. Es gibt buchstäblich keinen Franzosen, den nicht ein Delanoë-Chanson in einer Lebensphase begleitet hätte. Der studierte Jurist und Steuerbeamte munterte die deprimierten Nachkriegs-Citoyens 1948 auf mit einem verrückten Titel: "Da ist eine Falte im Wohnzimmer-Teppich..." Er sang selber, aber im Auditorium saß ein junger Beau, der ebenfalls singen wollte: Gilbert Bécaud. Die beiden wurden Partner bis zu Gilberts Tod vor zwei Jahren. Ein erster Delanoë-Text, "Meine Hände", verhalf Bécaud in den Musentempel Olympia. Dann kam der Durchbruch. Delanoë: "Ich verabscheute die sowjetischen Kommunisten, liebte aber die Russen - der Westen schmiss das immer durcheinander. Da schrieb ich 1956 ein Lied über eine imaginäre, hübsche Moskauer Fremdenführerin: Der Rote Platz war menschenleer, vor mir ging Nathalie . Bécaud wollte erst nicht, zu politisch und mitten im Kalten Krieg, maulte er. Dann sang er es doch, ,Nathalie' wurde ein Welterfolg, die Sowjetunion sang mit." Delanoë schrieb und schrieb "mal einen Text in zwei Stunden, mal in zwei Jahren Quälerei". 1958 errang er mit einer poesievollen Schnulze "Dors mon amour" (Schlafe, meine Liebe) den ersten europäischen Grand Prix für Frankreich. "Er traf immer den richtigen Ton zur richtigen Zeit", meint der Musikkritiker Pierre Achard. Die Leichtigkeit des Flanierens: "Oh, Champs Elysées" für Joe Dassin. Die Entwicklungshilfe: "Am Tag als Regen kam" (Bécaud/Dalida). Sowjets in Afghanistan: "Wach auf, Wladimir Iljitsch, sie spielen verrückt". Yves Montand, Johnny Halliday, Nana Mouskouri, Gerard Lenormand, Charles Aznavour, Françoise Hardy - kaum einer der Großen, der nicht Delanoë sang. Pierre Delanoë sitzt in seinem Büro im siebten Stock des in Gitarrenform gehaltenen Gebäudes der Sacem, der französischen Version der deutschen Gema. Zehn Jahre war er Präsident dieser Vereinigung von 70 000 Textern und Komponisten, nun ist er ihr Ehrenpräsident auf Lebenszeit. Hinter ihm sieht man die Rücken von einem guten Dutzend Büchern, die er geschrieben hat - Krimis, Erotisches, Bücher über Golf, für Kinder und seine "Anthologie der Poesie von Charles von Orléans bis Charles Trenet". Das ist ein Standardwerk geworden. Was macht einen Erfolgs-Schlager aus? Delanoë zögert keinen Augenblick: "Originalität, manchmal ein einziger Satz, die richtige Musik, der richtige Augenblick und die Stimme des Interpreten." Gilt das noch immer? Da fasst der alte Monsieur den Schreibtisch, dass der rote Bordeaux in seinem Glas erzittert. "Die Fernseh-Stars werden heute durch Geld gemacht. Auf die Jugend am Bildschirm wird zehnmal hintereinander mit demselben Titel eingedroschen, und dann schlucken die das als Hit." Der neue Kulturorden liegt schon im Schrank, wie belanglos. Pierre Delanoë tüftelt bereits an einem Chanson-Text, "Lieben wir uns, solange wir leben", heißt er. In Frankreich endet eben immer alles mit einem Chanson.------------------------------Foto: Pierre Delanoë (r.) mit Gaya Bécaud, dem Sohn von Gilbert Bécaud