LONDON/MOSKAU. Ein ehemaliger russischer KGB-Agent, der in Moskau als Verräter gilt, trifft einen italienischen KGB-Experten zum Mittagessen. Man begegnet sich auf sicherem Terrain, einem unauffälligen Sushi-Restaurant in London, angeblich um Informationen über den Mord an der russischen Journalistin Anna Politikovskaja auszutauschen. Drei Wochen später ist der Italiener untergetaucht. Und der Russe ringt in einem Londoner Krankenhaus um sein Leben. Offenbar ist er mit einer lebensgefährlichen Substanz vergiftet worden. Das ist die Geschichte, die derzeit in London Schlagzeilen macht. Der neue James Bond ist Kinderkram dagegen.Alexander Litvinenko wurde am 3. November in ein Krankenhaus nahe seinem Haus in Nordlondon eingeliefert. Er klagte über Übelkeit, Erbrechen, Durchfall. "Die Ärzte haben zuerst an eine Lebensmittelvergiftung gedacht, obwohl seine Familie davon gesprochen hat, dass er vergiftet worden sein muss", sagte der russische Unternehmer Boris Beresowski dem Guardian. Beresowski, der in Russland wegen Korruption gesucht wird, lebt seit Jahren im Londoner Exil. Es heißt, Beresowski habe Litvinenko vor sechs Jahren bei seiner Flucht nach Großbritannien geholfen. Seinem Asylantrag wurde stattgegeben. Vor einem Monat bekam Litvinenko einen britischem Pass.In der vergangenen Woche verschlechterte sich der Zustand des russischen Patienten. Das Krankenhaus suchte nach Spuren einer Vergiftung - und fand Reste eines Salzes namens Thalliumsulfat, das auch als Rattengift benutzt wird. Der 41-Jährige wurde auf die Intensivstation verlegt und wird inzwischen von dem Spezialisten John Henry, einem Londoner Toxikologen, behandelt. Henry sagt, Litvinenko habe nur noch eine Überlebens-Chance von etwa fünfzig Prozent.Die Antiterror-Abteilung von Scotland Yard nahm die Ermittlungen auf. Weil Litvinenko britischer Bürger ist, könnte der Vorfall das britisch-russische Verhältnis empfindlich belasten. Laut Daily Mail wäre dies bereits der zweite Mordversuch an Litvinenko. Vor zwei Jahren sei eine Benzinbombe auf seine Villa im Norden Londons geworfen worden, wo er mit Frau und Sohn lebt, schreibt die Zeitung unter Berufung auf anonyme Quellen.Litvinenkos russische Freunde in Großbritannien glauben zu wissen, wer hinter dem letzten Mordversuch steckt. "Das Motiv ist klar: Er ist ein Feind Putins", sagt Boris Beresowksi. In Moskau werden solche Erklärungen zurückgewiesen. "Der Genosse Litvinenko wäre der letzte, den sich unsere Geheimdienstleute vornehmen würden", erklärt der Dumaabgeordnete und FSB-Oberst der Reserve, Gennadij Gudkow, der russischen Tageszeitung Kommersant. Litvinenkos Spitzname "Skwosnjak" (Durchzug), den er beim FSB erhalten habe, erkläre seinen Charakter.Will der Genosse Gudkow damit andeuten, dass Litvinenko ein launenhafter oder gar pflichtvergessener Mensch sei? Dann ist umso rätselhafter, wie ein so unsteter Charakter in die geheimsten Abteilungen des russischen Geheimdienstes vordringen konnte. Geboren 1964 in Woronesch, geht Alexander Litvinenko gleich nach seinem Schulabschluss zum Militär und später zur Spionageabwehr des KGB. Nach dem Ende der Sowjetunion arbeitet er in der Terrorabwehr des KGB-Nachfolgers FSB. Er wird stellvertretender Leiter der Abteilung, die sich der Bekämpfung des Organisierten Verbrechens widmet.Doch dann, 1998, endet die Geheimdienstkarriere des hoffnungsvollen Talents. Mit einigen Kollegen des FSB beruft Litvinenko eine Pressekonferenz in Moskau ein und verkündet, seine Abteilung habe den gesetzeswidrigen Auftrag erhalten, den russischen Oligarchen Boris Beresowski zu ermorden. Dem spektakulären Auftritt war ein Gespräch mit dem damaligen FSB-Chef Wladimir Putin vorausgegangen. Er habe seinem Chef die Machenschaften des FSB offen legen wollen, gab Litvinenko an. Der habe aber nichts davon wissen wollen.Im März 1999 wird Litvinenko aus dem Dienst des FSB entlassen. Unehrenhaft, denn die Entlassung verbindet sich mit einer Verhaftung und der Einleitung mehrerer Strafverfahren. Litvinenko flieht über die Türkei nach Großbritannien. Dort taucht er als politischer Flüchtling wieder auf und veröffentlicht 2001 das als Sensation angekündigte Buch "Der FSB sprengt Russland". Das Buch schildert die Vorgänge um die Bombenanschläge auf Wohnhäuser in Moskau, Wolgodonsk (bei Rostow am Don) und Bujnaks (in Dagestan) im September 1999, bei denen 294 Menschen starben. Das Buch schreibt Litvinenko zusammen mit dem Historiker Juri Felschtinski, der 1978 in die USA emigrierte. Beide behaupten, der FSB habe die Attentate selbst organisiert, um einen Vorwand für den Beginn des zweiten Tschetschenienkriegs zu haben.Litvinenko beschuldigt den ehemaligen stellvertretenden Direktor des FSB, German Urgjumow, die Anschläge in Auftrag gegeben zu haben, und beruft sich dabei auch auf die Aussagen des Hauptverdächtigen im Zusammenhang mit den Attentaten, Achemez Gotschijajew. Der erklärte, er habe im Herbst 1999 auf Anweisung Kellerräume in mehreren Moskauer Wohnblocks angemietet. Eben diese Wohnhäuser lagen kurze Zeit später in Trümmern. Auftraggeber soll Urgjumow gewesen sein. Zwei weitere Verdächtige bestätigten diese Aussage.Die meisten Beteiligten können oder wollen sich zu den Vorgängen nicht mehr äußern. German Urgjumow erlag im März 2001 einem Herzinfarkt. Gerüchte besagen, er habe Selbstmord begangen. Der Hauptverdächtige Achemez Gotschijajew soll sich in Georgien versteckt halten. "Ich betrachte den andauernden Krieg in Tschetschenien als Verbrechen", erklärt Litvinenko. Präsident Putin, der den zweiten Tschetschenienkrieg begonnen habe, sei folglich ein Verbrecher. Er, Litvinenko, verstehe sich als Kämpfer für den Frieden, Freiheit und Demokratie und gegen das "faschistische Regime Putins".Später schreibt Litvinenko ein zweites Buch und befreundet sich mit Achmed Sakajew, dem Vertrauten des inzwischen vom FSB ermordeten tschetschenischen Präsidenten Aslan Maschadow. Er behauptet, die rechte Hand Osama bin Ladens sei in Ausbildungslagern des FSB im Kaukasus trainiert worden und beschuldigt den FSB allerlei weiterer Ungeheuerlichkeiten.Der stellvertretende Vorsitzende des Sicherheitsausschusses der russischen Staatsduma, Viktor Iljuchin, hält es für denkbar, dass der FSB an Litvinenko Rache genommen hat. "Ich schließe das nicht aus", sagt Iljuchin der russischen Tageszeitung Kommersant. "Litvinenko ist den russischen Behörden schon seit längerer Zeit auf die Nerven gegangen, außerdem war er bestimmt über Staatsgeheimnisse informiert. Der letzte Tropfen waren vermutlich Litvinenkos Drohungen, alles über den Mord an Anna Politikovskaja auszupacken." Die Ermordung der russischen Journalistin war das vorerst letzte Verbrechen, das Litvinenko dem FSB zur Last legt.Der Gesundheitszustand des ehemaligen Agenten wird derweil immer schlechter. Freunde Litvinenkos sagen, der 41-Jährige könne seit der Vergiftung nichts mehr essen. "Eben war er noch ein sportlicher junger Mann, der fünf Meilen joggte, jetzt wirkt er wie ein Geist. Seine Haare sind ausgefallen, er kann kaum sprechen. Er wirkt wie ein Krebskranker, der eine Chemotherapie hinter sich hat", sagt sein Bekannter Alex Goldfarb.Auch Goldfarb sieht es als erwiesen an, dass Moskau hinter dem Attentat steckt. Er berichtet, dass Litvinenko am Tag der Vergiftung zwei Russen in einem Hotel traf. Ein anderer Freund Litvinenkos und Ex-KGB-Agent, Oleg Gordiewksi, sagt der Zeitung The Times, "natürlich" sei der versuchte Mord vom russischen Staat in Auftrag gegeben worden. Litvinenko sei von einem der beiden Russen im Hotel vergiftet worden. Der Menschenrechtler und frühere Abgeordnete Sergej Kowalew erklärt, Litvinenko sei dem FSB gegenüber sehr kritisch gewesen, der Geheimdienst habe dies "nicht mehr ertragen".Der Sprecher des russischen Auslandsgeheimdienstes SWR, Sergej Iwanow, weist die Vorwürfe zurück. "Wir haben nichts mit dem zu tun, was Litvinenko geschehen ist. Die russischen Geheimdienste greifen schon lange nicht mehr auf Mittel wie Vergiftung oder andere Mordformen zurück."Unklar ist weiterhin, wie das Gift in Litvinenkos Körper gelangt sein soll. Thallium ist hochgiftig und offenbar in Geheimdienstkreisen für seine Geruch- und Geschmacklosigkeit geschätzt. Seine Wirkung entfaltet sich über mehrere Tage. Die Polizei hat das Sushi-Lokal nahe Piccadilly besucht und keine Hinweise für eine Beteiligung des Personals gefunden.Das Treffen mit dem Italiener, einem Akademiker namens Mario Scaramella, war kurzfristig auf dessen Wunsch einberaumt worden. "Ich bestellte ein Gericht, aber er trank nur Wasser", zitiert die Sunday Times Litvinenko. Scaramella sei ihm nervös vorgekommen. Er habe ihm ein Dokument gegeben, in dem die Rede von vier Agenten des FSB war, die in den Mord an der Journalistin Anna Politikovskaja verwickelt sein sollen. Der Italiener beteuert seine Unschuld an der Vergiftung.Der Fall Litvinenko weckt in London Erinnerungen an den Kalten Krieg - und den Fall Markov. Markov war ein bulgarischer Agent, der Ende der Siebziger zu den Briten übergelaufen war. Markov wartete an einer Londoner Bushaltestelle, als ihm jemand die vergiftete Spitze eines Regenschirms ins Fußgelenk rammte. Markov starb. Wer dahinter steckte, wurde nie bekannt.------------------------------"Eben war er noch ein sportlicher junger Mann, der fünf Meilen joggte, jetzt wirkt er wie ein Geist. Seine Haare sind ausgefallen, er kann kaum sprechen." Alex Goldfarb, ein Freund des Opfers------------------------------"Die russischen Geheimdienste greifen schon lange nicht mehr auf Mittel wie Vergiftung oder andere Mord- formen zurück." Sergej Iwanow, Sprecher des Geheimdienstes------------------------------Foto: Im Londoner Exil. Am 3. November wird Litvinenko ins Krankenhaus eingeliefert. Die Ärzte sagen, seine Überlebenschancen liegen bei fünfzig Prozent.