LICHTENBERG. An der Schönhauser Allee/Ecke Gaudystraße kommt die Straßenbahn von Sascha Remer zum Stehen - unfreiwillig. Obwohl er noch mit aller Gewalt die Bremse zieht, kann er den Zusammenstoß mit dem blauen Kombi nicht vermeiden. Voller Wucht schiebt sich der Niederflurwagen in das Fahrzeug. Der Kombi wird auf die rechte Fahrbahn geschoben. Keine Frage, das Auto ist nur noch Schrott. Und auch an der Straßenbahn dürfte ein erheblicher Schaden entstanden sein. Doch es dauert keine Minute und Sascha Remer fährt weiter. Er wartet weder auf die Polizei, noch meldet er den Unfall an die Leitstelle der Berliner Verkehrsbetriebe (BVG). Was nach Fahrerflucht aussieht, ist nur ein Spiel. Sascha Remer ist an diesem Tag ein Teil dieses Spiels. Im wirklichen Leben dürfte er noch nicht mal hinter den Lenker eines Mofas. Sascha ist elf Jahre alt. Ein Alter, in dem andere Jungen Harry Potter lesen. Oder an Baumhäusern bauen. Doch Sascha Remer fährt Straßenbahn - in einem Simulator. Neben ihm steht ein Ausbilder der Berliner Verkehrsbetriebe. Der weist den Jungen in die Technik ein. Sagt ihm, wie er bremsen muss. Oder wo sich die Hupe befindet, die eher an das Klingeln einer in die Jahre gekommenen Schulglocke erinnert. Straßenszenen vom ComputerDer Simulator steht im Ausbildungszentrum auf dem BVG-Betriebshof in der Siegfriedstraße. Über eine Treppe gelangen die Fahrer in eine Kapsel, die auf sechs hydraulischen Stelzen fußt. Von außen macht sie den Eindruck eines halbförmigen Ufos. Aber im Innern ist alles so wie in einer Straßenbahn: der Bordcomputer auf der linken Seite ebenso wie der Hebel zum Fahren und Bremsen. Vorn befinden sich etliche Knöpfe und Tachometer. Eine Anzeige auf der rechten Seite zeigt das Fahrziel an. "Der Computer erzeugt realistische Bilder", sagt Thomas Klinder, der Leiter des Ausbildungszentrums. Sie wurden aufgenommen entlang der Berliner Straßenbahnstrecken. Ob es aber von der Vinetastraße in Pankow zum Kupfergraben nach Mitte geht oder von der Schwartzkopffstraße nach Ahrensfelde, entscheidet der Ausbilder. Er hat seinen Platz hinter einer Glasscheibe vor unzähligen Monitoren. Von dort aus kann er auch Fahrzeuge auf die Gleise steuern und einen Straßenbahnunfall provozieren, sagt Klinder.Seit Mai darf jeder, der Lust und Geld hat, im BVG-Ausbildungszentrum Straßenbahn fahren. Und das Angebot wird rege genutzt, die Anmeldungen reichen bis weit ins nächste Jahr. Männer lassen sich zum Beispiel eine Fahrstunde zum Geburtstag schenken. Manche kommen sogar aus der Schweiz, um in Berlin einmal eine Straßenbahn zu fahren. Auch Sascha ist kein Berliner. Der Junge aus Oppenheim verbringt die Ferien bei den Großeltern in der Hauptstadt. Die haben ihrem technikbegeisterten Enkel die Fahrstunde geschenkt.Einmal im Jahr muss auch jeder der 1 350 Berliner Straßenbahnfahrer im Simulator Platz nehmen. Zum Auffrischungskursus und um ihre Fahrtauglichkeit zu beweisen. Früher, sagt Thomas Klinder, mussten dafür richtige Straßenbahnen herhalten. Die wurden dann auf Strecken eingesetzt, die nicht für den Linienbetrieb benötigt wurden. Doch Unfälle mit Autos oder gar Personen können nur in der Kapsel simuliert werden.Sascha hat schon vorher geahnt, dass er irgendwann mit einem Auto kollidieren würde. "So etwas musste ja kommen", sagt er. Als es dann passiert, wird ihm doch ein wenig anders. Schließlich ruckelt und wackelt es im Simulator wie in einer echten Straßenbahn. Gelassen sitzt er auf dem Fahrersitz, manövriert seine Große Gelbe geschickt über dreispurige Straßen oder durch Alt-Berliner Wohngebiete. Nur zweimal missachtet er Rot - oder vielmehr den waagerechten Balken der Straßenbahn-Ampel. "Aber sonst wirkt der Junge sehr konzentriert", sagt Ausbilder Michael Hoffmann im Kontrollraum. Straßenbahnfahrer will Sascha trotzdem nicht werden. "Lieber Pilot", sagt er.Fahrer in 41 Tagen // Simulator: Der Tram-Simulator im BVG-Ausbildungszentrum in der Siegfriedstraße 30-44 wurde 1999 in Betrieb genommen. Rund 2,6 Millionen Euro kostete die Anschaffung. Neben Berlin verfügt nur Stuttgart über einen Straßenbahn-Simulator. Simulatoren gibt es zudem in Schönefeld (Flugzeuge), Delmenhorst (Lkw) und München (Polizeiautos).Tram-Fahrer: Auf den Straßenbahnlinien der BVG sind tausend Fahrer unterwegs, 350 weitere können bei Bedarf eingesetzt werden - sie arbeiten in den Werkstätten oder in der Verwaltung. Die Ausbildung zum Fahrer dauert in Berlin 41 Tage. Ein Fünftel der Zeit verbringen die angehenden Fahrzeugführer im Simulator.Selber fahren: An jedem zweiten und vierten Donnerstag im Monat ist das Ausbildungszentrum von 14 bis 18 Uhr für jedermann geöffnet. Eine halbe Stunde im Simulator kostet 60 Euro. Wie lange Besucher fahren, bestimmen sie selbst. Die nächsten Termine sind am 7. und 21. August. Besucher müssen sich anmelden unter der Telefonnummer 2563 0333.BERLINER ZEITUNG/WULF OLM (2) Im Innern ist alles wie in einer richtigen Straßenbahn, nur die Landschaft kommt aus dem Computer.Über eine Treppe gelangt man in den Straßenbahn-Simulator. Der ist eine Kapsel und steht auf sechs hydraulischen Füßen.

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