Nirgendwo machen sich so viele Wissenschaftler Gedanken über die gesellschaftlichen Folgen von Technik wie in Deutschland. Mehr als 1 300 Forschungsprojekte in etwa 300 Institutionen zählt das Institut für Technikfolgen-Abschätzung und Systemanalyse (ITAS) in Karlsruhe. Das ist etwa die Hälfte aller wissenschaftlichen Initiativen zu diesem Thema weltweit. Kaum ein Aspekt ist ausgelassen. Vom Raumtransporter bis zur Gentechnik, von Multimedia bis zu Stoffstromanalysen, von nachhaltiger Forstwirtschaft bis zu Chancen und Risiken neuer Werkstoffe ­ alles ist unter Beobachtung.Die Öffentlichkeit merkt nicht viel davon. Die Debatte um Technikfolgen ist im Getrommel der Standort-Argumente verstummt. Politiker verdächtigen die Technikfolgen-Forschung, technischen Fortschritt durch Bedenklichkeiten zu verhindern. "Rein in die Zukunftstechnologien" forderte Bundespräsident Roman Herzog in seiner "Berliner Rede". Von Wenn und Aber war nichts zu hören. Steht der Umfang der Technikfolgenforschung in umgekehrtem Verhältnis zu ihrer Wirksamkeit?Eines der ersten Institute, das sich mit technischen Innovationen und ihren gesellschaftlichen Folgen befaßte, war das Fraunhofer-Institut für Systemtechnik und Innovationsforschung (ISI) in Karlsruhe. Es feierte vor wenigen Wochen seinen 25. Geburtstag. Für den scheidenden Gründungsdirektor Helmar Krupp war das Anlaß, selbstkritisch zurückzublicken. Von Anfang an, so Krupp, habe das ISI technische Projekte gesellschaftswissenschaftlich begleitet und versucht, unerwünschte Auswirkungen rechtzeitig vorauszusehen. Inzwischen jedoch scheine Technikfolgen-Abschätzung "zu einem beliebig manipulierbaren Marketingwerkzeug für die Großtechnik zu verkommen". Ölkrise am AnfangTatsächlich handelt es sich manchmal um bloße Bedarfsforschung. Ein Projekt in Schleswig-Holstein etwa soll klären, wie das regionale Potential für Tele-Arbeit "möglichst effektiv genutzt werden kann". Das mag regionalpolitisch angemessen sein ­ mit der Ursprungsidee von Technikfolgen-Abschätzung hat es nichts zu tun. Anfang der siebziger Jahre war das Weltbild der industriellen Wachstumsgesellschaft verdüstert worden. Der "Club of Rome" lotete die "Grenzen des Wachstums" aus. Die Ölkrise machte die Anfälligkeit der Gesellschaft deutlich. Kernenergie wurde nicht mehr fraglos akzeptiert. Es stellte sich die Frage nach ökologisch und sozial verträglichen Technologien. Die Verflechtung von Wissenschaft, Technik und Wirtschaft und das Risikopotential moderner Technologien machten das Problem der unbeabsichtigten Konsequenzen und der unerwünschten Nebenwirkungen bewußt. Dabei war Technikfolgen-Abschätzung von Anbeginn an auf beide Seiten des Prozesses gerichtet. Sie sollte mögliche Gefahren ebenso im Blick haben wie sozial- und umweltverträgliche Innovationen.Anfang der siebziger Jahre dominierte die Vorstellung, man brauche nur genügend wissenschaftliche Kapazität, um negative Entwicklungen auszuschalten und die Technikentwicklung zu gestalten. Als sich herausstellte, daß Technikentwicklung nicht einfach planbar ist und vor allem die Großtechnik sich der unmittelbaren Beeinflussung entzog, definierten sich die Technikfolgen-Forscher als "Frühwarner", als "Radarstation". In den achtziger Jahren, so der Soziologe Fritz Gloede vom ITAS-Institut, setzte sich dann die Auffassung durch, daß "sich technische Innovation ungehindert durch staatliche Hemmnisse und gesellschaftliche Konflikte ihre Bahn brechen müsse". An die Stelle der Vorsorge trat die Sorge um die Akzeptanz. Chancen und Risiken sollten abgewogen werden "zum Zweck einer zukunftsorientierten Innovationspolitik".Die Szene der Technikfolgen-Forscher teilte sich in zwei Lager. Die einen setzten auf "wissenschaftliche Politikberatung", die anderen auf die "Organisation sozialer Kommunikationsprozesse". Für die wissenschaftliche Politikberatung steht heute das kleine "Büro für Technikfolgen-Abschätzung beim Bundestag" (TAB), das mit seinen zehn Wissenschaftlern den Parlamentariern mit Studien zuarbeitet. Für die diskursorientierte Linie steht die baden-württembergische "Akademie für Technikfolgenforschung", die etwa mit Bürgerforen gesellschaftliche Konflikte zu moderieren sucht.Schon die Geschichte des TAB zeigt ein widersprüchliches Verhältnis zur Politik. Der Gründung im Jahr 1990 gingen siebzehn Jahre politischer Diskussion voraus. Am Ende setzte sich das Modell von CDU, CSU und FDP durch, das auf das "Primat der Politik" setzt. In der Praxis heißt das: Ausschüsse des Bundestages können das TAB mit Studien beauftragen, sie können die Ergebnisse zur Kenntnis nehmen oder auch nicht. Projektberichte werden als Bundesdrucksache veröffentlicht und an die parlamentarischen Ausschüsse zur Beratung weitergereicht. Direkte Auswirkungen der Expertisen sind so kaum meßbar. Klare GrenzenIn welchem Spannungsfeld wissenschaftliche Politikberatung sich bewegt, zeigt das Beispiel eines Verkehrs-Projekts, das vom Ausschuß für Bildung, Wissenschaft, Forschung, Technologie und Technikfolgen-Abschätzung in Auftrag gegeben wurde. Die soeben abgeschlossene Studie soll Optionen ausarbeiten, wie Verkehrswege entlastet und Straßenverkehr verlagert werden können. Die Fragestellung war jedoch von Anfang an begrenzt durch das Ziel, etwaige Maßnahmen dürften "nicht mit Einschränkungen von Mobilität verbunden sein". Der Auftrag zielt deutlich auf Verkehrstelematik, also die Verkehrslenkung durch Kommunikationstechniken. Davon versprechen sich Politiker viel. Allerdings kommt die Studie zu durchaus kritischen Ergebnissen. Die oft teuren Informationssysteme wie "fahrzeugautonome Navigation", Telematik im öffentlichen Nahverkehr oder Fuhrparkmanagement hätten wenig Wirkung auf Entlastung der Straßen oder auf Verkehrsverlagerung. Ohnehin könne Telematik "die Erarbeitung verkehrspolitischer Strategien" und "politische Gestaltung" nicht ersetzen. Vielmehr bestehe die Gefahr, daß kurzfristige technische Lösungen "sogar eher die Kraftfahrzeugnutzung fördern werden".Die vom Land Baden-Württemberg finanzierte Akademie für Technikfolgen-Abschätzung ist stark an die Innovationspolitik der Landesregierung gebunden. Ziel der Einrichtung ist es, den gesellschaftspolitischen Dialog anzustoßen. Aber große und kontroverse Technik-Themen lassen sich nach Ansicht von Akademieleiter Ortwin Renn über öffentliche Diskurse nicht transportieren. "Wir nehmen die Fragestellungen, die wir bearbeiten können." Aber auch dann zeigen sich Grenzen. So wurde das Projekt "Bürgerbeteiligung an der Abfallplanung für die Region Nordschwarzwald" zerrieben zwischen den politischen Fraktionen in Kreis- und Stadtparlamenten. Gleichwohl arbeiten die Technikfolgen-Forscher weiterhin rundum und vernetzen ihre Arbeit zunehmend. Die Themen haben sich verschoben auf die Schlüsseltechnologien Biotechnik und Multimedia. Die Zahl der geförderten Projekte allerdings, weiß Matthias Braun vom Technologiezentrum des Vereins Deutscher Ingenieure (VDI), "nimmt tendenziell ab".Die Urmutter aller Technikfolgen-Abschätzer war das amerikanische Office of Technology Assessment (OTA). Ihm wurden alle europäischen Institutionen nachgebildet. Vor zwei Jahren wurde die renommierte Politikberatungsagentur vom Kongreß umstandslos aufgelöst. Ein Menetekel auch für die europäischen Einrichtungen?