Go West, sagt sich im Sommer 1990 Wladimir Kaminer aus Moskau. Das Tor zum Westen, das der damals 23-Jährige ansteuert, heißt Berlin-Lichtenberg. Der Proviant-Wodka der Marke "Lebewohl" ist ausgetrunken, als Wladimir Kaminer nach zwei Tagen Fahrt im Osten der Stadt eintrifft. "Die ersten Berliner, die wir kennen lernten, waren Zigeuner und Vietnamesen. Wir wurden schnell Freunde", erzählt der Schriftsteller, der mit seinem Buch "Russendisko" bekannt geworden ist. Für ihn war die Fahrkarte nach Lichtenberg ein Ticket für den Erfolg. Die 96 Rubel Fahrgeld haben sich für ihn amortisiert. Abseits der herausgeputzteren Teile Berlins kommen sie auch heute noch an, die Schnellzüge aus dem Osten. Ihre Wagen passen nicht ins DB-Farbschema. Sie sind dunkelgrün, rot-blau, weiß-hellblau, dunkelblau mit gelben oder beigen Streifen. Der Moskva-Express bringt Kurswagen aus Sankt Petersburg. Der Kiewer Schnellzug hat Wagen aus Odessa am Schwarzen Meer, Simferopol auf der Krim, Charkiv in der Ost-, Lviv in der West-Ukraine, Gdynia in Polen und aus Kaliningrad. Doch der Rekordhalter ist der Zug, der sonnabends vormittags eintrifft. Er führt Wagen aus Rostov am Don, Saratov an der Wolga, Omsk und aus dem 5 635 Kilometer entfernten Novosibirsk - mit Anschluss von der Transsibirischen Eisenbahn. So weit wie der Schlafwagen von jenseits des Urals rollt kein anderer Reisezugwagen, der in Deutschland ankommt. Fünf Tage ist er unterwegs - eine Interkontinentalverbindung aus Asien, die in keinem Berlin-Prospekt auftaucht.Nach der Schließung des Nordbahnhofs 1952 wird Lichtenberg wichtigster Fernbahnhof Ost-Berlins. Er zieht auch Menschen an, die nicht ins offizielle Bild passen. Den "Bahnhofsbeatles" im Zwischengeschoss widmet der Eulenspiegel 1965 eine Titelgeschichte. "Junge, Junge!", tadeln die Autoren und mokieren sich über "Ponys mit Genickwellen, Wallewallelocken und glatte Strähnen". Ein Teil der "Bahnhofsbeatles" kommt vor Gericht, weil sie angeblich über Republikflucht nachgedacht haben. Ende Februar 1982 geht das neue Empfangsgebäude in Betrieb. Fotos zeigen Gedränge auf den drei Fernbahnsteigen und in der lichten Halle. Die Gaststätte "Städteexpress", ein Café und die Biergaststätte "Zum Tender" kämpfen gegen den Ansturm an. 1987 stehen 152 Züge auf dem Plan, von täglich rund 175 000 Reisenden ist die Rede. Nach dem Mauerfall bringen die Züge aus Südosteuropa nicht länger DDR-Urlauber nach Hause. Der Balt-Orient-Express aus Bukarest, der Meridian und der Pannonia-Express (beide aus Sofia) sind voll mit Menschen, die durch den geöffneten Eisernen Vorhang dem Elend in ihrer Heimat entfliehen. Im Untergeschoss kampieren Ausländerfamilien, vor allem aus Rumänien. Reichsbahner schütten Salmiak aus, um sie zu vertreiben. Der Nachtzug Berlin-Warschau gewinnt als Lebensader einer Schwarzmarktökonomie an Bedeutung. Die Soziologin Malgorzata Irek hat seine Fahrgäste in ihrer Sozialstudie "Der Schmugglerzug" porträtiert.Inzwischen ist es ruhig geworden. Die DB zählt täglich 10 000 bis 15 000 Fahrgäste und Besucher auf dem Bahnhof. Nur wenn Züge aus Osteuropa kommen oder abfahren, ist noch etwas los. Bald wird das Flugzeug auch ihnen Konkurrenz machen. So lange bleibt Lichtenberg für viele das Tor zum Westen. Ein anderer Fernbahnhof erlebte dagegen einen sagenhaften Aufstieg: der heutige Ostbahnhof. Er hat eine bewegte Geschichte - was sich in der rekordverdächtigen Zahl der Umbenennungen spiegelt. Anfangs erstrecken sich noch duftende Tulpen- und Hyazinthenfelder, in denen Berliner Kaffee trinken, neben der 1842 eröffneten Frankfurter Bahn. Doch die Idylle am Frankfurter Bahnhof verschwindet. Wo die Bouchés, die Moewes und die anderen Gärtner Blumen oder Obst anbauten, entstehen Mietshäuser. 1882 ist aus dem Kopf- ein Durchgangsbahnhof geworden. Da hat er schon ein Jahr lang einen neuen Namen: Schlesischer Bahnhof. Viele Zuwanderer kommen hier an - und bleiben in diesem Teil Berlins, weil die Wohnungen billig sind. Zu ihnen gehören die Familien Zille (Andreasstraße 17) und Döblin (Blumenstraße). Der Schuster Wilhelm Voigt (Lange Straße 22) kostümiert sich am 16. Oktober 1906 als Hauptmann und beschlagnahmt die Köpenicker Stadtkasse: 4 000,70 Mark. Südwestlich des Bahnhofs steht damals die Andreaskirche, aber ihr Einfluss auf die Moral ist gering. "Viele Straßen um den Schlesischen Bahnhof sind schlimm", schreibt Hans Fallada in "Wolf unter Wölfen". Einer seiner traurigen Helden reist in der "traurigen, verrußten, verlotterten Halle mit ihren zerschlagenen Scheiben" ab. In Julius Berstls Roman "Schlesischer Bahnhof" kreuzen sich im Wartesaal dritter Klasse die Wege von Glückssuchern und Gestrandeten. "Es riecht nach Bier, Knoblauch, Käse und unausgelüfteten Menschen." Furchtbare Verbrechen geschehen im Postzustellbezirk Berlin O 17. Der Massenmörder Karl Grossmann hat seinen Wurststand am Schlesischen Bahnhof und liest die Frauen, die er später misshandelt, tötet und zerstückelt, im Wartesaal oder in der Umgebung auf. Es dauert lange, bis er in seiner Wohnung Lange Straße 88 gefasst wird. Am 5. Juli 1922 erhängt er sich in seiner Zelle. 1950 gibt es erneut eine Umbenennung: Ostbahnhof. Das im Krieg lädierte Gebäude wird repariert. Nach der Sprengung 1985 bauen 200 Facharbeiter-Kollektive ein repräsentatives Entree für die DDR-Hauptstadt, das ab 1987 Hauptbahnhof heißt. Die Zahl der Abfahrten wird dem verheißungsvollen Namen aber nicht gerecht. Die Gleiskapazität ist gering: West-Berliner Transitzüge, die auf dem Weg zum Abstellbahnhof Rummelsburg hier durchrollen, und das nahe Bahnpostamt nehmen viele Trassen in Anspruch. So ist der Hauptbahnhof eine Kuriosität - mit einem nur mageren Angebot für Inlandskunden, isoliert am Rand der Halbstadt, mit einem Haupteingang, der zur 300 Meter entfernten Grenze weist. Nach der Wende wird die Station aus dem Abseits geholt. Als sie am 24. Mai 1998 in Ostbahnhof rückbenannt wird, sind die verlängerten Fernbahnsteige gerade fertig. Am 29. Juni 2000 wird die Halle eingeweiht, in deren Umbau die DB 36 Millionen Euro investiert hat. Dank ihrer Oberlichter sowie der 3 200 Quadratmeter großen und zwölf Meter hohen Glasfassade ist sie so hell wie nie. Täglich nutzen 120 000 Menschen den Ostbahnhof. Zwar wirkt die Umgebung immer noch leer und laut. Doch das kann den strahlenden Eindruck nicht trüben. Berlins Bahnhöfe - gestern, heute, morgen: So heißt das Buch von Peter Neumann, das in dieser Serie in Auszügen zu lesen ist. Es ist im Jaron Verlag erschienen und kostet 22,90 Euro. Das Buch ist auch im Kundencenter der Berliner Zeitung erhältlich. ------------------------------"Es riecht nach Bier, Knoblauch, Käse und unausgelüfteten Menschen." Julius Berstl (1930) ------------------------------Foto (2): Verkaufskultur mit Weltniveau. Im Bahnhof Lichtenberg hat sich das Mitropa-Team, das Berlin-Souvenirs und Proviant anbietet, am 15. Dezember 1982 mit Käppis geschmückt. An diesem Tag wird das neue Empfangsgebäude, das bereits fast zehn Monate in Betrieb ist, feierlich eingeweiht. Rote Fahnen mit Hammer und Sichel wehen 1969 vor dem Ostbahnhof. 1985 werden 250 Kilo Sprengstoff gezündet, die Rundbögen und die weiße Putzfassade landen auf dem Schutt. Auch das 1987 eingeweihte Nachfolgegebäude gibt es in seiner ursprünglichen Form nicht mehr.