In Italien häufen sich gewalttätige Übergriffe gegen Homosexuelle. Schwule wehren sich mit Demonstrationen. Das Land diskutiert über Intoleranz: Angst in der Gay Street

ROM. Spät abends, nach 22 Uhr, erwacht die Via San Giovanni im Stadtbezirk Laterano zu ihrem zweiten Leben. Junge Touristen aus aller Welt mischen sich in der Straße hinter dem Kolosseum unter die einheimischen Szenegänger, die vor allem am Wochenende die zahlreichen Bars und Klubs der Partymeile besuchen. "Yes, we are gay", stand bis vor Kurzem noch auf einem Transparent gleich am Beginn der Straße. Auf solche Publicity verzichten sie jetzt lieber in der Via San Giovanni. In Rom ist sie auch als "Gay Street" bekannt, neben dem Szeneviertel Testaccio eine der Gegenden in der italienischen Hauptstadt, in der vor allem Homosexuelle ausgehen."Wir wollen kein Biotop sein", sagt der 22-jährige Giorgio N. "Aber noch haben wir gar keine andere Wahl in diesem Land." Wie jeden Freitagabend hat er sich aufgestylt für die lange Nacht. Jetzt erst recht, lautet die Devise des jungen Mannes, der tagsüber in einer Bank arbeitet. Es schwingt Trotz mit in seiner Stimme. Seitdem Anfang September zwei Brandsätze auf eine Bar in der Gay Street geworfen wurden, ist die Straße landesweit in die Schlagzeilen geraten. Mehrere Besucher der Bar erlitten dabei Verletzungen. Es war nicht der einzige derartige Angriff. Nur wenige Tage vorher war ein Mann vor dem Gay Village in Testaccio mit einem Messer auf ein schwules Paar losgegangen, das sich dort geküsst hatte. Einer der Männer wurde schwer verletzt, der Täter war ein bekannter Rechtsextremer, auch Svastichella, "kleine Swastika", genannt. Das altindische Swastikazeichen ist das Hakenkreuz.Seit dem Sommer häufen sich die Meldungen von gewalttätigen Übergriffen in Rom und anderen italienischen Städten, und in der Szene geht die Angst um. Jüngstes Opfer ist ein 26-Jähriger in Florenz, der brutal zusammen geschlagen wurde. "Es ist nicht so, dass wir jetzt ständig um unser Leben fürchten", sagt Giorgio N. "Aber man passt noch genauer als sonst auf, was sich in der unmittelbaren Umgebung gerade abspielt."Die Macht der BischöfeZugleich wächst die Wut, gehen die Schwulenverbände in die Offensive. Mehrere große Demonstrationen haben in Rom bereits stattgefunden, die bedeutendste Ende September, als auch politische Prominenz jeglicher Couleur aufmarschierte. Allen voran protestierte Roms rechter Bürgermeister Gianni Alemanno auf einem Fackelzug mit mehr als 20 000 Teilnehmern gegen Rassismus und Intoleranz.Viele in der Szene machen auch den Bürgermeister von der einstigen postfaschistischen Alleanza Nazionale für ein politisches Klima und einen allgemeinen Rechtsrutsch in Italien verantwortlich, in dem Übergriffe gegen Minderheiten jeder Art salonfähig geworden sind - ob es sich um illegale Immigranten, Roma oder Schwule handelt. In den ersten acht Monaten dieses Jahres verzeichnete Arcigay, Italiens größte Homosexuellen-Organisation, bereits mehr tätliche Attacken als im gesamten Vorjahr - vor allem in der Hauptstadt. "Rom ist für Homosexuelle viel gefährlicher geworden", sagt Vladimir Luxuria, transsexuelle Ex-Abgeordnete im italienischen Parlament. Der Bürgermeister, dessen Anhänger seinen Wahlsieg mit dem verbotenen Duce-Gruß feierten, sei daran nicht unschuldig. Tatsächlich hatte Alemanno, kaum im Amt, gleich über ein Verbot der jährlich stattfindenden Gay Pride Parade nachgedacht. Er habe nichts gegen Homosexuelle, versicherte er damals. "Aber ich bin gegen jede Art von sexuellem Exhibitionismus."Die jüngsten Übergriffe aber verurteilte Alemanno scharf. Um die Gay Street zu schützen, ließ er sie nachts für den Durchgangsverkehr sperren. Die Mehrheit der Römer, versicherte er, sei gegen jede Form von Intoleranz. Dass Alemanno überhaupt zu der Demonstration erschien, werten einige Funktionäre der Homosexuellenverbände als großen Erfolg. "Vor einem Jahr wäre das noch unmöglich gewesen", glaubt Imma Battaglia, die Vorsitzende des Vereins Gay Project. Sie hat das Parlament aufgefordert, endlich ein Gesetz gegen Homophobie zu verabschieden. Laut einem Entwurf der linken Abgeordneten Paola Concia soll "sexuelle Intoleranz" bei Delikten gegen Personen strafverschärfend wirken.Sexuelle Intoleranz aber beginnt schon auf einer viel tieferen Stufe. "Wir liegen in dieser Hinsicht weit hinter anderen europäischen Ländern zurück", sagt der Vorsitzende von Arcigay, Aurelio Mancuso. Im katholischen Italien offen zu seiner Homosexualität zu stehen, erfordere noch immer großen Mut. Wie man mit dem Vorwurf von Homosexualität Karrieren zerstören kann, zeigte unlängst die Kampagne der Zeitung Il Giornale gegen Dino Boffo, den mittlerweile zurückgetretenen Chefredakteur von Avvenire, der Zeitung der katholischen Bischöfe. Die waren zwar empört über die Schmutzkampagne, wussten aber bisher jede Legalisierung von gleichgeschlechtlichen Lebensgemeinschaften zu verhindern.Bei Arcigay sieht man trotzdem auch Fortschritte. "Heute haben Homosexuelle nicht mehr so viel Angst wie früher, Delikte zur Anzeige zu bringen", sagt ihr römischer Vertreter Fabrizio Mazarro. 1 000 bis 1 200 Mal pro Monat klingelt in seinem Büro die "Helpline", auf der Freiwillige bei Problemen Auskünfte erteilen und Hilfe leisten. Auch psychologische Beratung wird in den Räumen angeboten, die von außen ganz unscheinbar wirken. Selbst im Szeneviertel Testaccio will man nicht allzu sehr auffallen.------------------------------Foto: Demonstration trotzigen Selbstbewusstseins: Zwei Schwule küssen sich auf dem Fackelzug gegen Rassismus und Intoleranz in Rom Ende September.