Die Geier verschwinden. Das wird für die Religionsgemeinschaft der Parsen in Indien allmählich zu einem ernsthaften Problem. Denn für deren Mitglieder kommt es nicht in Frage, Verstorbene zu begraben oder zu verbrennen - Erde und Feuer gelten als heilige Elemente, die nicht verunreinigt werden dürfen. Deshalb bringen die Parsen ihre Toten auf die so genannten Türme des Schweigens und überlassen die Bestattung den Geiern.Bis vor einigen Jahren arbeiteten die geflügelten Bestatter sehr zuverlässig. Und Geier gab es in Indien zuhauf. Sogar mitten im Verkehrschaos der Hauptstadt Delhi hockten die Aasfresser in den Bäumen. Schätzungsweise 40 Millionen Bengalgeier, Dünnschnabelgeier und Indiengeier gab es noch 1995 in Indien, Pakistan und Nepal. Der Bengalgeier galt als der weltweit am häufigsten vorkommende große Raubvogel.Damit ist es nun vorbei. "In den letzten zehn Jahren sind in der Region mehr als 95 Prozent der Geier verschwunden", sagt Chris Bowden vom britischen Vogelschutzverband Royal Society for the Protection of Birds (RSPB). Mancherorts halbierten sich die Bestände Jahr für Jahr. Die Rote Liste der Weltnaturschutzunion IUCN verzeichnet Bengalgeier, Dünnschnabelgeier und Indiengeier daher seit dem Jahr 2000 in der Rubrik "kritisch gefährdet"."Wir haben den Rückgang der Geier zuerst Mitte der neunziger Jahre im Keoladeo Nationalpark im Bundesstaat Rajasthan bemerkt", berichtet Vibhu Prakash von der Bombay Natural History Society (BNHS). Dann kamen ähnlich schlechte Nachrichten aus anderen Regionen Indiens, Nepals und Pakistans.Seither suchen Ornithologen fieberhaft nach den Ursachen des Geierschwundes. Infektionskrankheiten? Vergiftungen durch Pestizide? Nahrungsmangel? "Das alles mag lokal eine Rolle spielen", sagt Chris Bowden. Die Hauptursache des Aasfressersterbens aber scheint ein Medikament namens Diclofenac zu sein. Beim Menschen wird es gegen Schmerzen, Entzündungen und Rheuma verordnet. In Indien ist das vergleichsweise preiswerte Mittel auch bei Viehhaltern beliebt, die Euterentzündungen und alle möglichen anderen Beschwerden ihrer Rinder damit behandeln.Kühe aber werden in Indien weniger wegen ihres Fleisches, sondern ihrer Arbeitskraft wegen gehalten. Verendet ein Tier, bleibt es oft im Gelände liegen - ein gefundenes Fressen für Geier, die ein totes Rind innerhalb einer Stunde in einen Haufen blanker Knochen verwandeln können.Wurde ein solches Rind kurz vor seinem Tod mit Diclofenac behandelt, so bekommt den Aasfressern die Mahlzeit schlecht. Denn der Wirkstoff schädigt die Nieren der Vögel derart, dass sie nicht mehr genug Harnsäure ausscheiden können. Dieses Abfallprodukt des Stoffwechsels lagert sich dann in den Organen ab und führt dort zu einer Art Gicht. Innerhalb weniger Tage versagen die Organe und der Vogel stirbt.In mehreren Studien haben Wissenschaftler der Royal Society for the Protection of Birds, der Bombay Natural History Society und anderer Institutionen herausgefunden, dass solche Diclofenac-Vergiftungen in Indien und seinen Nachbarstaaten häufig vorkommen. Bei vielen der tot oder sterbend gefundenen Geier wurde eine Eingeweide-Gicht diagnostiziert, in den Nieren der Vögel fanden sich zudem Rückstände des Medikaments.Ein Forscherteam um RSPB-Mitarbeiter Rhys Green hat den Geier-Schwund der letzten Jahre in einem Computermodell simuliert. Um die Aasfresserbestände zusammenbrechen zu lassen, müsste demnach nicht einmal ein Prozent der Haustierkadaver mit Diclofenac belastet sein. "Wir haben Stichproben gemacht", berichtet Chris Bowden. "Dabei konnten wir das Mittel in fünf bis zehn Prozent der Kadaver nachweisen." Schon im nächsten Jahr werde sich entscheiden, ob die Vogelarten überhaupt eine Zukunft haben, glaubt Chris Bowden.Noch wissen die Forscher nicht, ob außer den drei Geierarten weitere Aasfresser ein Problem mit dem Medikament haben. Bei Säugetieren ist das unwahrscheinlich. Denn deren Stoffwechsel funktioniert ebenso wie der Stoffwechsel des Menschen anders als der von Vögeln. In Säugetierorganen lagert sich die Harnsäure nicht ab.Doch offenbar gibt es auch unter den Vögeln bisher keine weiteren Diclofenac-Opfer. Möglicherweise sind die Geier besonders empfindlich, weil sie in großen Mengen die stark belasteten Eingeweide fressen, vermutet Chris Bowden. Damit die Tiere diese Mahlzeit nicht mit dem Leben bezahlen, fordern der RSPB und seine Partnerorganisationen ein Verbot von Diclofenac in der Veterinärmedizin. Als Ersatz für das Mittel testen die Ornithologen derzeit ein anderes entzündungshemmendes Mittel. Dessen Namen will Bowden demnächst in einer wissenschaftlichen Veröffentlichung nennen, gegenwärtig sagt er nur, dass der Ersatzstoff den Geiern offenbar nicht schadet: "Die bisherigen Versuche mit dieser Substanz sind sehr ermutigend."Doch selbst wenn Diclofenac sofort aus der Tiermedizin verschwände, könnten sich die Geierbestände nicht aus eigener Kraft erholen. Deshalb wollen der RSPB und seine asiatischen Partnerorganisationen die großen Aasfresser züchten und später wieder auswildern.In Pinjore im nordindischen Bundesstaat Haryana gibt es bereits eine Zuchtstation, in der zurzeit 44 Bengal- und Indiengeier leben. Ein zweites Zentrum nimmt in diesen Tagen im Bundesstaat West Bengal die Arbeit auf. "Insgesamt wollen wir sechs Stationen aufbauen, davon vier in Indien, eine in Nepal und eine in Pakistan", sagt Chris Bowden. In jeder davon sollen jeweils 25 Paare der drei bedrohten Geierarten brüten. Ob sich der Plan umsetzen lässt, ist jedoch ungewiss. "Wir wissen nicht, ob wir überhaupt so viele Vögel fangen können", sagt Bowden.Außerdem müssen die hungrigen Schnäbel gestopft werden - und zwar mit Diclofenac-freiem Fleisch. "Wir kaufen Ziegen und halten sie vor dem Verfüttern zwei Wochen in der Station, damit sie keine Rückstände mehr enthalten", sagt Chris Bowden. Der Aufwand hat seinen Preis: 60 000 bis 70 000 Euro kostet der Betrieb einer Zuchtstation pro Jahr.Mindestens 15 Jahre lang werden die Zentren in Betrieb bleiben müssen, schätzen die Ornithologen. Doch sie sind davon überzeugt, dass sich die Investition lohnt. Denn Geier spielen im Ökosystem und für die Menschen Südasiens eine wichtige Rolle. Das zeigt sich in Indien immer mehr: Schon hängt in manchen Regionen ein betäubender Gestank in der Luft, weil die verbliebenen Geier verendete Tiere nicht mehr schnell genug beseitigen."Wenn Kadaver einfach in der Gegend herum liegen, ist das eine Gesundheitsgefahr", sagt Bowden. Zumal jetzt andere Aasfresser ihre Chance nutzen. Seit es nur noch wenige Geier gibt, hat zum Beispiel die Zahl der streunenden Hunde in Indien deutlich zugenommen. Damit droht in dem ohnehin Tollwut-gefährdeten Land eine weitere Zunahme dieser Krankheit.------------------------------Foto: Verendete Rinder wurden in Indien bislang oft von Geiern beseitigt.------------------------------Foto: Der Indiengeier zieht immer seltener seine Kreise am Himmel.