MÜNCHEN, im Juni. Im April hatte es Enrico Reinsch ins Fernsehen geschafft. Das ist nicht schlecht für jemanden, der Getränke verkauft und noch ein paar Sachen dazu. Der 32 Jahre alte Mann aus München-Pasing war bei Sat 1 in der Show des Monats von Kai Pflaume. Dort hat Herr Reinsch den Herrn Wowereit aus Berlin kennen gelernt und die Hauptdarsteller des Films "Good Bye, Lenin!" Daniel Brühl und Kathrin Saß. Allgemein gesagt ging es um Ost und West. Sat 1 hatte sich als Teil der Show ein Ratespiel ausgedacht, und Enrico Reinsch war gewissermaßen der Fachberater. Der Herr Wowereit musste blind erkennen, ob er gerade ein Löffelchen Nutella aus dem Westen oder Nudossi aus dem Osten isst. Nudossi hat ihm besser geschmeckt, und deshalb meinte er, dass es Nutella sei. Bei Daniel Brühl aus dem westlichen Teil des Landes ließen die Redakteure die Zahnpasta Rot-Weiß aus dem Osten gegen Colgate aus dem Westen antreten. Auch er entschied sich für den Ost-Geschmack, obwohl er mit Colgate groß geworden ist. Enrico Reinsch, aufgewachsen in der Oberlausitz und seit zehn Jahren in München, kann sich noch heute darüber freuen. Er steht hinter seiner Ladentheke im Stadtteil Pasing und trägt ein schwarzes Polohemd mit dem Schriftzug "Eibauer Schwarzbier". Es wird in seiner alten Heimat gebraut. Wenn ein Kunde bezahlt hat, legt ihm Reinsch die Waren in eine Plastiktüte mit der Aufschrift "Sachsen genießen". Klaus Wiegand, der schon dreißig Jahre in Bayern lebt, aber aus Berlin stammt, hat gerade Mühlhäuser Marmelade gekauft. Nebenbei diskutiert er mit Enrico Reinsch die Vorzüge der verschiedenen Arten des Bautzener Senfs. Es gibt hier bei Reinsch diesen Senf und Altenburger Essig, die Märchenfilme der Defa, Thüringer Halbbitter, Dresdner Worcestersoße und Schlager-Süßtafel. "Sogar noch im alten Design", wie Reinsch anmerkt. Er verkauft in München Ostprodukte. In einem kleinen Geschäft, auf das die bayrische Welt nicht gewartet hat. Es heißt "Ricos Ossiladen". Das Motto heißt "(K)östlich gut". Im Schaufenster hängt ein großes Plakat von "Good Bye, Lenin!". Suche nach der Hallorenkugel Dass es mal so kommt, hätte Reinsch nicht gedacht. In seinen bayrischen Jahren war er schon Zugchef im ICE und Fahrkartenverkäufer bei der Bahn, er hat in einer Supermarktkette als Anlernverkäufer gearbeitet, bei der Post als Paketfahrer und in einem Großmarkt war er auch schon. "Aber dann ergab sich die Möglichkeit", sagt er, "hier in Pasing einen eingeführten Getränkeladen zu kaufen. Mit Bier und anderen Getränken fing es vor drei Jahren an, aber es lief nicht so richtig. Irgendwann tauchten Kunden auf, aus dem Osten nach Bayern gezogen wie ich, die sagten, Mensch Reinsch, gibt s bei dir vielleicht Senf aus Bautzen oder die Hallorenkugeln oder vielleicht Gurken aus dem Spreewald." Das alles hatte Reinsch nicht, aber es war eine Idee. Ostprodukte gab es, man musste sie nur heranschaffen. Und Ostler gab es auch, die musste man nicht heranschaffen, denn sie waren schon da. Irgendwann waren sie alle wegen der Arbeit nach Bayern gezogen. Jetzt kommen sie zu Reinsch nach Pasing, um die vertrauten Lebensmittel zu kaufen. Früher, bei Besuchen in der alten Heimat, haben sie damit ihre Autos voll geladen, um sie mit in den Westen zu nehmen. Viele Auswanderer kommen aber auch aus anderen Gründen nach Pasing. "Sie suchen hier Kontakt zu anderen Ossis", sagt Reinsch, "weil du eben den Kontakt zu den Einheimischen nicht kriegst. Nach dem Einkauf stehen sie draußen vor dem Laden und trinken zusammen ein Radeberger Bier. Man duzt sich in der Regel sofort. Und wenn ein Lkw mit neuen Waren abgeladen werden muss, setzen die Kunden ihr Bier ab und helfen."Vor zwei Jahren fragte jemand, sag mal, Rico, hast du nicht eine Idee, wo wir uns treffen könnten? Ich würde gern mal mit jemandem ein Bier trinken, abends fühle ich mich hier einfach allein. Da wurde die Idee mit dem Ossitreffen geboren. Im August 2001 sind hundert Leute übers Wochenende auf einen Zeltplatz am Rand von München gezogen. "Das hat tierisch Spaß gemacht", sagt Reinsch. Anfang Juli wird es das Ossitreffen in Bayern wieder geben, dieses Mal werden dreihundert Menschen erwartet. Sie werden wieder im See schwimmen, am Rost grillen und bis zum Morgen am Lagerfeuer sitzen. "Dort können sie sein wie sie sind", sagt Enrico Reinsch. "Niemand muss eine Rolle spielen, weil man sich versteht. Und sie haben zwei Tage, an denen sie ihren Dialekt mal wieder so richtig rauslassen können." Ein paar von ihnen haben kürzlich einen Autoaufkleber entwickelt. Der Text heißt "Kommste ooch von daheeme?".So sieht es aus, als wäre Enrico Reinsch in München auf eine Marktlücke gestoßen. Ob die Sache aber gut ausgehen wird, ist trotzdem nicht klar. Der Mann aus der Oberlausitz kann vom Gewinn seine laufenden Kosten bezahlen, mehr verdient er noch nicht. Er würde sich gern vergrößern, aber die Banken geben ihm keinen Kredit. Und dann gibt es auch noch die bayrische Nachbarschaft, die das Treiben der Ossis sehr argwöhnisch betrachtet.Ausgenommen die gebürtige Münchnerin Karin Hunglinger. Sie ist 38, wohnt ein paar Häuser weiter und hilft unentgeltlich im Laden. "Der Rico wird ziemlich gemobbt zurzeit", sagt sie, "also dass er seinen Laden schließen soll. Früher, bei seinem Vorgänger, haben alle hier eingekauft. Sie kamen auch dann noch, als Rico nur Getränke hatte. Erst als plötzlich ,Ossiladen drüberstand, haben sie zu spinnen angefangen. Sie haben auch ihre Probleme mit mir, weil sie nicht verstehen, wie ich mich mit diesen Leuten abgeben kann."Auch ein kleines Geschäft bringt es mit sich, dass große Autos neue Waren liefern. Dann sieht Frau Hunglinger öfter, wie Nachbarn mit Fotoapparaten kommen, um die Dauer des Abladens zu dokumentieren. Wenn abends nach halb acht noch Bierkästen geräumt werden, schreiben die Leute im Haus wegen Beeinträchtigung der Wohnqualität an die Hausverwaltung. "Niemand hier möchte die Ossis kennen lernen", sagt Karin Hunglinger. "Die haben von Haus aus das Vorurteil, die Ossis wollen nicht arbeiten, die liegen uns sowieso nur auf der Tasche und deshalb brauchen wir sie bei uns nicht."Ossis, bitte meldenWas Enrico Reinsch betrifft, so arbeitet er ziemlich viel. Er leistet sich eine Homepage, über die er seine Ostprodukte auf Bestellung ins Haus schickt. Manchmal muss er sie sogar zurück in den Osten expedieren. Zugleich ist die Homepage auch ein Forum für die Ostler im Westen. Auch da geht es wieder um mehr als um Senf und Ketchup aus Werder. "Krina" schrieb gerade neulich im Forum: "Hallo, finde die Seite echt krass, endlich mal ein paar Artgenossen. Suche die auch hier in und um Landshut, hatte aber bisher leider wenig Erfolg. Wenn es dennoch Ossis geben sollte, dann meldet euch doch mal bei mir."GUIDO KRZIKOWSKI "Kommste ooch von daheeme?" Enrico Feinsch in seinem "Ossiladen".

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