RIO DE JANEIRO. Elaine geht die nicht allzu üppigen Bestände des "Atelier Margareth" etwas unschlüssig durch. Eigentlich darf das Kleid zum 15. Geburtstag nicht weiß sein, aber dann verschwindet sie eben doch mit einem weißen Kleid in der Umkleidekabine. Nach zwei Minuten zieht sie den bordeauxroten Vorhang zurück, tritt einen Schritt vor - und in diesem Moment offenbart sich der rituelle Sinn des lateinamerikanischen Brauchs, den 15. Geburtstag von Mädchen möglichst aufwändig und prächtig zu feiern.Die Angestellte des Kleiderverleihs bringt weiße Handschuhe, die Chefin reicht ein Diadem, Elaine wirft amüsiert Handküsschen. Ihre Mutter zupft hier, zupft dort, tritt einen Schritt zurück, schaut die Tochter von oben bis unten an und bricht jäh in Tränen aus. Elaine umarmt sie zum Trösten, ihr selber treten Tränen in die Augen. "Leute, wir sind doch nicht bei einer Beerdigung", sagt die Inhaberin des Kleiderverleihs forsch, um die eigene Rührung zu überspielen.Mit Angst besetzte PubertätÜbergangs-Riten - so nennen Völkerkundler Zeremonien, mit denen die Übergänge zwischen verschiedenen Lebensstadien begleitet werden, um die damit verbundenen Ängste in Zaum zu halten. Die aus Spanien stammende Sitte, den 15. Geburtstag von Mädchen ganz groß zu feiern, steht in dieser kulturellen Tradition. Und welcher Übergang wäre denn, den Tod ausgenommen, stärker von Angst besetzt als die Pubertät? Auch wenn der Ritus heute auf dem amerikanischen Kontinent, von den Latino-Gemeinden in den USA bis hinunter nach Patagonien, den Charakter eines verschwenderischen Festes angenommen hat.Der Brauch sichert Millionen an Jobs und Milliarden an Umsatz. Eine ganze Feier-Industrie lebt davon: Ausstatter und Animateure, Dekorateure und DJs, Fotografen und Feuerwerker, Zuckerbäcker und Zeremonienmeister und natürlich jede Menge Köche und Kellner. Aber so konsumgetränkt der Ritus daherkommt, sein archaischer Sinn scheint noch durch. In Gesellschaften, die man früher primitiv nannte, wird die erste Menstruation der Mädchen rituell in der Gemeinschaft begangen, wogegen Jungen zur Initiation in die Wildnis geschickt werden, um beim Jagen Blut zu vergießen. Kein Zufall, dass heute Familien das Fest nur für die Mädchen, nie für Jungs ausrichten."Ja, aber wo wollen Sie den Kuchen denn hinstellen?", fragt die Chefin von "La Maison", eines nicht gerade luxuriös wirkenden Saalbaus, "da brauchen Sie schon etwas Dekoration." Edivânia dos Santos, Elaines Mutter, will ein eher bescheidenes Fest für rund hundert Leute bestellen, doch die "La-Maison"-Chefin redet resolut auf sie ein, dass es so klein nicht sein kann: Tischdecken, Blumen, Stoffkleider für die Plastikstühle, Limo und Bier, drei Kellner, Empfangsdame - "alles zusammen 3 500, na ja, ich kann 2 500 machen".Edivânia telefoniert mit ihrer Bank. "Also freigegeben, ja?", fragt sie nach zehn Minuten erleichtert. Sie bezahlt "parcelado", in Raten, so stehen schließlich 3 034,47 Reais auf der Kreditkarten-Quittung. Dazu kommen Kuchen, Häppchen, Musik, Kleidermiete, Friseur und 50 Reais für die Messe vor dem Fest - am Ende summiert es sich auf 4 150 Reais. Also 1 380 Euro.Edivânia lebt in einem der zahllosen Slums von Rio de Janeiro. Ein riesiger Fernseher im winzigen Wohnzimmer, zwei Stübchen, Küche, Bad, die alle auf düstere Lichtschächte hinausgehen: Die Wohnverhältnisse sind bescheiden in Barreira do Vasco. "Es ist nicht leicht, sich mit zwei Kindern durchzuschlagen", sagt Edivânia. Und wenn man auf die Straße tritt, versteht man, warum sie froh ist, dass Elaine seit kurzem einen Freund hat, auch wenn sie das eigentlich ein bisschen früh findet. Denn an der Ecke lungert, die Pistole sichtbar im Hosenbund, ein Drogenhändler herum. "Einer dieser Banditen hat Elaine schon mal den Arm getätschelt", sagt sie, "aber wir können nicht wegziehen." Als Haushaltshilfe verdient sie nur 330 Euro im Monat.Das Fest der 15-jährigen Manuela Fortes hat finanziell ganz andere Dimensionen. "Mein Mann fand, es müsse auch Grenzen geben", sagt Manuelas Mutter Susana, "und deshalb haben wir mit unserer Tochter verhandelt." Auf Manuelas Fest tritt nun zwar DJ Marlboro auf, der brasilianische Funk-Weltstar. Im Gegenzug hat Manuela darauf verzichtet, ihre 360 Gäste mit japanischem Essen zu bewirten. "Normal" seien 500 bis 600 Gäste, sagt die Mutter. Ist Manuelas Fest dann, daran gemessen, bescheiden? Das nun auch wieder nicht, wehrt Dona Susana ab, deren Mann mit "Finanzprodukten" handelt. Manuelas Prinzessinnen-Nacht hat 27 000 Euro gekostet.Gefeiert wird in der Villa Riso, einem historischem Landsitz, auf dem das Gesetz zur Abschaffung der Sklaverei 1888 formuliert wurde: ein Park, eine von Palmen gesäumte Auffahrt, im Entree ein Tisch voller Pralinen, emsig herumwieselnde Kellner, von Bar-Männern geschüttelte Drinks in allen Regenbogenfarben und zwischendrin Manuela, die etwas nervös und überfordert wirkt. Auf ihren Wunsch ist die Villa Riso ganz in Rot-Weiß dekoriert - so leuchten die monströsen Rosensträuße, die Möbel, die Tanzfläche.Ihre Freundinnen haben sich aufgedonnert wie Filmstars, während die jungen Herren betont lässig erscheinen; Marken-Turnschuh zum Anzug ist Trumpf. "Manuela 15", steht in Rot auf weißen oder in Weiß auf roten Plastikarmbändern, die alle Gäste tragen, damit die Kellner wissen, wem sie Alkohol ausschenken dürfen und wem nicht. Allerdings hat keiner bedacht, dass die roten Armbänder eine weiße Rückseite haben.Um Mitternacht steht Manuela, erfasst von einem einzelnen Scheinwerfer, auf dem Absatz der Treppe, die in den Tanzsaal herabführt. Gefolgt von 15 Paaren - die Mädchen in eigens für das Fest geschneiderten, champagnerfarbenen Kleidern, die Jungen in dunklen Anzügen - schreitet sie die Treppe herunter, wird von ihrem Vater in Empfang genommen, mit dem sie alleine Walzer tanzt, dann gesellen sich die 15 Paare dazu. Ein ernster, steifer Höhepunkt des Zeremoniells, der die Fortes allein wegen der vielen Tanzstunden, die die 30 jungen Leute bekamen, ein kleines Vermögen gekostet hat."Na, sagen wir sieben", antwortet Eduardo Ribas auf die Frage, wie er Manuelas Fest auf einer Skala zwischen Null und Zehn benoten würde: "Es gibt ja in Rio absurd größenwahnsinnige Feste, mit pharaonischen Dekorationen, mit noch mehr Geschenken und Stars und Attraktionen!" Ribas muss es wissen. Er und sein Team - bei Manuela waren sie zu fünft, für ein Honorar von 2 000 Euro - filmen und fotografieren Familienfeste. Als Eduardo vor 36 Jahren damit anfing, gab es noch Debütantinnen-Bälle, auf denen die Mädchen der feinen Gesellschaft vorgestellt wurden. "Aber heute spielten die alten aristokratischen Zirkel keine Rolle mehr, weil durch die Industrialisierung Brasiliens "das große Geld die Hände gewechselt hat", sagt er.Ratlose AnthropologinWarum feiern Menschen so exzessiv? Warum verschulden sich manche auf Jahre, nur um der Tochter den Prinzessinnen-Traum für eine Nacht wahr zu machen? Hängt es mit Karneval zusammen? Mit dem Katholizismus und seinem Hang zur Sinnlichkeit? "Keine Ahnung", sagt die Anthropologin Rosana Prado entwaffnend offen. Aber dann kommt sie schnell auf den französischen Ethnologen Marcel Mauss, der vor 75 Jahren die sogenannten Potlatsch-Zeremonien der Indianer erforschte - nach unseren Kriterien gewaltige Orgien verschwenderischen Geschenkaustauschs, mit denen sich die Menschen gegenseitig verpflichteten. Also eine "moralische Transaktion", die Mauss sogar als Gegenentwurf zur kapitalistischen Rationalität pries. Aber kann man das wirklich auf das Milliarden-Geschäft mit den pubertierenden Mädchen beziehen?Elaines Mutter stammt aus dem rückständigen Nordosten Brasiliens, aus Pernambuco. Die Großeltern sind Bauern und haben 18 Kinder, von denen zwei nicht schreiben können. Zwölf sind zum Arbeiten nach Rio gezogen. Sie und ihre Familien hat Elaine eingeladen. Ihr Vater ist vor 13 Jahren tödlich verunglückt, deshalb tanzt zu Mitternacht ihr Freund mit ihr. Und wenn deine Mutter mehr Geld hätte, was würdest du dir wünschen, Elaine? "Dann würde ich meine Großeltern aus Pernambuco kommen lassen", sagt sie, "zu ihnen zu fahren, das können wir uns jetzt ja erstmal nicht mehr leisten."------------------------------Ethnologische ForschungÜbergangsriten sind öffentliche Zeremonien, die den Übergang von einer Alterskategorie in die nächste feiern - wie Konfirmation oder Jugendweihe. Hinter dem Begriff steht ein ethnologisches Konzept, das der französische Anthropologe Arnold van Gennep 1909 einführte. Er hatte beobachtet, dass nicht-industrielle Gesellschaften solche Übergänge als potenzielle Gefahr sehen. Deshalb würden sie rituell und in der Gemeinschaft bewältigt.------------------------------Foto : Quinceanera-Feier von 15-Jährigen in Mexiko-Stadt. Ballkleider und Diademe gehören dazu.