STRALSUND, im Juni. In den alten Wallanlagen der vorpommerschen Hansestadt, am Fuße des Ferdinand-von-Schill-Denkmals, stehen Matthias Meier und Axel Möller und reden von einer "nationalen Erhebung". Meier und Möller, die Kreisvorsitzenden der rechtsextremen NPD in Stralsund, haben den preußischen Offizier für sich entdeckt. 1809 wurde er von französischen Soldaten im Straßenkampf erschossen. Einen Narren nannten ihn Zeitgenossen, weil von Schill eigenmächtig einen sinnlosen Aufstand gegen Napoleon angezettelt hatte. Erst Jahre später galt er in Preußen als Held. Die Nationalsozialisten stilisierten ihn dann zum deutschen Patrioten, der in aussichtsloser Situation zum Heldentod bereitet war. Für die Geschichtsschreibung der DDR schließlich war Schill Vorkämpfer einer revolutionären Volksbewegung.Und heute also muß Ferdinand von Schill als Leitstern für die etwa 25 NPD-Mitglieder in Stralsund herhalten. Ein "Vorbild" sei von Schill gewesen, sagt Axel Möller, "ein Vorkämpfer gegen Fremdherrschaft und Unterdrückung". Auch Möller und Matthias Meier fühlen sich dazu berufen, und so ziehen sie durch Stralsund, fordern mit Flugblättern "Arbeitsplätze zuerst für Deutsche", organisieren Aufmärsche und diskutieren auf Kameradschaftsabenden über "raumorientierte Volkswirtschaft". Als Nahziel ihrer "nationalen Erhebung" haben sie die Landtagswahlen im Herbst ausgemacht. Keine AbsprachenSeit die rechte Konkurrenz von der DVU in Sachsen-Anhalt in den Landtag eingezogen ist, verkündet auch die NPD: "Wahltag ist nationaler Protesttag." Und manches spricht dafür, daß sich bei den Landtagswahlen am 27. September in Mecklenburg-Vorpommern der Trend von Sachsen-Anhalt fortsetzen könnte. In einer Meinungsumfrage gaben kürzlich acht Prozent der Befragten im nördlichsten der neuen Bundesländer an, bei den Landtagswahlen eine rechtsextreme Partei wählen zu wollen. Weitere acht Prozent wollten dies nicht völlig ausschließen. Innerhalb von nur zwei Jahren hat der Landesverband der NPD die Zahl seiner Mitglieder von 50 auf etwa 200 vervierfacht. Die Republikaner hingegen spielen hier keine Rolle. Die DVU, die nach Angaben des Verfassungsschutzes in Mecklenburg-Vorpommern bislang lediglich 70 Mitglieder zählte, ist außerhalb der Städte Wismar, Rostock und Greifswald bislang noch nicht in Erscheinung getreten. Doch das wird sich schon bald ändern, da die DVU ihren Magdeburger Erfolg hier wiederholen will.Wahlabsprachen zwischen DVU und NPD wird es in Mecklenburg-Vorpommern nicht geben. Zwar haben sich die Bundesvorsitzenden von DVU und NPD, Gerhard Frey und Udo Voigt, kürzlich getroffen, um über die "Aufteilung des Ostens" zu sprechen. Doch das Gespräch soll in eisiger Atmosphäre stattgefunden haben, berichtet ein Voigt-Vertrauter.Seit die DVU die NPD in den achtziger Jahren durch eine Kooperation beinahe in die Pleite getrieben hat, ist das Verhältnis zerrüttet. "Wir treten an", verkündet denn auch der amtierende NPD-Landeschef Hans Günter Eisenecker. Und so ist in Mecklenburg-Vorpommern zwischen der DVU und der NPD ein Kampf um die Vorherrschaft im rechtsextremistischen und neonazistischen Lager entbrannt. Um die Wählerstimmen konkurrieren in beiden Parteien vor allem Politamateure. Die sich inzwischen offen neo-nationalsozialistisch gebende NPD hat längst noch nicht genügend Personal, um die Parteiarbeit im Lande flächendeckend zu organisieren. Und die DVU ist auch in Mecklenburg-Vorpommern eine zentralistisch geführte Phantompartei, deren Vetreter sich auf Anweisung Gerhard Freys systematisch der Öffentlichkeit entziehen. Landesvorsitzender der DVU ist Birger Fust. Der 27jährige arbeitslose Metzger ist in Güstrow in einem DDR-typischen Neubauviertel zu Hause. Zu sprechen ist er für die Presse nicht. "Ich gebe keine Interviews es gibt nichts zu sagen". Eine Wahlprognose will er dann aber doch abgeben. So schätzt er die DVU auf zehn Prozent, bevor er die Wohnungstür wieder schließt. Ehemalige politische Mitstreiter spotten gerne, Fust sei kaum in der Lage einen vollständigen Satz vom Blatt abzulesen. Rekrutierung bei Bier und KornAuch Jupp Fink will nicht reden. Der Gastwirt ist eine Art Mentor der Greifswalder DVU. Seine Kneipenschiff im Hafen ist ein beliebter Treffpunkt von Skinheads und Neonazis. Bei Bier und Korn rekrutiert die Partei hier ihre Mitglieder, am Mast kleben zahlreiche DVU-Aufkleber. Fink steht hinter dem Tresen und sagt nur: "Ich schieße lieber aus der zweiten Reihe." Dann wendet er sich ab. Die DVU ist in diesen Tagen sehr bemüht, ihre dünne Basis in Mecklenburg-Vorpommern ein wenig zu stärken. Mehrere NPD-Mitglieder hat sie bereits abgeworben. Systematisch versucht die DVU auch Mitglieder der inzwischen zerfallenen Wendepartei DSU zu gewinnen. Der letzte DSU-Landesvorsitzende, Peter Bohnsack, ist bereits übergelaufen. "Endlich gibt es rechts von der CDU wieder eine Partei", jubelt Bohnsack, auch die Botschaft der DVU kann er bereits aufsagen: "Die Politik braucht einen Denkzettel". Als Mitgift will Bohnsack der DVU die vollständige Mitgliederkartei zur Verfügung stellen. Über 40 DSU-Mitglieder, sagt Bohnsack, hätten mittlerweile in der DVU einen Aufnahmeantrag gestellt.Die DVU habe in Mecklenburg-Vorpommern inzwischen über 300 Mitglieder, verkündet Olaf Herrmann gerne. Der angehende Student der Politikwissenschaft aus Berlin ist Pressesprecher der Partei in Mecklenburg-Vorpommern und Wahlkampfbeauftragter. Derzeit reist er auf Kosten der Münchener DVU-Zentrale durchs Land, koordiniert den Aufbau des Landesverbandes und wählt die Kandidaten für die Landesliste aus.Aber auch der Pressesprecher ist kein Mann vieler Worte. "Ich habe überhaupt keine Zeit" sagt Herrmann, genaueres könne er erst in vierzehn Tagen sagen. Ein Programm habe der Landesverband noch nicht, sagt Herrmann ein, "das wird noch diskutiert". Der Landesparteitag, auf dem die Landtagskandidaten nominiert werden, soll irgendwann Ende Juli oder Anfang August stattfinden, irgendwo in Mecklenburg-Vorpommern. Im Herbst sollen dann wieder flächendeckend populistische und ausländerfeindliche Großplakate Stimmung für die Partei machen. Zwei Millionen Mark will Frey dem Vernehmen nach in den Wahlkampf investieren. Da kann die NPD nicht mithalten. Und so sagt ihr Landesvorsitzender Hans Günter Eisenecker: "Wir planen langfristig". Der 47jährige Rechtsanwalt stammt aus Hamburg, nach der Wende ist er nach Mecklenburg gezogen und baut dort nun den Landesverband auf. "Die DVU ist doch nur eine rechte CDU", räsoniert Eisenecker, "wir hingegen sind eine "nationale Weltanschauungspartei". Was ihn allerdings nicht davon abhält, den Wahlkampf der DVU zu kopieren. Auch bei der PDS bedient sich die NPD. "Wir sind die echte Opposition" soll es im Wahlkampf auf NPD-Plakaten heißen, selbst an die "positiven Errungenschaften des DDR-Sozialismus" will Eisenecker anknüpfen. Weil der NPD-Vorsitzende aber ahnt, daß seine Partei bei den Landtagswahlen gegen die millionen-schwere DVU-Konkurrenz den kürzeren ziehen wird, spricht er bereits von den nächsten Kommunalwahlen. Sie sollen der NPD in ihren Hochburgen zum Durchbruch verhelfen. Dann habe es Frey schwer, glaubt der NPD-Chef, "dann muß er Basis und Bürgernähe bieten". Verankert in der JugendszeneIn der rechtsextremen jugendlichen Subkultur Mecklenburg-Vorpommerns und unter militanten Skinheads ist die NPD inzwischen fest verankert. Offen arbeitet die Partei mit militanten Skinheads und den in sogenannten "freien Kameradschaften organisierten Mitgliedern verbotener NS-Organisationen zusammen. In Ludwigslust etwa beteiligten sich vor einigen Monaten 150 Neonazis an einem Rudolf-Heß-Gedenkmarsch, in Stralsund nahmen etwa 200 NPD-Anhänger an einer "Anti-Antifa"-Demonstration teil. In Neustrelitz kamen kürzlich genau 254 Kameraden zu einem NPD-Aufmarsch. "Das war einfach zu zählen", erklärt Steffen Reichow stolz, schließlich sei man in Viererreihen marschiert. Seit Februar ist der 21jährige arbeitslose Maurer Kreisvorsitzender der NPD in Neustrelitz, und weil die Personaldecke noch dünn ist, stieg er gleichzeitig zum Landesorganisationsleiter auf.Doch anders als in Stralsund sind die NPD-Strukturen in Neustrelitz noch brüchig. Zum Kameradschafts-Nachmittag trifft sich die Partei sonntags im Cafe "La Baguette". Steffen Reichow hat sich dafür ganz besonders gekleidet. Das weiße Hemd zieren an den Schultern zwei schwarz-weiß-rote Aufnäher, die Gürtelschnalle ein Hakenkreuz. Die Rolle des Gruppenführers spielt er allerdings wenig überzeugend. Er spricht zu schnell, seine Hände zittern. Auch der eigens angereiste Referent, der über den "Verrat an der D-Mark" und "Scheinasylanten" doziert, stößt auf wenig Interesse. Statt der erwarteten 25 Kameraden sind nur neun gekommen. An diesem Nachmittag fällt die "nationale Erhebung" aus.