Natürlich wäre es gemein, Erwin Wagenhofer einen der großen Profiteure der gegenwärtigen Börsen-Räude zu nennen. Der Österreicher hat seinen Dokumentarfilm "Let's make money" vor drei Jahren schließlich mit dem erklärten Ziel begonnen, die Perversionen globaler Geldströme bloß zu stellen. Inzwischen haben sich diese Geldströme von ganz alleine bloß gestellt. Und so kommt Wagenhofer nun pünktlich zum Weltspartag mit einer Dokumentation in die Kinos, die so etwas wie der Film zur Finanzkrise werden könnte. Wenn die Ironie will, dann ist jener Filmemacher, der so engagiert gegen den Reichtum andreht, in wenigen Wochen ein ganzes Stück reicher.Eine Dokumentation, die sich ernsthaft mit dem Thema Geld auseinander setzt, muss wohl automatisch auch eine Dokumentation über Gier, Korruption, Blut, Armut und Tod werden. Wagenhofer versucht erst gar nicht, dieses monströse Gebilde namens Raubtierkapitalismus in eine überschaubare Form zu pressen. Im Gegenteil. Er lässt sich und seine Kamera mitreißen von den wilden Finanzströmen in einer globalisierten Welt, er folgt der Spur des Geldes von Westafrika über Indien, Singapur und die Kanalinsel Jersey bis nach Washington, London und Zürich. Das ganze Projekt überschreitet die Grenze zum Wahnwitz. Kann man die Weltwirtschaft in 110 Minuten erklären? Kann man nicht. Wagenhofer hat es trotzdem geschafft.In einer Zeit, in der wir ununterbrochen darüber hören und lesen, wie Geld vernichtet wird, verschwindet und versumpft, geht er der Frage nach, wo dieses Geld eigentlich so hinschwindet und hinsumpft, und vor allem: wo es überhaupt entsteht. In der Ahafo Mine in Ghana, zum Beispiel. Tag für Tag werden dort gigantische Felsbrocken aus dem Berg gesprengt, von Ghanaern zerhackt, zermahlen und zerstäubt. Dann werden die kostbarsten Staubkörner eingeschmolzen und in leuchtende Goldbarren gegossen. Wie so viele afrikanische Staaten ist Ghana auf reichem Boden gebaut. Am Ende der Wertschöpfungskette wartet allerdings schon der Hubschrauber, um den Bodenertrag in die Schweiz auszufliegen, vom Regenwald in die Steueroase. Drei Prozent des Geldes, das in der Ahafo Mine entsteht, bleibt in Afrika, der Rest ist für den Westen.Wagenhofer dokumentiert das, was er den modernen Goldraub nennt, mit einer Bildsprache, die stark an die Sendung mit der Maus erinnert. Dieser kindliche Blickwinkel ist jedoch keineswegs eine Schwäche, sondern die große Stärke dieses Films. In jenem - selbst für interessierte Menschen - nicht mehr zu überblickenden Gewimmel aus Offshoremarkets, Cross-Border-Leasings und Private Equity Fonds sind es nämlich die einfachen, man möchte fast sagen, die naiven Fragen, die Erhellendes zu Tage fördern. Wagenhofer erklärt die Welt in einem monumentalen Aufklärungsfilm.Er legt dar, warum die Menschen in Burkina Faso mit ihrer Baumwolle nichts verdienen, obwohl sie die beste Baumwolle der Welt haben; warum eine Stadt wie Wien ihre Straßenbahnen verkauft, um sie danach gegen horrende Gebühren wieder anzumieten; warum Wüstenstriche mit Golfplätzen übersät werden, die so viel Wasser verbrauchen wie 16 Millionen Menschen; warum die Spanier ihre Küste mit Zement übergießen und steinerne Baugerippe darauf errichten und warum sie jährlich 800 000 Wohnungen bauen, in denen gar ni emand wohnen soll.Diese Szenen sind deshalb so aufschlussreich, weil sie zeigen, dass in Wahrheit keine Finanzkrise, sondern eine Gesellschaftskrise um den Globus kreist, und weil sie eine der gängigsten Erzählungen unserer Zeit als turbokapitalistisches Märchen entlarven. Es stimmt eben doch nicht, dass keine konkreten Waren und Dienstleistungen mehr notwendig sind, um aus Geld noch mehr Geld zu machen. So virtuell die täglichen Zackenkurven der Finanzwirtschaft in New York, London und Frankfurt aussehen, so konkret sind ihre realwirtschaftlichen Rahmenbedingungen für ghanaische Goldschürfer, indische Slumbewohner und Steinesammler aus Burkina Faso.Eines der eindrucksvollsten Interviews führt Wagenhofer mit dem kahlhäuptigen Investmentbanker Dr. Mark Mobius. Bei ihm heißen Entwicklungsländer nicht Entwicklungsländer, sondern Emerging Markets. In diesen "aufstrebenden Märkten", wo die Renditen hoch und die Steuern verhandelbar sind, betreut Mobius einen 50 Milliarden Dollar schweren Aktienfonds. "Am besten tätigt man Investitionen dann, wenn Blut an den Straßen klebt", sagt Mobius ganz offen in die Kamera. Für Moralfragen seien andere zuständig.Für Moralfragen ist Erwin Wagenhofer zuständig. Fast schon streberhaft klappert er jene Orte ab, an denen die Renditen für unsere Guthaben erwirtschaftet werden. Wie schon bei seinem Vorgänger-Werk "We feed the world" verzichtet er dabei auf jede Art von Michael-Moore-haftiger Geschwätzigkeit. Seine Kamera schaut leise zu - und ist doch niemals neutral.All die Schauplätze und Protagonisten, all die Glitzerfassaden und verödeten Wohnsilos, all die menschenverachtenden Sprüche und erhobenen Zeigefinger, die uns Wagenhofer hier präsentiert, verdichten sich letztlich zu einer ebenso einfachen wie rhetorischen Frage: Können wir uns die Reichen noch leisten?------------------------------Let's make money Österreich 2008. Regie, Buch und Kamera: Erwin Wagenhofer; 110 Minuten, Farbe.------------------------------Foto: In Burkina Faso wird die beste Baumwolle der Welt gewonnen. Doch die Arbeiter dort verdienen kaum etwas damit.Foto: Steinerne Baugerippe verschandeln die Küste Spaniens.