"In Honour of Kali": Gabriele Heidecker bringt mystisches Rot in das Museum für Indische Kunst: Das Orakel der Farbe

Das Museum für Indische Kunst ist einer der schönsten, aber leider auch einer der verkanntesten Orte Berlins. Viel zu wenig Besucher lassen sich in Dahlem von einem fernen Kulturkreis betören, der auf höchstem Niveau und in meditativer Atmosphäre zu erleben ist. Man versteht das kaum; Indien hat seit den 20er-Jahren auf deutsche Intellektuelle und Künstler große Anziehungskraft ausgeübt, noch heute ist es ein Sehnsuchtsziel für jeden, der nach Spiritualität, verinnerlichten Formen und mystisch aufgeladenen Farberlebnissen sucht.Gabriele Heidecker, Künstlerin aus Berlin, ist eine solche Brückenbauerin. Seit über 20 Jahren korrespondiert sie in ihrer Arbeit mit Indien, ausgedehnte Reisen führten sie über den Subkontinent, und 2001 installierte sie im Nehru-Park von Neu-Delhi ein ganzes Feld ihrer "Roten Seen". Jetzt hat sie das gesamte Museum für Indische Kunst mit einer Rauminstallationen und mit dezenten Interventionen in den Sammlungsgalerien in Beschlag genommen. Es ist ein sanfter, stimmungsvoller Dialog zwischen Ost und West, zwischen Archaik und Gegenwart, Hindu-Göttern und europäischer Monochromie.Ausgelöst durch den Jugoslawien-Krieg, kreist Heideckers Werk um die Farbe Rot, Saft des Lebens und zugleich Symbol des Tötens. Sie füllt teerbestrichene Holzwannen mit ochsenblutroter Acrylflüssigkeit und beobachtet den Trocknungsprozess der Farbe. Es entstehen von Narben und Rissen überzogene Oberflächen, die sie ablöst und als leuchtende Farbaltäre aufstellt. Mal wie Rinden, mal wie ausgetrocknete Häute springt die Epidermis dieser tiefroten Paravents auf. Tritt man näher, kann man vielfältige Effekte entdecken. Man erkennt den aufgeplatzten Boden in Dürregebieten wieder, fühlt sich an schorfige Wunden, an Luftbilder von Flussdeltas oder vernarbtes Leder erinnert. Schier unendlich sind die Variationsmöglichkeiten dessen, was aus wasserlöslicher Farbe, öligem Untergrund und dem richtigen Trocknungsprozess entsteht. Hier ist das Prozesshafte wichtig und das Nichtbeeinflussbare in der Kunst.Den Wechselausstellungsraum des Museums verwandelte Heidecker in eine schwarze Höhle, in deren Mitte ein rotes Farbbecken wie ein Opferwanne oder eine Gralsstelle anmutet. Einige Wochen nach Ausstellungsbeginn ist die Trocknung schon gut zu beobachten. Ringsum hängen leuchtende Fotografien, auf denen Heidecker in Nahaufnahme ihre Neu-Delhi entstandenen Farbstrukturen festhielt. Einige große rot-schwarze Altaraufsätze, die in Europa entstanden, verteilte sie über die Skulpturen- und Miniaturen-Säle. So tritt Heideckers Farbmystik, die sich am ehesten mit den Monochromien Yves Kleins oder den Strukturen mancher Informel-Maler vergleichen lassen, in Dialog mit der Spiritualität des Hinduismus.Heidecker ging über das rein Formale hinaus und widmete ihre Kunstwerke Kali, der schwarzen Rache- und Todesgöttin und Frau Shivas, die oft blutbedeckt dargestellt und daher auch mit dem Leben und der Wiedergeburt in Verbindung gebracht wird. "Für mich ist Kali eine Metapher für eine Welterfahrung", begründet Gabriele Heidecker die Symbolik ihrer Kunstwerke. Man muss dem nicht unbedingt folgen, um sich von der Stimmung dieser ungewöhnlichen Ausstellung faszinieren zu lassen.Bis 28. August im Museum für Indische Kunst (Lansstraße 8). Di-Fr 10-18, Sa/So 11-18 Uhr. Katalog 18 Euro.Sonderführung Do, 4.8., um 14.30 Uhr.------------------------------"Für mich ist Kali eine Metapher für eine Welterfahrung."Gabriele Heidecker------------------------------Foto: Heideckers Dialog von Hindu-Göttern und europäischer Monochromie