In Kalifornien ist Marihuana-Konsum zu medizinischen Zwecken legal. Ein Attest dafür zu bekommen, ist nicht schwer: Kiffen auf Rezept

LOS ANGELES. Nathan Miller hat seit seinem 16. Lebensjahr keine Nacht mehr durchgeschlafen. Als er kürzlich ganze 48 Stunden lang kein Auge zubekam, landete er im Krankenhaus. Jetzt sitzt der junge Mann im Wartezimmer von Dr. Michael Morris, der am berühmten "Ocean Front Walk" von Venice im US-Bundesstaat Kalifornien eine Marihuana-Praxis betreibt. "Ich habe gehört, dass er bei Schlaflosigkeit Cannabis verschreibt", erzählt der 26-Jährige, dessen dicke Ringe unter den Augen seine Geschichte einigermaßen glaubwürdig erscheinen lassen.Der Manager der Praxis, Steve Grist, im Nebenjob ein Hufschmied, drückt Nathan einen Fragebogen in die Hand, der sich nach dessen allgemeinem Gesundheitszustand erkundigt. Ein Werbeblatt der Praxis weist die Patienten auf Beschwerden hin, die sie angeben können, um sich für eine "Empfehlung" des Doktors zu qualifizieren. Darunter sind Appetitlosigkeit, Ängste und Schlaflosigkeit aufgeführt. Zugleich verspricht Dr. Moore absolute Vertraulichkeit. Keinesfalls werde die Praxis Patientendaten weitergeben.Statt 150 Dollar für die Untersuchung (etwa 100 Euro) muss Nathan heute nur 80 Dollar zahlen. "Wegen der Konkurrenz", erklärt der Manager, dessen Mitarbeiter auf der Strandpromenade von Venice Interessenten für "Medical Marihuana" anwerben. In einem Umkreis von einem Kilometer stehen hier immerhin fünf Ärzte im Wettbewerb, die sich auf das lukrative Geschäft mit Cannabis-Empfehlungen spezialisiert haben. Der junge Mann von der Konkurrenz im "Evaluation Center for Medical Marihuana" wirbt mit kurzen Wartezeiten und einer Geld-zurück-Garantie, falls der Arztbesuch ohne Empfehlung endet. Amerikanern aus anderen Bundesstaaten und Ausländern wird versichert, auch sie könnten sich in Kalifornien ganz legal mit Cannabis behandeln lassen.Als Nathan die Sprechstunde bei Dr. Moore eine Viertelstunde später wieder verlässt, huscht ein Lächeln über sein bleiches Gesicht. "Hier ist die Empfehlung", sagt er und zeigt erfreut das ärztliche Schreiben, mit dem er nun ein Jahr lang ganz legal Cannabis-Produkte erwerben und konsumieren darf. "Das ist wie eine Versicherung, nicht in den Knast zu kommen", sagt Manager Grist. Tatsächlich - es schützt private Konsumenten in Kalifornien vor einer Strafverfolgung.Möglich machte dies eine Volksabstimmung 1996, in der die Wähler den Konsum von Marihuana bei medizinischer Indikation erlaubt hatten. In der öffentlichen Diskussion hoben die Befürworter der Legalisierung damals die lindernde Wirkung von Cannabis bei schweren Erkrankungen wie Aids, Krebs, Multiple Sklerose und Rheuma hervor. Doch seit der Annahme der "Proposition 215" hat sich die Ausnahmeregel zu einer Hintertür für den weitgehend ungehinderten Verkauf von Cannabis-Produkten entwickelt. Kalifornien hat heute nicht nur die liberalsten Gesetze in den USA, sondern mit Los Angeles eine Metropole, die mit ihrer liberalen Praxis Amsterdam Konkurrenz macht.In L.A. gibt es heute mehr offizielle Verkaufsstellen für Marihuana als öffentliche Schulen oder Starbucks-Läden.Dabei erlaubt das Gesetz in Kalifornien eigentlich nur die kostenneutrale Abgabe von Marihuana durch Kollektive oder Clubs, die ihren "Mitgliedern" Produkte zur Verfügung stellen. Die meisten Shops verlangen deshalb neben der Vorlage einer ärztlichen Empfehlung den Antrag auf eine Mitgliedschaft. Die Zahl der "Kollektive" rangiert irgendwo zwischen 800 und 1 000. Genau kann es niemand sagen, weil die Stadt nicht hinterherkommt, die neuen Ausgabestellen zu registrieren, geschweige denn zu regulieren. Sie werben oft mit einem grünen Kreuz, sind nicht selten sieben Tagen rund um die Uhr geöffnet und tragen einprägsame Namen wie "Green Cure", "Grateful Meds" oder "Green Goodness". Die sogenannten Dispensaries finden sich in der Nähe von Restaurants, Tankstellen und Reinigungen, in wohl situierten Nachbarschaften ebenso wie in armen Teilen der Stadt. Und nicht selten gibt es sie in Reichweite von Schulen und Universitäten.Gleich neben der Praxis von Dr. Moore am Strand von Venice findet sich ein "Smoke Shop", der Wasser- und Haschischpfeifen verkauft. Die Treppe hinauf geht es zum "Kush Beach Club", der Cannabis in jeder nur denkbaren Form feilbietet: Das klassische Gramm kostet rund 20 Dollar (13,50 Euro). Alternativ gibt es den Wirkstoff THC in Sprays oder Keksen. Gegen Vorlage des Führerscheins und der Empfehlung kann Nathan hier seinen Bedarf ganz legal decken.Die Dreiteilung scheint sich in L.A. durchzusetzen: Der Doktor empfiehlt, der Smoke-Shop verkauft das Zubehör und der "Club" verkauft die Cannabis-Produkte.An Orten wie Venice Beach im ehemaligen Hippie-Land Kalifornien fühlen sich die Straßenkünstler, Freaks und Aussteiger noch immer zu Hause. Die Smoke-Shops aber versuchen mittlerweile, die medizinische Komponente ihres Geschäfts hervorzuheben und achten ganz besonders darauf, einen schäbigen, unsauberen Eindruck zu vermeiden. Das blaue "Kush"-Clubhouse etwa sieht nicht aus wie ein Kifferladen, eher wie ein schicker Bootsclub.Dem Chefankläger von Los Angeles, Steve Cooley gefällt trotz der aufpolierten Fassaden nicht, was in den Cannabis-Shops vor sich geht. "Wir gehen davon aus, dass sie zu hundert Prozent illegal sind", sagt Cooley. Er wirft den Betreibern vor, entgegen der gesetzlichen Vorgabe nicht gemeinnützig, sondern gewinnorientiert zu arbeiten. "So geht das nicht mehr weiter", droht der Staatsanwalt, der für die nahe Zukunft Razzien in Aussicht stellt.Don Duncan, dessen Interessenvereinigung "Safe Access" (Sicherer Zugang) sich für den verantwortungsvollen Einsatz von Marihuana bei medizinischer Indikation stark macht, fürchtet drakonische Maßnahmen. "Wir haben es mit Wildwuchs zu tun", räumt er ein und unternimmt gar nicht erst den Versuch einer Verteidigung. Duncan ist selbst Betreiber einer Ausgabestelle in Hollywood. "Nicht alle halten sich an die Regeln", sagt er, "es schadet nicht, wenn die schwarzen Schafe aus dem Verkehr gezogen werden." Aber man dürfe nicht die gesamte Branche über einen Kamm scheren.Mark Kleiman von der Universität von Kalifornien wundert sich nicht, dass die Staatsanwaltschaft nicht länger tatenlos zuschauen will, wie Los Angeles Amsterdam als Cannabis-Mekka ablöst. "Die Marketing-Praktiken geben zu denken" sagt der Politologe mit Blick auf die 300 000 "Empfehlungen", die Ärzte in L.A. ausgestellt haben. Auch andere Kritiker meinen, es reiche inzwischen aus, mal einen schlechten Tag zu haben, um sich für eine Behandlung mit Marihuana zu qualifizieren.Anderes Klima in WashingtonDer Manager der Praxis von Dr. Morris sieht die Drohungen gelassen. "Sie werden die Patienten nicht wieder in den Untergrund schicken", sagt er, "dafür sind es zu viele". Allein in Kalifornien gibt es rund drei Millionen Konsumenten. Jährlich werden nach Schätzungen Cannabis und Zubehör für rund 36 Milliarden US-Dollar umgesetzt. Umfragen in Kalifornien zeigen, dass inzwischen eine solide Mehrheit für die völlige Legalisierung ist.Verändert hat sich auch das politische Klima in Washington. Dort sieht das Justizministerium keinen Sinn mehr darin, seine Ressourcen dafür einzusetzen, die Cannabisgesetze der Bundesregierung in den 14 Staaten durchzusetzen, die den Konsum aus medizinischen Gründen erlauben. Am Montag erließ die Obama-Regierung neue Richtlinien für ihre Bundesanwälte. Sie legen einen Verzicht der Strafverfolgung nach Bundesrecht nahe - falls Konsumenten und Händler sich an das Gesetz des jeweiligen Staates halten.------------------------------In Deutschland nur mit Genehmigung der BundesopiumstelleIn 14 der 50 US-Bundesstaaten ist die Verwendung von Marihuana aus medizinischen Gründen erlaubt. Dazu gehören neben Kalifornien etwa Colorado, Alaska, Maryland und Hawaii. Die Regierung von Expräsident George W. Bush hatte die einzelstaatlichen Gesetze nicht anerkannt und die Verhaftung aller Marihuana-Konsumenten nach Bundesrecht verlangt. Die Regierung Obama hat diese rechtliche Unsicherheit gestern beendet.In Deutschland ist die Verwendung von Cannabis als Medizin oder zu Genusszwecken verboten. Seit 1983 kann Nabilon, ein synthetischer THC-Abkömmling, verschrieben werden, seit 1998 auch Dronabinol (THC). Die Bundesopiumstelle kann eine Ausnahmegenehmigung zur Verwendung von Cannabis erteilen. Anfang 2009 bekamen erstmals sieben Patienten diese Genehmigung für "Medizinal-Cannabis-Blüten" aus holländischen Apotheken.Medizinische Anwendungsgebiete für Cannabis sind Übelkeit und Erbrechen bei Krebschemotherapie, Appetitlosigkeit und Abmagerung bei HIV/Aids, chronische, vor allem neuropathische Schmerzen sowie Spastik bei multipler Sklerose und Querschnittserkrankungen. Cannabis hemmt Brechreiz, regt den Appetit an und lockert Muskeln. Die Pflanze kann geraucht werden, es können aber auch nur die Wirkstoffe oder ein Extrakt verabreicht werden.------------------------------Foto: Werbung für eine Praxis in Venice Beach, die Atteste für Marihuana-Konsum zu medizinischen Zwecken erteilt.Foto: Cannabis-Pflanze