In Kreuzberg enden am Sonntag zwei Streetart-Ausstellungen. Sie hinterlassen Bilder für die Stadt: Menschenfressender Riese

Es hat stark geregnet in der Nacht, außerdem war die Wand hell erleuchtet, wie immer, von dem Autohaus nebenan. Regen und Licht, Stéphane Bauer hätte gedacht, das reicht, um die Wand zu schützen. Jetzt steht der Leiter vom Kunstraum Kreuzberg in der Mariannenstraße, hinter ihm rattert die U1, er legt den Kopf in den Nacken und sagt: "Es gibt Leute, die haben einfach kein Verständnis für Kunst."Auf der Wand, die der Künstler Ash am Abend zuvor fertig bemalt hat, prangt ein frisches Graffiti, drei plumpe, schnell gesprühte Buchstaben. Dabei wurde der Mann, der sich Ash nennt, selbst mit Graffiti berühmt. Sehr berühmt. Ash wurde in Kopenhagen geboren, vor 39 Jahren, er lebt in Paris, mehr über ihn steht nicht im Katalog der Backjumps-Ausstellung im Kunstraum Kreuzberg. Backjumps, so hieß das bekannteste Graffiti-Magazin, das es in Deutschland je gab. Das Heft erscheint nicht mehr. Stattdessen gibt es jetzt Backjumps-Ausstellungen, die dritte geht am Sonntag zu Ende. Es geht nicht mehr nur um Graffiti, es geht um Streetart. Straßenkunst. Weil die auf der Straße am besten wirkt, gestalteten 2005 während der zweiten Backjumps-Austellung Künstler drei Brandwände im Wrangelkiez. Diesmal haben die Veranstalter vier Fassaden in Auftrag gegeben. Auch die Leute von Planet Prozess, einer zweiten Streetart-Schau ganz in der Nähe, ließen eine Wand bemalen."Die Wände sollen ein eigenständiger Teil von Backjumps werden", sagt Stéphane Bauer. Schon im nächsten Jahr sollen weitere Häuser in Kreuzberg bemalt werden. "Wir knüpfen an eine Berliner Tradition aus den Siebzigern und Achtzigern an." Nur eben jetzt mit Streetart. "Visuelle Oasen" wolle man schaffen, den vielen Werbeflächen eigene Bilder entgegen setzen.An die Wand in der Mariannenstraße hat Ash den Schatten eines Kosmonauten gemalt, von weitem sieht es aus, als schwebe er aus der Wand. An das Haus in der Falckensteinstraße, in dem der Club 103 ist, hat ein italienischer Künstler, der sich Blu nennt, einen roten Riesen gemalt. Wenn man auf der Oberbaumbrücke auf die große Figur zuläuft, sieht man, dass sie aus lauter kleinen Figuren besteht. Und dabei ist, eine weitere zu verschlingen."Die Bilder sollen zu den Orten passen", sagt Stéphane Bauer. Eine Wand liegt am Kinderbauernhof in der Adalbertstraße. Dort passt sogar der Künstlername des Mannes, der noch auf dem Gerüst steht und streicht. Dave the Chimp nennt er sich. Chimp wie Schimpanse. Dave kommt aus London, er bringt seine comichaften Figuren dort meist auf Abrisshäusern an. "Das hier ist meine bisher größte Wand und ich glaube, meine erste legale", sagt er. Er male "eine Art Landleben", mit einer rauchenden Kuh und Hasen, die Verstecken spielen. Der Himmel lutscht an der Sonne, als wäre die ein Lolli. Dave hat in Berlin einen Streetart-Workshop mit Kindern veranstaltet. "Die hatten verrücktere Ideen als ich. Eins malte ein Pferd mit Spinnenbeinen und High Heels." Wenn die Kinder über seine Wand lachen, das wäre das tollste Kompliment, sagt Dave.Backjumps: Kunstraum Kreuzberg, Mariannenplatz 2, noch Sa/So, 12-19 Uhr. Eine Führung zu den Wänden startet Sa, 14 Uhr, vor dem Haus.Planet Prozess: Senatsreservespeicher, Cuvrystr. 3-4, noch Sa/So, 14-22 Uhr.------------------------------Foto: (2) Kunst am Bau: Stéphane Bauer leitet den Kunstraum Kreuzberg, hinter ihm malt Dave the Chimp. Auf dem Bild rechts ist die fertige Wand von Blu zu sehen.