Das Amtsgericht Meiningen hat am Mittwoch sein Urteil in einem bemerkenswerten Stasi-Fall gefällt: Alfred Recknagel, einst Oberstleutnant im Armeesportklub (ASK) Oberhof und Inoffizieller Mitarbeiter (IM) des Ministeriums für Staatssicherheit, wurde wegen Prozeßbetrugs zu einer Geldstrafe von 3 600 Mark verurteilt. Recknagel hatte in den achtziger Jahren den ehemaligen Bob-Weltmeister Steffen Grummt bespitzelt, dies allerdings vor Gericht kategorisch bestritten.Recknagel war von Grummt im Oktober 1993 in einer Illustrierten als IM "Eberhard Wiese" enttarnt worden. In seiner von der Gauck-Behörde ausgegebenen Opferakte konnte Grummt die Namen von weiteren acht der siebzehn auf ihn angesetzten Spitzel identifizieren. Deren Stasi-Berichte hatten dazu geführt, daß Weltmeister Grummt im Februar 1987 seine sportliche Karriere beenden mußte.Nach der Enttarnung durch Steffen Grummt hatte Recknagel, bestärkt durch alte Seilschaften im Wintersportzentrum Oberhof, gegen sein früheres Opfer auf Widerruf und Unterlassung seiner Behauptungen geklagt. Recknagel verlangte von dem einst gedemütigten Grummt 10 000 Mark Schmerzensgeld zuzüglich vier Prozent Zinsen. Im folgenden Zivilverfahren bestritt Recknagel am 26. Oktober 1995 vor dem Landgericht Meiningen seine Stasi-Tätigkeit: "Herr Richter, beim Leben meiner Enkelkinder, Herr Grummt kann mir mit der Axt die Füße abhacken, ich war kein IM. Man hat mir ein Kuckucksei ins Nest gelegt."Recknagel war noch durch die regionale Tageszeitung "Freies Wort" (Suhl) unterstützt worden, die die Tatsachen ebenfalls mehrfach auf den Kopf stellte und sich dafür öffentlich bei Grummt entschuldigen mußte. Denn dieser hatte den Spieß umgedreht und Recknagel, einst Kaderoffizier im ASK Oberhof, bei der Staatsanwaltschaft Meiningen wegen versuchten Prozeßbetruges und Verleumdung angezeigt.Die in der Gauck-Behörde aufgefundene IM-Akte mit handschriftlicher Verpflichtung vom 21. 11. 1975 überführten Recknagel nunmehr eindeutig als Lügner. Als IM "Eberhard Wiese" lieferte Recknagel dem MfS 115 Spitzelberichte. Der frühere Stasi-Major Wolfgang Hößrich aus Suhl, der damals die Bespitzelung von Grummt koordiniert hatte, bestätigte vor Gericht Recknagels geheimdienstliche Tätigkeit. Die erdrückende Beweislast veranlaßte Recknagel noch vor dem Eintreffen einer graphologischen Expertise zum lautlosen Rückzug durch die Hintertür, indem er seine Klage wegen angeblich "unseriöser Prozeßführung von Grummt", eiligst zurückziehen wollte. Zur Urteilsverkündung war der 62jährige Recknagel am Mittwoch nicht erschienen, laut ärztlichem Attest "wegen Suizidgefahr".Strafrichter Peter Schäfer verurteilte den abwesenden Recknagel zu einer Geldstrafe von 3 600 Mark, verteilt auf 90 Tagessätze, was vorbestraft bedeutet und einen Eintrag ins Bundeszentralregister zur Folge hat. Zudem hat er für zwei verlorene Verfahren aufzukommen (etwa 5 000 Mark) und eine Zivilklage zu erwarten. Denn Steffen Grummt, Ehemann der vierfachen Schwimm-Olympiasiegerin Kornelia Ender, will nun seinerseits die erwähnten 10 000 Mark Schmerzensgeld bekommen. Er will die Summe der Schwimm-Gemeinschaft Nieder-Olm schenken, in der er gemeinsam mit seiner Frau ehrenamtlich wirkt. +++