MEXIKO-STADT. Es war ein Dienstagabend vor mehr als zehn Jahren. Der führende Mitarbeiter eines deutschen Unternehmens in Mexiko-Stadt steigt in seinen VW-Jetta und macht sich wie jeden Tag nach Dienstschluss auf den Heimweg. Nach ein paar Kilometern keilen ihn an einer roten Ampel plötzlich zwei Autos ein. Zwei Männer springen heraus, steigen in den Jetta und drücken dem verdutzten Opfer die Pistole an den Kopf. Noch in der folgenden Nacht geht bei der Ehefrau der erste Anruf ein. Offenbar merken die Entführer erst nach der Verschleppung, dass ihr Opfer bei einem ausländischen Unternehmen angestellt ist. Dementsprechend hoch ist die erste Lösegeldforderung.Die Verhandlungen führen die Familie und Vertreter des Unternehmens. Der Polizei wird misstraut. Die Gespräche mit den Kidnappern sind kurz und führen zu einem glücklichen Ende. Ein Bruchteil der geforderten Summe wird am nächsten Mittag auf dem Randstreifen einer der Stadtautobahnen an drei mit abgesägten Flinten bewaffnete Männer übergeben. Stunden später stellen die Täter das Auto weit außerhalb von Mexiko-Stadt ab. Der Entführte liegt lebend im Kofferraum.Gewalttaten wie diese sind seit vielen Jahren alltäglich in dem lateinamerikanischen Land. "Mexiko ist vor Kolumbien, Brasilien oder Nigeria weltweit das Land mit den meisten Entführungen", sagt der Chef eines internationalen Sicherheitsunternehmens, das auf Entführungsfälle spezialisiert ist, und der ungenannt bleiben will. Verlässliche Daten über die Zahl der Entführungen sind nur schwer zu erhalten, denn das Thema ist heikel. Nach Statistiken der Nichtregierungsorganisation "Bürgerrat für Öffentliche Sicherheit" wurden vergangenes Jahr im ganzen Land 438 Entführungen bei der Polizei angezeigt.Nach Daten des Bürgerrates gab es 1997, das Jahr in dem der deutsche Manager verschleppt wurde, die bisher höchste Zahl von Kidnappings: Damals wurden 1 047 Menschen entführt. "Auf eine angezeigte Entführung kommen drei ohne Einschaltung der Behörden", sagt Jos Antonio Ortega, Vorsitzender des Bürgerrats, und bezieht sich dabei auf Angaben der Sicherheitsbehörden.Betroffen sind aber längst nicht mehr nur Unternehmer und führende Mitarbeiter von ausländischen Firmen. Mittlerweile geraten mehrheitlich gut situierte Mexikaner - wohlhabende Unternehmer und Selbstständige - aber auch Angehörige des Mittelstands in das Fadenkreuz der Banden. "10 000 Dollar sind die Untergrenze für ein Lösegeld", sagt Ortega.1994 zahlte die Familie von Alfredo Harp Helú mit 30 Millionen Dollar das höchste Lösegeld aller Zeiten in Mexiko, um den damaligen Eigentümer der größten Bank des Landes, Banamex, lebend frei zu bekommen. In letzter Zeit haben telefonische "Express"-Erpressungen zugenommen. Zumeist abends klingelt das Telefon und fremde Stimmen verlangen ein Lösegeld für die Kinder. Manchmal rufen die Kriminellen nur auf gut Glück eine Nummer an; manchmal wissen sie, dass die Kinder im Kino oder anderswo unerreichbar sind, weil sie das Leben der Familie zuvor ausspioniert haben. Viele verängstigte Eltern zahlen dann.In Mexiko habe sich eine regelrechte Entführungs- und Erpressungsindustrie etabliert, sagt der Chef eines internationalen Sicherheitsunternehmens. Wobei es durchaus Unterschiede gibt. Besonders gefährlich sind Mexiko-Stadt und manche Städte an der Grenze zu den USA, wie etwa Tijuana. In den meisten anderen Städten ist die Kriminalität eher gering.Dass es gerade in Mexiko zu so vielen Entführungen kommt, hat nach Einschätzung von Experten und Wirtschaftsvertretern mehrere Gründe. Zum einen prallen gerade in der Hauptstadt Arm und Reich stark aufeinander. In der 20-Millionen-Metropole lebt der Telekommunikationsunternehmer Carlos Slim, mit rund 60 Milliarden Dollar Privatvermögen der reichste Mensch der Welt, neben Millionen seiner Landsleute, die in den Elendsgürteln um die Stadt mit kaum mehr als einem oder zwei Dollar pro Tag auskommen müssen. Darüber hinaus sind in der größten Volkswirtschaft Lateinamerikas Korruption und Straflosigkeit endemisch und machen es so wahrscheinlich, dass die Tat ungesühnt bleibt. Zudem sind nach Einschätzung von José Antonio Ortega die Sicherheitskräfte oft bis in die höchsten Ränge selbst in das Entführungsbusiness verstrickt. Und vor allem im Norden Mexikos, an der Grenze zu den USA, beteiligen sich die Rauschgiftkartelle an den Entführungen. Für die Drogenmafia sind sie ein Nebenerwerb.Deutsche Unternehmen treffen in aller Regel keine besonderen Schutzvorkehrungen. Low profile - möglichst nicht auffallen - ist dabei das Leitmotiv. Die Manager achten vor allem darauf, dass keine erkennbaren Routinen entstehen. "Wir ändern ständig unsere Routen und unsere Zeiten, wählen unsere Fahrer besonders aus und trainieren sie", sagt der Direktor eines großen deutschen Industrieunternehmens. Personenschutz gibt es nicht, bestenfalls eine gepanzerte Limousine.Anders handhaben dies die wohlhabenden Mexikaner. Sie pflegen nur in gepanzerten Autos und mit schwer bewaffneten Leibwächtern vor die Tür zu gehen. In den vergangenen fünf Jahren stieg die Nachfrage nach gepanzerten Autos jährlich um zehn Prozent. Rund 1 500 Fahrzeuge werden pro Jahr in ganz Mexiko schussfest ausgestattet. Die große Mehrzahl davon in der Metropole Mexiko-Stadt. "Es ist ein alarmierendes Zeichen, das zeigt, wie sehr Gewalt und Unsicherheit im Land zugenommen haben", sagt Mauricio Natale, Chef des mexikanischen Autopanzerungs-Verbands Amba.Schusssichere DesignermodeAuch Miguel Caballero, ein kolumbianischer Schneider von gepanzerter Designer-Mode, verkauft nirgends auf der Welt mehr schusssichere Anzüge, Jacken und Westen als in Mexiko. "In Mexiko-Stadt gibt es mehr Millionäre als in ganz Kolumbien, und sie zeigen gerne, was sie haben", sagt er. Wer neu nach Mexiko kommt, lernt schnell ein paar goldene Regeln: Niemals die gesamte Geldbörse bei sich führen, zu jeder Zeit wissen, wo sich die Kinder aufhalten, nur das Nötigste an privaten Informationen an Mitarbeiter weitergeben.Die Deutsch-Mexikanische Handelskammer Camexa drückt Neuankömmlingen ein hundert Seiten dickes Handbuch mit Sicherheitshinweisen in die Hand, in dem die potenziellen Gefahren vor allem für die persönliche Sicherheit minutiös aufgelistet werden. Tipps für das Verhalten als Fußgänger und als Autofahrer sind darin ebenso enthalten wie Hinweise für die Auswahl des Personals - und der eindringliche Hinweis, sich niemals mit Namen am Telefon zu melden.------------------------------Lösegeld-Versicherung für GeschäftsleuteWeltweit steigt die Gefahr, Opfer einer Entführung zu werden, kontinuierlich. Nach Angaben der Münchner Krisenmanagementfirma Result Group, die sich auf den Schutz deutscher Geschäftsleute im Ausland spezialisiert hat, wurden in den vergangenen zehn Jahren weltweit 10 000 Entführungen gemeldet. Die Dunkelziffer liege aber etwa neun Mal so hoch.200 bis 300 Ausländer sind pro Jahr betroffen, meist Mitarbeiter weltweit tätiger Unternehmen und Reisende.Hochrisikogebiete für Ausländer sind der Irak und Afghanistan. In Lateinamerika hat sich außer in Mexiko auch in Kolumbien, Brasilien, Guatemala und Venezuela eine Entführungsindustrie entwickelt. In Asien sind Teile der Philippinen gefährlich, in Afrika der Jemen, Nigeria und Somalia. Viele Entführungen gibt es auch in der nördlichen Kaukasusregion.Deutsche gehören Experten zufolge neben Amerikanern zu den Nationalitäten, die am häufigsten entführt werden.Einige Versicherungen bieten Unternehmen "Kidnapping-Policen"oder Lösegeld-Versicherungen an, für die teils sechsstellige Summen bezahlt werden müssen. Die Firmenmitarbeiter müssen in Risikogebieten Sicherheitsauflagen einhalten, etwa Schutz durch Bodyguards. Details werden streng geheim gehalten - potenzielle Entführer sollen nicht wissen, wer versichert ist.In Lateinamerika und Asien haben die Entführungen zum Teil auch politische Hintergründe.------------------------------Karte: Mexiko------------------------------Foto: Übung der "Anti-Kidnappig-Einheit" der Polizei in Mexiko-Stadt. Oft sind dort hohe Polizeioffiziere aber selbst in das Entführungsgewerbe verstrickt.