Jemand hat in der vergangenen Nacht einen Stein in die Leuchtreklame des Szene-Cafés "Galao" am Weinbergspark geworfen. Gines Santos, den Betreiber des Cafés in Mitte, überrascht das nicht mehr. Seit vier Jahren verkaufen im Park gut organisierte Drogendealer hier Kokain, Heroin, auch Haschisch und andere Drogen. Der Weinbergspark in Mitte ist zu einem der größten innerstädtischen Drogenumschlagplätze verkommen. Doch Gines Santos toleriert in seinem Café keine Drogenhändler. Deshalb ist er schon mehrfach bedroht worden.Im "Galao" sind Süchtige schon nachts eingebrochen, um zwei Rollen Münzgeld aus der Kasse zu stehlen, nebenan im Hostel "Circus" haben drei Dealer gerade erst einen Drogenkonsumenten vor den Augen der internationalen Gästeschar den Schädel blutig geschlagen. Einen Tag nach dem Steinwurf aber hat Gines Santos einen Aufkleber an der Tür seines Cafés hängen: "Wer dealt, fliegt raus!". "Der Park gehört doch uns allen", sagt Gines Santos.Santos ist Teil einer breiten Allianz von Mitte-Bewohnern, die seit fast zwei Jahren versuchen, das aggressive Auftreten der Drogendealer im Park zurückzudrängen. Manche sind sogar in Gruppen durch den Park gejoggt, um ihn auch in den Abendstunden wieder in Besitz zu nehmen. Gundula Lütgert, eine Unternehmerin um die 50, hat die Anwohnerinitiative mit gegründet. Sie verteilt im Park die Flyer, die dazu raten, die Polizei zu rufen, wenn man Drogengeschäfte sieht. Frau Lütgert und Gines Santos sind nur zwei Personen von vielen, die zeigen, wie sich Berlin-Mitte in den vergangenen Jahren verändert hat. Eine neue Bürgerlichkeit entstand.Einigen ist das nicht recht. Vor vier Wochen haben junge Frauen in den Lokalen am Weinbergspark einen Flyer unter dem Titel "Mach meinen Dealer nicht an" verteilt. Darin hieß es in Computer-Schnörkelschrift: "Wie immer, wenn es gemeinsam gegen ,Dealer' geht, verbinden sich irre Fantasien über deren böses Treiben mit einer autoritären Lust an der Verfolgung."Verteilt hätten das "so richtige Berlin-Mitte-Bräute", sagt die Geschäftsführerin des Restaurants Nola im Park. Manch "junger Kreativer", der in den Ladenlokalen rund um den Weinbergspark an Projekten arbeitet und die Clubs und Kneipen frequentiert, hilft dem kreativen Kick gerne mit Kokain nach. "Die Drogenhändler bedienen hier auch die Webdesigner-Klientel", sagt Steffen Lehbrink, der zuständige Kripo-Beamte in der Polizeiwache am Fuße des Weinbergsparkes. Er kennt die Kundschaft, zu der auch Junkies aus anderen Bezirken gehören. Lehbrink und seine Kollegen nennen es "eine große Beleidigung", dass die Dealer ausgerechnet vor den Fenstern der Polizeiwache ihren Geschäften nachgehen. Fast täglich gibt es Razzien. Allein im vergangenen Jahr gab es 200 Festnahmen und 900 Platzverweise. Und doch werden nur wenige wegen Drogenhandels verurteilt. Denn die Dealer, meist junge Araber, gehen sehr geschickt vor. Einer spricht penetrant potenzielle Kundschaft an, einer holt den Stoff aus dem Erddepot und wieder ein anderer wickelt dann das Geschäft ab. "Da können sie den gewerbsmäßigen Handel oft nicht so einfach nachweisen", sagt Lehbrink. Die Gruppen seien streng hierarchisch organisiert und mit libanesisch-palästinensischen Großfamilien in Berlin verwoben. Als Verkäufer werden oft Minderjährige eingesetzt. "Ich habe in Deutschland sonst keine Chance", sagt ein junger Drogenhändler, der sich Mohammed nennt und im Park auf Kundschaft wartet. Er hofft, in ein paar Jahren so viel Geld verdient zu haben, dass er sich ein legales Geschäft aufbauen kann."Die Drogenfreunde hätten in ihrem Flugblatt besser gefordert: ,Gebt meinem Dealer mal ne Ausbildung'. Das wäre kreativer gewesen", sagt Gundula Lütgert von der Anwohnerinitiative. "Wenn zehn Webdesigner ihr Drogengeld zusammenlegen, könnte doch ein Ausbildungsplatz herausspringen." Ihre Anwohnerinitiative hat schon viel erreicht. Für 800 000 Euro wird der Weinbergspark gerade umgestaltet - Bäume und Sträucher werden gefällt oder massiv zurückgeschnitten, was den Dealern das Versteck nehmen soll. Wege und Spielplatz werden saniert. Nun fordert die Initiative, für die sich mittlerweile auch das nahe John-Lennon-Gymnasium, manche Kita-Erzieherin und die Parteien des Bezirksparlaments engagieren, noch eine Parkbeleuchtung. Licht und Sicht würden die Dealer vertreiben. "Dieses Bürgerengagement ist bisher einmalig in Berlin", sagt Polizist Steffen Lehbrink und es klingt Bewunderung mit.Aber auch innerhalb der Initiative wird manches diskutiert: Einige Gastronomen, die sich gegen den aggressiven Drogenhandel wehren, tolerieren das Kiffen. "Wir grenzen Konsumenten von leichten Drogen nicht aus", sagt etwa Doreen Goldbeck, Geschäftsführerin des Kulturhauses Acud. Anders im Hostel "Circus". Betreiber Andreas Becker, der sich durchaus als Linker sieht, sagt: "Berlin war lange betont antibürgerlich, ließ fast alles zu. Dabei ist es wichtig, bei bestimmten Entwicklungen Grenzen aufzuzeigen." Und dieser Punkt sei bei Dealern, die vor Kinderaugen Drogen verkauften und gewalttätig würden, erreicht.------------------------------"Die Drogenhändler im Weinbergspark bedienen auch die Webdesigner-Klientel." Steffen Lehbrink, Kriminalpolizei------------------------------Foto: Klare Ansage: Gines Santos lässt keine Drogendealer in sein Café "Galao" am Weinbergspark.