MONTFERMEIL. Hier also hat alles angefangen. Vor den Wohnsilos von Clichy-sous-Bois und Montfermeil haben sie gestanden, Bouna Traore und Zyed Benna, der eine 15, der andere 17 Jahre alt. Bouna hatte sich als technisch versierter Fußballspieler einen Namen gemacht, Zyed als Steinewerfer. Bis zum 16. Stock eines Wohnturms konnte Zyed ein Stück Mauerwerk emporschleudern. Ihren Ausweis hätten die zwei der Polizei zeigen sollen. Stattdessen stürmten sie Hals über Kopf davon. Sie rannten die Straße hinunter, kletterten über eine Mauer, drangen in die Schaltstation eines Umspannwerkes ein, versteckten sich neben einem Transformator, wo sie dann der tödliche Stromstoß traf, 20 000 Volt. In derselben Nacht gingen ringsum Autos in Flammen auf. Die Turnhalle brannte. Die Jugendunruhen griffen auf ganz Frankreich über. Drei Wochen lang tobten sie, bis Mitte November. Aber an all dies wird hier bald nicht mehr viel erinnern.Ein Dutzend Mietskasernen werden in Clichy-sous-Bois und Montfermeil demnächst dem Erdboden gleichgemacht. Sie werden gesprengt oder mit Abrissbirnen zerlegt. Andere Elendsbehausungen sollen renoviert werden. Treppenhäuser, die von Graffiti strotzen, vom Regen ausgewaschene Fassaden, rostige Eisenstangen, die aus bröckelndem Mauerwerk ragen, von Tritten zerbeulte Wellblechfassaden, alles kommt weg. Damit wahr wird, wovon die Stadtplaner schon lange träumen: ein neues Wohnviertel auf den Trümmern des alten. Eine neue Stadt, die nicht mehr wie ein Ghetto aussieht.Auslöser der urbanen Revolution ist die Jugendrevolte. Aufgeschreckt durch die schwersten Unruhen, die Frankreich in den vergangenen Jahrzehnten erschüttert haben, hat sich die Pariser Regierung der Vorstädte erinnert und beschlossen, Versäumtes nachzuholen. Ein Geldregen ist die Folge, der jetzt über die Ghettos des Landes hernieder geht. Hundert Millionen Euro für Hilfsorganisationen hat Paris bewilligt. 30 Milliarden Euro für die Stadterneuerung sind abgesegnet. Auch die EU steuert ihren Teil zum sozialen Frieden bei. 50 Millionen Euro hat Brüssel zugesagt.Die zehn Kilometer nordöstlich von Paris gelegenen Gemeinden Clichy-sous-Bois und Montfermeil, die in den vergangenen Jahrzehnten besonders vernachlässigt worden waren, werden nun besonders reich bedacht. Im Rathaus von Montfermeil studiert der Bürgermeister schon einmal, was auf ihn und die Gemeinde zukommt. Xavier Lemoin blättert in einer Hochglanzbroschüre, betrachtet Skizzen und Zeichnungen. Das Titelblatt zeigt zufrieden lächelnde Männer in einer schönen, neuen Welt. Lemoine selbst ist zu erkennen und Frankreichs Minister für Beschäftigung, sozialen Zusammenhalt und Wohnungsbau, Jean-Louis Borloo. Grund der Zufriedenheit ist die feierlich besiegelte Übereinkunft, in die Sanierung von Clichy-sous-Bois und Montfermeil 340 Millionen Euro zu investieren."Das alles wird nicht wiederzuerkennen sein", sagt der Bürgermeister und deutet auf eine Luftaufnahme von Montfermeil. Wie hochkant gestellte Zigarrenkisten reihen sich dort die Wohnsilos aneinander. Der Broschüre zu Folge wird das Ghetto einem Idyll weichen. Drei- bis viergeschossige Häuser sind geplant, eine Sporthalle und ein Fußballplatz, eine Mediathek und eine Bibliothek, ein Kindergarten und eine Schule. Das Geld dafür sei zwar nicht erst jetzt zur Seite gelegt worden, räumt Lemoine ein. Auch liege der Plan nicht erst seit gestern in seiner Schublade. Aber jetzt werde er endlich energisch in die Tat umgesetzt.Der Minister persönlich verbürgt sich dafür. Er selbst werde dafür sorgen, dass das vor der Revolte nicht vom Fleck gekommene Vorhaben zügig verwirklicht werde, hat Jean-Louis Borlo versprochen. Wenn ein Politiker nach den Unruhen in der Pflicht steht, dann er. Beschäftigung, Wohnungen und sozialer Zusammenhalt, das sind nicht nur seine Arbeitsbereiche, das ist es auch, woran es in Frankreich ganz offensichtlich fehlt. Was sich in der Vorstadtrevolte entladen hat, ist die Enttäuschung der Kinder und Enkel arabischer und schwarzafrikanischer Einwanderer, die sich als Franzosen zweiter Klasse sehen, abgedrängt in Ghettos, zunehmend chancenlos auf einem immer engeren Arbeits- und Wohnungsmarkt. Frankreichs Geheimdienst DCRG hat dies der Regierung in einer am Mittwoch bekannt gewordenen Studie bestätigt.Die Baracke vor der Wohnblocksiedlung "Des Bosquets" soll nicht abgerissen werden. Anne-Marie Galazka und ihre neun Mitarbeiter versuchen dort, Arbeitslosen einen Job zu vermitteln. Auf 20 Prozent schätzt die Leiterin der Hilfsorganisation "Defi" den Anteil der Erwerbslosen in Montfermeil und Clichy-sous-Bois. 4500 Menschen ohne Arbeit sind das, von denen täglich 60 unter tief hängenden Stromkabeln in die ehemals asbestverseuchten Beratungsräume schreiten.Auch Galazkas Organisation bekommt von dem Geldsegen etwas ab. Die rotblonde Frau, deren Gesicht eben noch den Ernst der Lage widerspiegelte, lächelt verschmitzt, als die Sprache auf die Finanzen kommt. "Seit den Unruhen geht viel, was vorher nicht ging", sagt die 55-Jährige. Die Chancen, gesellschaftlich an den Rand Gedrängte zurückzuholen, seien gestiegen. Besser als mit einem guten Job könne man jemanden kaum integrieren, sagt sie.Galazka und ihre Mitarbeiter haben es schwerer als die Stadterneuerer. Nicht marode Baumaterialien müssen die Arbeitsvermittler entfernen, sondern tief sitzende Vorurteile ausräumen, kulturelle Abgründe zuschütten. "Wir können nur versuchen, dass unsere Leute in der Bewerberschlange etwas weiter nach vorne rücken", sagt die Defi-Chefin. Ganz vorne rangierten ohnehin die hochgewachsenen, schlanken, durchsetzungsfähigen Franzosen weißer Hautfarbe. "Das Gift der Diskriminierung", das Frankreichs Staatschef Jacques Chirac für die Vorstadtrevolte verantwortlich gemacht hat, scheint gegen Finanzspritzen und soziale Fürsorge weitgehend immun zu sein.Was bleibt, ist Schadensbegrenzung. Zumindest einen unbeliebten Job im Baugewerbe soll ergreifen können, wer durch Name, Hautfarbe, Adresse und Ausbildungsdefizite als Außenseiter ausgewiesen ist, fordert Galazka. Chirac und sein Regierungschef Dominique de Villepin entwickeln derweil immer kühnere Ideen, wie die Benachteiligten gefördert werden könnten. Villepin erwägt, Vorstadtkindern mit abgebrochener Schulausbildung zu erlauben, schon mit 14 Jahren eine Lehre aufzunehmen. Über anonyme Lebensläufe denkt der Premier nach, die keine Rückschlüsse auf die Herkunft des Verfassers zulassen. Die Zahl der Stipendien für herausragende Schüler soll von 30 000 auf 100 000 erhöht werden. Chirac hat angekündigt, einen freiwilligen Zivildienst einzurichten, in dem schon im nächsten Jahr 30 000 Jugendliche für ein paar hundert Euro im Monat sozial sinnvolle Arbeit verrichten sollen.Galazkas Bemühen, ihren Schutzbefohlenen eine Stelle im Baugewerbe zu verschaffen, stößt allerdings weniger bei den Personalchefs an Grenzen, als bei den Arbeitslosen selbst. Nicht wenige Jugendliche sind von Vätern aufgezogen worden, die sich auf Baustellen halb zu Tode geschuftet haben, sagt die Galazka. Alles, nur das nicht, denken jetzt ihre Söhne. Anstatt sich den Realitäten zu stellen, hoffen sie lieber auf ein Wunder.Aristide, der an diesem Tag einen Kurs in der Baracke hat, ist so ein Träumer. Er will erfahren haben, dass einem seiner Kumpels der Sprung vom Arbeitslosen zum Fußballstar gelungen ist. Franz Bertin heißt der Glückliche, der in Montfermeil aufwuchs und einen Vertrag bei Juventus Turin erhielt. Heute spiele Bertin zwar nicht mehr bei den Schwarz-Weißen, sondern bei den Grau-Blauen des spanischen Vereins Racing Santander, erzählt der daheim gebliebene Kicker. Aber toll sei das Ganze trotzdem.Xavier Lemoin, der Bürgermeister von Montfermeil, macht sich kaum Illusionen über die Zukunft seiner Gemeinde. "Ich will kein Geld", sagt er, und das ist ein sehr erstaunlicher Satz für einen Kommunalpolitiker. Was Xavier Lemoin mit diesem Satz sagen will, ist, dass es nicht viel bringen wird, das Ghetto herausputzen und den Bewohnern etwas mehr Betreuung zukommen zu lassen. Das wird die Probleme nicht lösen, sagt Lemoin. Mit Geld sei die Kluft nicht vergessen zu machen, die sich zwischen alteingesessenen Franzosen und den aus Afrika stammenden Einwanderfamilien auftut. Lemoin spricht von schönen Fassaden, die jetzt aufgebaut werden, und hinter denen man die eigentlichen Probleme vielleicht noch leichter vergessen kann als vorher.Frankreichs Geheimdienst sieht die Sache ähnlich nüchtern. Der geringste Anlass, heißt es in der Studie zu den Vorstädten, könne genügen, um die Unruhen wieder aufflammen zu lassen. Womöglich schon zu Sylvester, wenn zur Feier des Tages ohnehin traditionell Autos abgefackelt werden, könne die nächste Revolte losbrechen.------------------------------"Mit Geld lassen sich unsere Probleme nicht lösen." Xavier Lemoin, Bürgermeister von Montfermeil------------------------------Foto: "Das alles wird nicht wiederzuerkennen sein", sagen die Politiker. In Montfermeil soll in den kommenden Jahren eine neue Stadt entstehen.