SAN DIEGO. Der bedrohlich wirkende junge Mann mit dem schwarzen Motocrosshelm, der Gesichtsmaske, den Arbeitshandschuhen und dem roten Overall deutet kaltblütig auf die weißen Regale. Dort stehen Weingläser, Blumenvasen und endlose Reihen Porzellanteller und Tassen. Alles, auf das er zeigt, wird er gleich kaputtschlagen.Der junge Mann ist eigentlich ganz harmlos, heißt Steve Simon und ist Kunde in Sarah's Smash Shack im kalifornischen San Diego. In diesem Laden darf jeder Kunde soviel Porzellan an die Wand werfen, wie er bezahlen kann. Das Porzellan ist nach Preisen geordnet: 10 Teller kosten 35 Dollar, 12 Dollar zahlt man für vier Weingläser oder drei Blumenvasen. Für die Geschäftsinhaberin Sarah Lavely war das Kaputtmachen immer schon ein Weg, Stress und Ärger zu ertragen: "Nach meiner letzten Scheidung habe ich oft Sachen bei uns vor der Garage zu Klump gehauen. Irgendwann hatte ich die Idee mit dem Laden."In einem Raum mit Zielflaggen-Mustertapete und einer Edelstahl-Platte als knallharter Zielscheibe stapelt Steve derweil seine fragile Munition aufeinander und schmeißt sie, untermalt mit Speed-Metal-Gedröhne, mit Karacho gegen die Wand. Nach dem achten oder neunten Teller hat er seinen Rhythmus gefunden. Obwohl man Steves Miene wegen der Schutzbrille kaum erkennen kann, sieht man doch das breite Grinsen um seinen Mund.Sarah hat noch einen Psycho-Trick für ihre Kunden in petto. Sie gibt Steve einen dicken schwarzen Filzstift. Damit soll er aufschreiben, was ihn so wütend macht. Steve kritzelt "Gerichtsverhandlung" und ein Dollar-Zeichen auf die Vorderseite eines weißen Tellers, der dann wie ein Frisbee gegen die Stahlwand fliegt und in tausend Stücke zerbirst. Andere schreiben "mein Chef" oder "Mutter" und auf immer mehr zerschlagenen Teller, stand: "Job verloren" oder "Rezession". Der Unternehmer Jason Purkiss ist mit seiner gesamten Belegschaft in den Laden gekommen. Seine Firma erlebt eine Durststrecke, jetzt dürfen seine Angestellten auf Kosten des Chefs einmal Dampf ablassen.Für die Bank und den BankerSarah Lavely bietet ein Frustrationsventil, für das die Leute sogar aus dem mehr als 200 Kilometer entfernten Los Angeles anreisen. Steve Simon genoss vor allem den Tabubruch, sagt er am Ende völlig außer Atem: "Sachen kaputt zu machen, steht meist unter Strafe. Hier hat es etwas Befreiendes." Und der 25-jährige Jeff lobt den psychologischen Effekt: "Es ist wie eine Therapie. So viel negative Energie ist wie weggeblasen."Sarah Lavely und ihr Smash Shack gehören derzeit zu den wenigen Profiteuren der wirtschaftlichen Rezession in den USA. Seit sie ihren Laden im August eröffnete, hat sich ihr Gewinn verdoppelt. Von den Kunden, die oft mit hängenden Köpfen ihren Laden betreten und selbstbewusst wieder davongehen, erhält sie viel positive Resonanz."Das waren die besten 50 Dollar, die wir in den letzten zwei Jahren ausgegeben haben", sagt der 29-jährige Versicherungsagent Adam DeWitt, dem der Kredit für ein neues Haus verweigert wurde. Adam hat seiner Frau den Besuch im Smash Shack zum Geburtstag geschenkt. Sparsam, wie es die Krise befiehlt, buchte er das Spezialangebot "Griechische Hochzeit": Dabei werden in 15 Minuten im Kreis tanzend 15 Teller zerschlagen. Das Ehepaar kritzelt Namen von Bank und Banker auf ihre Teller, und los geht die Zerstörungsorgie. "Zu Hause würde ich so etwas nie machen. Schon weil man danach alles wieder zusammenkehren und auf den Müll bringen muss", sagt Adam. Sarah Lavely hat auch daran gedacht: Die Porzellan- und Glasscherben spendet sie einem Künstlerprojekt, das Mosaiken daraus macht.------------------------------Foto: Irgendwann gehen diese Teller sowieso kaputt.