In Martin Scorseses Filmen haben die Songs der Rolling Stones oft eine wichtige Rolle gespielt. Jetzt eröffnet er mit "Shine a Light" die Berlinale: Nur einen Schuss entfernt

BERLIN. Martin Scorsese und die Rolling Stones - auf den flüchtigen Blick ist es eine mathematische Konstellation. Wenn der momentan größte Regisseur der Welt die allzeit "Greatest Rock'n'Roll Band in the World" trifft, muss das nach den Regeln der Rechenkunst zu einem Resultat von doppelter Großartigkeit führen. So gesehen hat Festivaldirektor Dieter Kosslick für die Eröffnung der 58. Filmfestspiele in Berlin eine perfekte Wahl getroffen, zumal der Regisseur und seine Hauptdarsteller zur Weltpremiere ihres Films "Shine a Light" am Donnerstag persönlich im Berlinale-Palast erwartet werden. Scorsese mit Mick Jagger, Keith Richards, Charlie Watts und Ron Wood auf dem roten Teppich, das verspricht ein spezieller Fall von Glamourösität zu werden."Shine a Light" dokumentiert ein Gastspiel der Rolling Stones, das sie im Herbst 2006 an zwei Abenden im Beacon Theatre von New York gegeben haben, einem alten Kinopalast. Da der Film bis zuletzt geheim gehalten wurde, lässt sich über ihn noch nichts Gültiges sagen.Martin Scorsese und die Rolling Stones - in Wirklichkeit ist es eine Passion. Ohne die Musik der Stones hätte Scorsese manche seiner Filme nicht so inszeniert, wie wir sie heute kennen. Er hört die Stones beim Durchsehen eines Drehbuches; er hört sie am Set, manchmal lässt er sogar die Szene laut beschallen, um eine gewünschte Stimmung zu kreieren; er hört sie im Schneideraum, wo der Rhythmus eines Films entsteht; immer hört er die Stones, sie sind der Soundtrack seines Lebens und somit seiner Filme. Insbesondere die Mafia-Trilogie - bestehend aus "Mean Streets", "Good Fellas" und "Casino" - wäre ohne die Songs der Rolling Stones unvorstellbar.Genauso ist es bei "Departed", Scorseses bislang letztem Spielfilm, für den er im vorigen Jahr endlich den Oscar als Regisseur gewann.Im Vorspann sind verwischte Bilder zu sehen, Arbeiter, Schläger, Straßenkämpfer. Das ist Boston. Ein ruhige Stimme sagt beunruhigende Sätze: "Ich will kein Produkt meiner Umwelt sein, ich will, dass meine Umwelt ein Produkt von mir ist."Das ist der Pate Francis Costello, gespielt von Jack Nicholson. Bevor nun die Kamera mit einem grandiosen Schwenk in einen Kramladen hineinfährt, setzt die Musik ein, zunächst ist nur ein Vibrieren zu spüren, unterschwellig und nervös. Das ist eine elektrische Gitarre, gespielt von Keith Richards. Am Tresen sitzt ein kleiner Junge, ängstlich blickt er zu Nicholson auf. Der grinst nur und sagt: "Niemand gibt dir etwas, du musst es dir nehmen."In diesem Moment beginnt ein Mann zu singen: "Uuhu, a storm is threatning, my very life today.".Das ist das Schicksal, gespielt von Mick Jagger. Ein furchtbarer Sturm zieht herauf. Wenn ich niemanden finden kann, der mich beschützt, werde ich vor die Hunde gehen."If I don't get some shelter, yeah, I'm gonna fade away."Der Song heißt "Gimme Shelter". Er liefert Scorsese nicht nur in dem Gangsterfilm "Departed" das sakrale Leitmotiv, der Regisseur setzt ihn nach "Good Fellas" und "Casino" hier bereits zum dritten Mal ein. Es sieht so aus, als käme er von diesem Bedrohungsbild nicht los, und nicht von dem Ruf nach Erbarmen: Herr, behüte mich! Gimme Shelter.Scorsese ist von diesem Song besessen, seit er ihn vor vierzig Jahren zum ersten Mal gehört hat. Der Refrain hämmert in seinem Kopf: "War it's just a shot away, love it's just a kiss away". Krieg ist nur einen Schuss entfernt; Liebe ist nur einen Kuss entfernt. Das ist es, was ihn nicht mehr loslässt. In diesem Song, dem ersten Stück auf dem 1969er Album "Let It Bleed", kann Martin Scorsese all die Filme sehen, die er noch drehen wird.Die Rolling Stones spielen Ende November 1969 zwei Konzerte im Madison Square Garden von New York. Scorsese, damals 27 Jahre alt und seit kurzem diplomierter Regisseur, erlebt sie zum ersten Mal live. Die Stones sind in Hochform, wie in Filmaufnahmen zu sehen ist. Mick Jagger gockelt über die Bühne. Keith Richards hat in dem neu nominierten Gitarristen Mick Taylor seinen jungen Bluesbruder gefunden. Sie bringen Songs, die zu dieser Zeit brandneu sind: "Honky Tonk Women", "Love In Vain" "Live With Me" "Midnight Rambler". Für Scorsese muss es die Offenbarung sein.Aufgewachsen im New Yorker Viertel Little Italy, wo die Familien unter sich blieben, hatte ihm der Rock'n'Roll die Welt geöffnet. "Ich hörte ununterbrochen Radio und kaufte alle Platten", erinnert er sich an seine frühe Jugend, die er wegen einer Asthmaerkrankung zu oft zu Hause verbringen musste. Neben der Musik boten Ausflüge ins Kino und in die Kirche die einzige Abwechslung. Später, als er dann doch nicht Priester wurde wie gedacht, sondern Regisseur, hatte er eines Tages sein Erweckungserlebnis."Ich erinnere mich noch, wie ich in meinem Volkswagen saß, Radio hörte und plötzlich ,Satisfaction' kam", sagt Scorsese in einem Interview. "Jaggers Stimme und die Riffs von Keith Richards hatten so viel autoritäre Kraft. Das wurde sofort ein Teil meiner DNS und meines Gehirns." Und wie seine sizilianischen Großeltern bis an das Ende ihrer Tage mit der italienischen Oper gelebt hatten, lebt Scorsese von nun an mit den Stones.Das Konzert im Square Garden besucht Scorsese nicht als Regisseur, sondern als Fan. Aber ein Kamerateam ist vor Ort. Die Shows werden von dem Dokumentaristen Albert Maysles gefilmt. Er ist von den Stones beauftragt worden, ihre USA-Tour zu begleiten. Wenn der Filmemacher Scorsese von den Stones besessen ist, so sind es die Stones vom Filmemachen. Von keiner zweiten Band gibt so viel Bildmaterial. Darunter Konzertmitschnitte, gedreht nicht nur von Mietpersonal, sondern zum Beispiel von dem Hollywood-Regisseur Hal Ashby. Aber auch Dokumentationen, wie jene, die 1968 in Paris mit Jean-Luc Godard bei der Session für "Sympathy For The Devil" entstanden ist.Höhepunkt des amerikanischen Stones-Films soll ein freies Konzert auf der Rennbahn von Altamont in Kalifornien sein. Was als Happening gedacht ist, endet in der Tragödie. Vor der Bühne wird ein Mann erstochen. Nach ihrem Konzert fliehen die Stones mit dem Helikopter. Im Kino wirkt die Szene am Schluss wie eine Reflexion auf Vietnam. Der Film heißt: "Gimme Shelter".Scorsese hatte in jenem Jahr seine Erfahrung mit einem ganz anderen Konzertfilm gemacht. Er war als Schnitt-Assistent in Woodstock dabei, wo sich die Generation Hippie ein liebevolles Stelldichein gab. Die Hölle von Altamont hätte besser in sein Bild von der Welt gepasst.Es braucht eben manchmal seine Zeit, bis die richtigen Leute sich finden. Albert Maysles, heute über achtzig, arbeitete für "Shine a Light" hinter den Kulissen. Mit seinem eigenen kleinen Team beobachtete er Scorsese dabei, wie er die Rolling Stones beobachtet.Martin Scorseses erster Spielfilm, der in Atmosphäre und Geist auf den Stones basiert, ist "Mean Streets" von 1973. "All meine Inspiration für den Film zog ich aus ihrer Musik", sagte der Regisseur kürzlich in einem Interview. "Ich hörte ihre Musik und fand die Szenen für meine Figuren." Das Eröffnungskapitel von "Mean Streets", einer Gangstergeschichte aus dem italienischen Ghetto von New York, beschäftigt Filmstudenten bis heute.Wir folgen einem jungen Mann in die Kirche: Charlie, gespielt von Harvey Keitel, hält Zwiesprache mit seinem Gott. Es geht um Sünden und um Buße. "Ja, und alles ist beschissen, bis auf die Qual, stimmt's? Die Höllenqualen, eine Streichholzflamme, millionenfach verstärkt; unendlich..." Bedrückt sieht Charlie noch einmal zum Kreuz empor, dann wechselt der Film abrupt den Schauplatz. Ein Raum, rot ausgeleuchtet. Die Kamera fährt eine Bar entlang. Alle Bewegungen und Geräusche sind verlangsamt. Der Blick fällt auf einen nackten Frauenkörper. Mick Jagger ergreift das Wort: "I want you back again." Willkommen im Fegefeuer. Charlie hadert noch ein bisschen - "Okay, in Ordnung, vielen Dank, Herr" - dann zieht er sein Jackett aus und springt zu den Stripperinnen auf die Bühne. In dieser Sekunde explodiert das Riff zu "Jumpin' Jack Flash".Die Produktion hatte seinerzeit 30 000 Dollar für die Rechte an den Songs "Tell Me" und "Jumpin' Jack Flash" bezahlen müssen. Eigentlich wollte Scorsese auch noch "The Last Time" einsetzen, aber dafür reichte das Geld nicht. Sein gesamtes Budget betrug nur 300 000 Dollar.Im Grunde ist jeder seiner Filme ein Musikfilm, aber 1976 ist es soweit, dass Martin Scorsese seinen ersten Musikfilm dreht, der nur von Musik handelt. Wobei man das wiederum gar nicht so sagen kann, da "The Last Waltz" auch von Freundschaften erzählt, von Loyalität, Vertrauen, Hingabe. "Hier geht es um mehr als um den Abschied von einer Band", schreibt der Filmhistoriker Georg Seeßlen, "hier geht es um den Abschied einer Generation und einer Kultur."Beim letzten Konzert der amerikanischen Gruppe The Band versammelten sich im Herbst 1976 einige der stilprägenden Musiker dieser Epoche im Winterland-Ballhaus in San Francisco. Eric Clapton war dabei, Neil Young, Joni Mitchell, Van Morrisson, Bob Dylan - und als Solist Ron Wood, in jenen Tagen der Neue bei den Rolling Stones.Martin Scorsese bereitete sich mit der für ihn typischen Manie auf seinen Job vor. Eigentlich sollte er ja nur das Konzert mitfilmen. Er engagierte gleich sechs Kameramänner, darunter Michael Chapman, mit dem er zuvor bei "Taxi Driver" zusammen gearbeitet hatte. Er ließ die Bühne von einem Hollywood-Designer gestalten. Er zeichnete so genannte Storyboards, auf denen er zu einzelnen Songs Szenen imaginierte. Er schrieb ein 200-seitiges Drehbuch, in dem jede Kameraeinstellung und jegliche Form von Beleuchtung festgehalten waren.Nach einem Jahr im Schneideraum kam der Film 1978 dann endlich ins Kino. Bei Umfragen nach dem besten Musikfilm aller Zeiten, landet "The Last Waltz" regelmäßig auf dem ersten Platz.Etliche der Musiker, die Scorsese beim letzten Walzer mit The Band kennengelernt hat, sind von nun an in seinen Filmen zu hören. Robbie Robertson komponiert den Soundtrack zu "Raging Bull", Eric Clapton spielt den Titelsong zu "The Colour Of Money", Joni Mitchell singt in "After Hours".Er fühlt sich aber nicht nur der Erbeverwaltung verpflichtet. 1987 inszeniert Martin Scorsese ein Musikvideo für Michael Jacksons Single "Bad". Interessanterweise spielen in dem Kurzfilm seine Eltern mit.Die Rolling Stones kreuzen dann wieder in "Good Fellas" die Wege des Regisseurs. In diesem Mafia-Epos, das sich über ein Vierteljahrhundert erstreckt, gibt es eine Szene, in der sich die Hauptfigur anschickt, ein Baby für den Drogenschmuggel zu präparieren. Dieser Henry Hill, verkörpert von Ray Liotta, bereitet also seine Tütchen mit Kokain vor, und Mick Jagger singt dazu: "I'm a fleabit peanut monkey. All my friends are junkies." Ich bin ein flohstichiger Affe, meine Kumpels sind Junkies.So präzise arbeitet Scorsese mit Musik. Der Stones-Song "Monkey Man" ist nicht nur Hintergrundmusik, er liefert einen Kommentar zu der Szene. "Oft wird heutzutage in Filmen Musik lediglich eingesetzt, um eine Zeit und einen Ort zu etablieren", sagt Martin Scorsese. "Ich halte das für bequem."Dass es sich der Regisseur Scorsese bei der Filmarbeit in irgendeiner Weise bequem macht, kann man nun wirklich nicht behaupten.Sein Soundtrack zu "Casino", einer weiteren Mafia-Oper, umfasst knapp sechzig Songs. Da kann man sich gut vorstellen, dass die Montage bei ihm mitunter Jahre dauert. "Can't you here me knocking", einer von sechs Stones-Songs in diesem Film, die er sich jetzt alle leisten kann, war Scorsese der Schlüssel für seine Geschichte eines Glücksspielbetriebs in Las Vegas. Er lässt das in Improvisationen ausufernde Stück in voller Länge laufen und schneidet seine Bilder vom unaufhaltsamen Aufstieg des Verbrechers Nick zum Rhythmus der Musik.Und wenn zum Ende das ganze System zusammenbricht und im Blitzlichtgewitter die Leichen gezählt werden, ist dann wieder diese blutrote Gitarre zu hören und diese Stimme, die da barmt: "Just a shot away". Da ist es wieder, jenes Gebet seines Lebens: "Gimme Shelter".Als Martin Scorsese seinen Film "Shine a Light" vorbereitet, glaubt er noch, dass er sich von den Stones etwas wünschen darf. Eine solche Chance bekommt man nur einmal im Leben. Doch letztlich ist es Mick Jagger allein, der entscheidet, was im Beacon Theatre gespielt wird. "Gimme Shelter" ist nicht dabei.------------------------------"Es geht mir in dem Film nicht um die Musik der Sechziger oder Siebziger. Es geht um die Rolling Stones von heute. Wie sie auf der Bühne zusammen spielen und miteinander umgehen." Martin Scorsese über "Shine a Light"------------------------------Foto: Der Regisseur Martin Scorsese (M.) mit den Rolling Stones: Keith Richards, Charlie Watts, Mick Jagger und Ron Wood (v. l.).