Berlins historische Mitte liegt in Friedrichsfelde auf dem Boden einer Lagerhalle. Die historische Mitte - das ist nach dem Sprachgebrauch der Bundesregierung das Berliner Stadtschloss. Seine Reste bewahrt das Landesdenkmalamt in einem Depot in dem Lichtenberger Ortsteil auf: Säulen, Teile von Figuren, ein wenig Fassadenschmuck. Viel ist es nicht, was vom einst monumentalen Schloss noch da ist. Die Gebäudeteile haben in einem etwas größeren Lastwagen Platz.51 Jahre lang hat sich kaum jemand dafür interessiert, was aus den Resten des Schlosses geworden ist, das Staats- und Parteichef Walter Ulbricht 1950 abreißen ließ. Die Stuckelemente lagerten in Schuppen und auf unbewachten Plätzen im Freien, sogar in einem Kuhstall in Ahrensfelde. Jetzt, wo sich eine Entscheidung zu Gunsten des Wiederaufbaus eines schlossähnlichen Gebäudes nach dem Originalgrundriss und mit historischen Fassadenelementen abzuzeichnen scheint, könnten die Teile wieder wichtig werden. Einerlei ob sie nun als Originale in das Haus eingebaut werden oder nur als Vorlage für die Rekonstruktion dienen.Etwa 2 000 Quadratmeter ist die Halle in Friedrichsfelde groß. Wer hineinsieht, glaubt einer Fülle von Schlossresten gegenüberzustehen. Aber das meiste stammt nicht von dem Bauwerk. Dort liegen unter anderem Gesimse, Mosaike und Skulpturen von den Spittelkolonnaden, der Friedrichswerderschen Kirche, vom Schloss Bellevue. Nur der Mittelgang ist dem Schloss vorbehalten. Auf jedem Stein liegt ein Zettel mit einer Nummer. Alles wurde fotografiert, katalogisiert, zugeordnet. Wo was hingehört weiß Britta Kahden-Pohl. Die Historikerin und Archivarin vom Landesdenkmalamt hat das Meiste identifiziert. Zum Beispiel eine blumengeschmückte Herme. Sie ist Teil des Figurenpilasters "Frühling", mit dem einst das Portal V geschmückt war. Hermenfiguren, Blumen- und Ährenschmuck des einst zum Lustgarten hin gerichteten Portals sind zufällig erhalten geblieben. "Der DDR lag nur etwas am Portal vier", sagt Britta Kahden-Pohl. Dieses war vor der Sprengung vollständig geborgen worden, weil Karl Liebknecht von dessen Balkon aus die Republik ausgerufen hatte. Es wurde ins DDR-Staatsratsgebäude eingebaut. Weil man aber beim Ausbau von Liebknechts Balkon mit Verlusten rechnete, wurden auch die Teile des fünften Portals aufbewahrt. Im Notfall hätten Teile beider Tore zusammengesetzt werden sollen. Von anderen Toranlagen existiert weit weniger. Etwa Fama, der Ruhmverkünder. Er ist als Torso noch vom Portal III übrig. Aber die Trompete, die die Figur einst in den Händen hielt, fehlt. 50 Gesimssteine, Kapitelle, Balkonplatten, Schmuckstücke konnten identifiziert werden. Wo die vielen pflaumen- und faustgroßen Bruchstücke hingehören, weiß niemand. Ein paar besonders schöne Figuren stehen im Bodemuseum, einige im Märkischen Museum. Vier geflügelte Figuren sind im Zeughaus in die Fassade eingebaut. Aber das ist auch schon alles, was noch da ist. "Vielleicht hat der eine oder andere noch Schlossteile in seinem Garten stehen", sagt Britta Kahden-Pohl. Schließlich sei auch vieles von dem, was jetzt auf dem Lagerhallenboden liegt, nur erhalten geblieben, weil Privatleute die Steine nach der Sprengung aus dem Schutt gezogen hätten. Einiges ging erst später verloren oder wurde stark beschädigt. Auf dem Lagerplatz wusch der Regen den Gips glatt. Figuren verloren ihre Köpfe, Füße, Hände, weil Randalierer sie abschlugen. Britta Kahden-Pohl ist gegen einen Wiederaufbau des Stadtschlosses. Für die Denkmalschützerin kann nur ein Original ein Denkmal sein. Das ist ihre persönliche Meinung, denn entscheiden muss sie nicht, was mit Berlins Mitte wird. Auch die Regierungskommission um ihren Vorsitzenden Hannes Swoboda wird nur eine Empfehlung aussprechen. Die Position der Kommission scheint jedoch schon jetzt, ein halbes Jahr vor dem Zeitplan, festzustehen: Eine Eins-zu-Eins-Kopie soll es nicht geben. Allein mit den noch vorhandenen Originalen könnte man ein Schloss ohnehin nicht wieder aufbauen.BERLINER ZEITUNG/GERD ENGELSMANN Britta Kahden-Pohl betrachtet das Hermenpilaster "Sommer". Die Figur stützte einen Balkon des Schlossportals V.