Wie in den meisten Städten der arabischen Welt von Bagdad und Damaskus im Osten, von Kairouan bis Fes im Westen so sind auch in Marrakesch Mythos und Wirklichkeit so eng verflochten, daß der Besucher kaum zwischen beiden unterscheiden kann. Die Geschichte der am Rand der großen Wüste gelegenen Stadt, in der sich arabisches, afrikanisches und berberisches Blut vermischten, erscheint als eine Kette von ungewöhnlichen Mythen und Legenden. Denn die Geschichte von Marrakesch beginnt wie eine Erzählung aus Tausendundeiner Nacht, und zwar mit einer Frau, die wegen ihrer Schönheit und ihrer Intelligenz in der ganzen marokkanischen Wüste berühmt war. Alle Männer ihres Stammes, nämlich des Stammes der "verschleierten Männer", waren in sie verliebt. (Sie nannten sich "die verschleierten Männer", weil sie ihre Gesichter bedeckten, um sich vor Hitze, Staub und Kälte zu schützen.)Die Schöne mit Namen Zeineb lehnte alle Heiratsanträge ihrer Verehrer mit der Begründung ab, sie würde nur den Mann heiraten, der über ganz Marokko herrscht! Erst als es einem Fürsten namens Abu Bakr Ibn Omar gelungen war, alle berberischen Stammesführer zu unterwerfen willigte die schöne Zeineb ein, ihn zu heiraten. Nach der Hochzeit beschloß der Fürst, eine neue Hauptstadt für seinen jungen Staat zu gründen. Er wählte das Gebiet des heutigen Marrakesch, das in jener Zeit eine dürre Gegend war, in der nur Kürbisse und Lotusblumen wuchsen. Marrakesch bedeutet auf Berberisch "geh schnell!", denn die Reisenden, die in diese verlassene Gegend kamen, beschleunigten ihre Schritte aus Angst vor plötzlichen Überfällen durch Räuber. Kaum hatte man mit dem Bau der ersten Häuser begonnen, brach im Süden des Landes erneut ein Krieg zwischen rivalisierenden berberischen Gruppen aus. Abu Bakr Ibn Omar setzte sich mit seiner Armee in Marsch, um den Aufstand niederzuschlagen. Zu seinem Stellvertreter ernannte er seinen Cousin Yusuf Ibn Taschfine. Dieser nutzte die lange Abwesenheit des Herrschers aus, die Macht an sich zu reißen. Er heiratete Zeineb und vollendete den Bau der Stadt, die dann zur Hauptstadt des Staates der Almoraviden wurde, die von 1061 bis 1147 über Marokko herrschten. Noch heute erzählen die Bewohner von Marrakesch gerne, daß der Geist von Yusuf Ibn Taschfine, dessen Grab sich in der Nähe des Platzes "Jamaa El-Fna" befindet, des Nachts aus seinem Grab steigt und in den Palmenhainen umherirrt, von denen die Stadt umgeben ist.Marrakesch ist auch der Ort, an dem der große islamische Mystiker Ibn Arabi (gest. 1240) zwei Jahre nach dem Tod seines Vorbilds und Meisters Ibn Ruschd eine Vision hatte, die er in einem seiner berühmten Werke erwähnt. Dort heißt es: "Wisse, daß Gott Säulen des Lichts aufgebaut hat, um den göttlichen Thron zu stützen, ich kenne nicht ihre Zahl, aber ich habe sie gesehen. Ihr Licht gleicht dem eines Blitzes. Trotzdem wirft der Thron einen Schatten, von dem eine unsagbare Ruhe ausgeht. Dieser Schatten entspricht der Vertiefung des Throns, er verschleiert denjenigen, der dort sitzt, den Barmherzigen. Ich sah gleichzeitig den Schatz, der unter dem Thron lag und von dem die Worte stammen: Es gibt keine Macht außer bei Gott, dem Erhabenen, dem Herrlichen. Dieser Schatz ist Adam, Friede sei mit ihm. Ich sah außerdem viele andere Schätze, die ich erkannte, und wundervolle Vögel, die überall herumflogen Ich war in Marrakesch, als alle diese Dinge mir offenbart wurden."Zwischen 1540 und 1660 wurde Marrakesch die Hauptstadt der Sa diden-Könige. Die Regierungszeit dieser Herrscher-Dynastie, die ihren Ursprung in direkter Linie auf den Propheten Mohammed zurückführt, war gekennzeichnet durch Ausschweifung und Gewalt. Von den 13 Königen des Hauses Sa d wurden acht erstochen oder vergiftet. Der berühmteste von ihnen war Ahmed el-Mansur, genannt "der Siegreiche". In seinen herrlichen Palästen gab er prunkvolle Feste, zu denen Dichter, Musiker und fremde Fürsten eingeladen waren. Eifersüchtig und grausam wie alle Sa diden warf er eine seiner treulosen Konkubinen nackt den Schlangen zum Fraß vor und enthauptete vor seinen Gästen den Liebhaber der Dame. Ihre letzte Ruhe fanden die Sa diden-Könige in einem wundervollen Palais, das zu den bedeutendsten historischen Gebäuden der Stadt gehört. Der Besucher ist hingerissen von der architektonischen Raffinesse, der Schönheit des Marmors und der Mosaiken und nicht zuletzt von der unglaublichen Stille des Ortes, die jegliche Erinnerung an die Grausamkeit der dort Begrabenen auslöscht.Wann immer ich Marrakesch besuche, kommen mir die sagenhaften Geschichten ins Gedächtnis, und niemals reise ich dorthin ohne das wundervolle Buch Elias Canettis "Die Stimmen von Marrakesch", das ich nicht müde werde, immer wieder zu lesen. Es ist, als hätte der Autor begriffen, daß hier in Marrakesch das Reale, die Wirklichkeit zum Mythos werden kann und die Realität als ein Produkt der Einbildungskraft erscheint.Ich komme von Tanger via Casablanca auf dem Flughafen "Al-Manara" in Marrakesch an. Der Taxichauffeur, ein Mann mit dunklem Teint von etwa 35 Jahren, erklärt mir, daß das Klima in diesem Sommer, wo normalerweise Temperaturen von über 45 Grad herrschen, ausgesprochen angenehm sei besonders nachts. "Es ist wie am Meer", sagt er. Das erste Monument, das ich erkenne, als wir uns der Stadt nähern, ist das berühmte Minarett der "Koutoubia". Nach der Legende leuchten an der Spitze dieses Minaretts drei kostbare Kugeln, die aus dem Schmuck der schönen Zeineb, der Ehefrau des Yusuf Ibn Taschfine, stammen. Nach der gleichen Legende sollen drei mächtige Dschinnen Tag und Nacht über dem Schmuck ihrer treuen Freundin, der Fürstin, wachen. Am Fuß der Koutoubia ruhen seit dem 15. Jahrhundert die sterblichen Überreste von Lalla Zohra Bint el-Quouch, Tochter des religiösen Führers einer angesehenen Bruderschaft, der angeblich die Kraft hat, sich tagsüber in einen furchterregenden Falken zu verwandeln. Bis heute besuchen unfruchtbare Frauen das Grab von Lalla Zohra, um ihre Fürsprache zu erbitten.Ich bringe mein Gepäck ins Hotel und eile zum berühmten Platz Jamaa El-Fna. Dank der Bemühungen des großen spanischen Schriftstellers Juan Goytisolo hat die Unesco beschlossen, diesen Platz unter ihre Schirmherrschaft zu stellen zur großen Freude seiner marokkanischen und ausländischen Freunde, denn alle Plätze in den alten Städten der arabischen Welt, die eine ähnliche Anziehungskraft hatten, sind mittlerweile verschwunden. Aus Furcht vor Kritik und Agitation haben sich die autoritären arabischen Regime unmittelbar nach ihrer Machtübernahme beeilt, diese öffentlichen Plätze zu beseitigen, auf denen das Volk früher seiner Phantasie und seiner Zunge freien Lauf ließ. Heute sind diese Plätze nur noch triste, leere Räume, bewacht von bis zu den Zähnen bewaffneten Soldaten. Ihre einzige "Zier" ist ein häßliches Monument zum Ruhme des "glorreichen Führers". Die Geschichte hat es bewiesen, daß das wichtigste Ziel der Tyrannen ist, alles in Besitz zu nehmen selbst das Volk, das sie regieren, und das Territorium, über das sie herrschen.Doch warum hat man diesen während des ganzen Jahres bei Tag und bei Nacht so heiteren Platz ausgerechnet den "Platz des Todes" genannt? (El-Fna bedeutet auf Arabisch "Tod".) Manche sagen, man habe ihm diesen Namen gegeben, weil in gewissen Perioden der Geschichte von Marrakesch dort die Hinrichtungen von Verbrechern und Oppositionellen stattgefunden haben. Das könnte wahr sein. Doch eingedenk des mythischen Charakters aller Dinge lassen wir die historischen Fakten auf sich beruhen, um zu entdecken, daß diese Bezeichnung durchaus mit einer makabren Wahrheit übereinstimmt: Ist der Tod letzten Endes nicht das Ende allen Seins der Menschen wie der Dinge, der Zivilisationen und großen Reiche, der Tyrannen wie der einfachen Menschen? Es ist, als wolle der Platz seine Besucher, die dort Vergnügen und Heiterkeit suchen, an die ständige Gegenwart des Todes erinnern, der ihnen überall auflauert.Vom ersten Augenblick an fällt mir auf, daß sich der Platz kaum verändert hat, seitdem ich ihn im Sommer 1981 zum ersten Mal betrat. Unter der sengenden August-Sonne ähnelt der Platz einem stürmisch wogenden Meer. Die alten Handleserinnen mit den tätowierten Gesichtern schützen sich mit Schirmen vor der Sonne und fixieren aufmerksam die Gesichter der Vorübergehenden auf der Suche nach einer Beute. Die Schlangenbändiger pfeifen auf ihrer Flöte und schlagen das Tamburin, während sich die Schlangen hoch aufrichten und im Rhythmus der Musik anfangen zu tanzen. In der Mitte einer "Halqa" (Gruppe von Gauklern und Künstlern), die hauptsächlich aus Kindern und Jugendlichen besteht, feuern drei magere Männer in Badehosen zwei etwa zwölfjährige Jungen zu einem Boxkampf an. Die beiden Jungen mit ihren von Müdigkeit und Hunger gezeichneten Gesichtern versuchen, die Bewegungen und Gesten der Profi-Boxer nachzuahmen. Jedes Mal, wenn einer der beiden einen Treffer im Gesicht seines Gegners landen kann, bricht seine "Halqa" in laute Schreie und Beifallsrufe aus.Ein klapperdürrer Greis schwenkt eine Plastikflasche mit Mineralwasser der Marke "Sidi Hrazem" und preist die Wunderwirkung des Wassers auf die männliche Potenz. Nebenan hocken ein paar Zauberkünstler zwischen riesigen Büscheln von Bergkräutern und wohlriechenden Flacons. Zwischen vergilbten Büchern mit wundervollen Kalligraphien drängeln sich die Wasserverkäufer mit ihren merkwürdigen roten Kostümen, den breiten Strohhüten und ihren bimmelnden Glocken. An jeder Ecke leiert ein Wahrsager Verse aus dem Koran herunter, in denen die Schrecken der Hölle und der Apokalypse beschrieben sind. Ihre Stimmen vermischen sich mit denen der Märchenerzähler, deren endlose Geschichten klingen wie aus Tausendundeiner Nacht Alles ist hier erlaubt. Am äußersten westlichen Punkt dieses riesigen arabisch-muslimischen Gebietes, das sich vom Golf bis an den Atlantik ausdehnt, scheint dieses kleine Stückchen Erde der Platz Jamaa El-Fna der einzige Ort zu sein, der keine Zensur und keine Verbote kennt. Auf diesem Platz konnte sich die reiche mündliche Literatur, die sich in den Jahrhunderten der Dekadenz bis hinein ins zwanzigste Jahrhundert entfaltet hatte, in ihrer ganzen Frische und Authentizität wie nirgendwo anders auf der Welt erhalten.Plötzlich, inmitten der Gesänge, des Glokkengebimmels, der seltsamen Erzählungen, Gebete und Vorhersagen der Handleser und Zauberer inmitten dieser heiteren Menge tritt plötzlich das makabre Gespenst des Todes auf. Mit großer Trauer und Tränen in den Augen erzählen die Alten unter den Einheimischen von den berühmten Meistern der "Halqa" Erzählern, Zauberkünstlern und Jongleuren , die verstorben sind, jedoch im kollektiven Gedächtnis weiterleben. Einer von ihnen war "Al-Bargouth" der "Floh". Mit seinem dicken Bauch, seiner Chechia, an der eine lange Quaste herunterhing, sah er aus wie ein Sklave aus dem Palast des Sultans, und seine ehemaligen Bewunderer behaupten, er hätte es fertiggebracht, mit seinen gepfefferten Witzen und seinen grotesken Einfällen "die Toten zum Lachen zu bringen".Dann war da noch Abdeslam, der als junger Mann barfuß die Wüste durchquert hatte. Erst mit fünfzehn Jahren habe er ein paar Sandalen bekommen. Im gleichen Alter sei er in eine "Zawiya" eines der Wehrklöster der islamischen Bruderschaften aufgenommen worden, wo er so lange blieb, bis er den Koran auswendig gelernt und zum Faqih, zum Rechtsgelehrten ernannt worden sei. Doch dies hat ihn nicht vor der Armut gerettet. Eines Tages, so erzählt man sich, kam ihm eine Idee während er Koranverse rezitierte und ihm keiner zuhörte. Da er kräftig wie ein Riese war, schnappte er einen Esel und hob ihn auf seine Schulter. Im Nu war eine große Menge um ihn versammelt. Daraufhin setzte Abdeslam den Esel wieder auf die Erde und wandte sich mit folgenden Worten an die Gaffer: "Als ich euch die Worte Gottes vortrug, da wart ihr blind und taub. Und nun habt ihr dank dieses Esels wieder sehen und hören gelernt. Was für Leute seid ihr eigentlich seid ihr Menschen oder Tiere?" Seither war Abdeslam in Marrakesch berühmt, und seine Halqa gehörte bis zu seinem Tod zu den meistbesuchten der Jamaa El-Fna.Dann zog es mich an diesem Vormittag noch in die Mellah, in das alte jüdische Viertel. Abends zuvor hatte mir ein Freund aus Marrakesch gesagt, "es ist überflüssig dorthin zu gehen, du triffst dort nur noch Taschendiebe an. Die Juden haben alle das Viertel verlassen und diejenigen, die noch in Marrakesch sind, wohnen jetzt in Geliz, dem schikken Viertel der Reichen." Nachdem ich dickköpfig darauf bestand, die Mellah aufzusuchen, sagte er nur noch: "Na gut, geh hin, aber du kannst sicher sein, daß du dort eine große Enttäuschung erleben wirst!"Er hatte recht. Während ich eine Stunde lang durch die alten Gassen ging, fand ich nur ein paar verblaßte Bilder, die an das einstige Leben des Viertels erinnerten, das heute von Menschen bewohnt ist, die der Hunger und die Dürre von ihrem Land vertrieben haben. In jeder Straße Haufen von Abfällen, tote Katzen, hinkende oder blinde Bettler. In den finsteren Winkeln der Gassen lauern die Taschendiebe den Touristen auf, die nach wie vor in die Mellah kommen, um die Synagoge oder den alten jüdischen Friedhof zu besuchen. Der Gestank ist unerträglich. Staub, Beklemmung und Müdigkeit lasten auf den Menschen wie auf den Dingen. Ich verließ die Mellah ohne Bedauern und schlenderte durch die stillen Gassen. Vor einem jener alten, zerfallenen Häuser, wo Elias Canetti einst eine junge Frau beobachtete, die hinter den Gittern ihres Fensters mit süßer, wohlklingender Stimme vor sich hinsang vor einem dieser Häuser blieb ich lange stehen. Ich blickte hinauf zu den Fenstern als könnte hinter ihren Gittern jeden Moment diese schöne Frau auftauchen, die ganz in ihrem zauberhaften Gesang versunken war. Doch über der Gasse lag eine bedrückende Stille als wäre sie unbewohnt. Plötzlich öffnete sich eine braune Tür, und ein etwa vierzehnjähriges Mädchen von wilder Schönheit trat heraus. Sie blieb stehen und fixierte mich mit aufreizenden Blicken. Dann verschwand sie wieder hinter der braunen Tür. Als ich die Gasse verließ, hatte ich plötzlich das Gefühl, daß dieses junge Mädchen nichts anderes als der ruhelose Geist jener hinter Gittern gefangenen jungen Frau sei.Am Abend vor meiner Abreise kehrte ich am späten Nachmittag nochmals zum Platz Jamaa El-Fna zurück, zu jener Stunde also, da das Menschengewühl, der Lärm und das Geschrei der Artisten aller Art ihren Höhepunkt erreichen. Zwei alte Berber, in sauberer, weißer Dschellaba und mit einem turbanähnlichen Gebilde auf dem Kopf, sangen und tanzten, klatschten in die Hände und stampfen mit ihren gelben Schuhen auf die Erde. Einer von ihnen unterbrach seinen Gesang hin und wieder mit lauten Yu-Yu-Rufen, wobei er die Hüften schwenkte wie eine junge Tänzerin von zwanzig Jahren! Ich blieb dort bis zum Sonnenuntergang. Nie zuvor in meinem Leben hatte ich eine derartige Verhöhnung des Alters und des Todes erlebt wie die der greisen Berber, die ungeachtet ihrer kahlen Köpfe und ihrer vom Alter deformierten Körper - tanzten und sangen als wären sie unsterblich wie die Götter.Übersetzt von Erdmute Heller

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