Krankenhäuser, Altenheime und Hospize haben sich in den vergangenen Jahren grundlegend verändert. Spätestens seit Einführung des Gesundheitsstrukturgesetzes (GSG) 1993 entwickeln sie sich zunehmend zu modernen Dienstleistungsunternehmen. Personalabbau, zunehmender Kostendruck im Gesundheitswesen und die steigende Konkurrenz unter Pflegeeinrichtungen zwingen viele Kliniken zu harter betriebswirtschaftlicher Kalkulation ­ und zum Umdenken. "Zu Beginn der neunziger Jahre waren beispielsweise in Berlin rund 23 000 Pflegende beschäftigt, heute sind es nur noch knapp 21 000", sagt Anja Lüthy, seit kurzem Gastprofessorin im Studiengang "Pflegemanagement" an der Berliner Alice-Salomon-Fachhochschule für Sozialarbeit und Sozialpädagogik. Zugleich müssen die verbliebenen Schwestern und Pfleger durch den immer rascheren Patientenwechsel mehr Arbeit als früher bewältigen. Lag ein Patient 1991 im bundesdeutschen Durchschnitt noch 21,4 Tage im Krankenhaus, so waren es 1996 nur mehr 14,5 Tage.Der Sparkurs bringt die Pflegenden in ein Dilemma: Einerseits wollen sie ihrem ethischen Anspruch gerecht werden und den Kranken nicht nur mit Nahrung und Medikamenten, sondern auch mit Zuwendung versorgen. Andererseits müssen sie sich dem wachsenden Druck beugen, um ihre Jobs behalten zu können. Seit Inkrafttreten des GSG mußten allein in Berlin 30 von 98 Krankenhäusern schließen.Die Manager von morgenUm Pflegende in Zukunft besser für die steigenden Anforderungen im Gesundheitssystem zu rüsten, haben in den vergangenen Jahren zahlreiche Hochschulen neue Pflegestudiengänge eingerichtet. "Dort können sich Krankenschwestern und Pfleger zu Führungskräften von morgen ausbilden lassen und sich damit neue Perspektiven eröffnen", sagt Anja Lüthy kürzlich im Rahmen der Projekttage der Berliner Fachhochschule. Zudem werden Krankenhäuser von 1999 an dazu verpflichtet sein, ein umfassendes Qualitätsmanagement nachzuweisen, dessen Kernstücke Mitarbeitermotivation, Kundenorientierung und ein verbessertes Kostenmanagement sind. "Im Extremfall können Krankenkassen dann jenen Häusern die Kostenübernahme verweigern, die den gesetzlich festgelegten Forderungen nicht nachkommen", so Lüthy. "Wir suchen deshalb neue Strategien, um die daraus entstehenden Managementprobleme in den Griff zu bekommen."Seit Anfang der neunziger Jahre setzen sich auch mehrere Fachzeitschriften für Pflegende mit wissenschaftlichen Fragen auseinander. Mittlerweile sind es rund zehn Journale, die in Deutschland regelmäßig erscheinen. Der erste Pflege-Management-Kongreß, den der Springer-Verlag Ende Januar in Berlin veranstaltet, ist ein weiterer Beleg dafür, daß sich die Pflege zu einem akademischen Fachgebiet entwikkelt. Die Veranstalter erwarten mehrere Hundert Teilnehmer.Während in amerikanischen Krankenhäusern von der Stationsleitung aufwärts alle in der Pflege Beschäftigten studiert haben, arbeiten in den rund 3 000 bundesdeutschen Kliniken gerade einmal rund 30 diplomierte Pflegemanager. Im Herbst dieses Jahres werden 18 Absolventen der Evangelischen Fachhochschule Berlin (EFB) hinzukommen. In ihren Projektarbeiten, die sie kürzlich im Rahmen ihrer Projekttage präsentierten, haben die Pflegewirte acht aktuelle Brennpunkte im Pflegemanagement unter die Lupe genommen. Dabei geht es etwa um die Bedürfnisse von Patienten und Ärzten sowie um die Entwicklung neuer Managementinstrumente für Krankenhäuser.Mit welchen Mitteln könnte man zum Beispiel dafür sorgen, daß mehr Pflegende trotz niedriger Gehälter mit ihrem Job zufriedener sind und sich stärker dafür engagieren, den Arbeitsablauf auf ihrer Station zu verbessern? Um das herauszufinden, befragten zwei Studenten der EFH über 150 Pflegekräfte. Das zentrale Ergebnis der Untersuchung der angehenden Pflegewirte: Es motiviert die Mitarbeiter, wenn sie eigene Vorschläge machen und so ihre individuelle Arbeitssituation beeinflussen können. Strategien wie das sogenannte betriebliche Vorschlagwesen, bei denen Mitarbeiter Belohnungen für gute Vorschläge bekommen, sind in etlichen Bereichen der Wirtschaft seit vielen Jahren bekannt. Jetzt setzen sie sich auch in der Pflege durch. Bereits in jedem siebten Berliner Krankenhaus ist das betriebliche Vorschlagswesen etabliert, "wenn auch noch oft nicht professionell organisiert", wie Lüthy urteilt.Noch gibt es keine einheitlichen Lösungen für eine Gratifikation. "Zur Fortbildung zu dürfen oder ein Buch geschenkt zu bekommen, reizt die Pflegenden jedenfalls nicht", fand die Pflegestudentin Marion Stück heraus. Gewünscht würden vielmehr Arbeitsplatzgarantien, Gehaltserhöhungen und Geldprämien. "Mit solchen Anreizen ließe sich auch im Krankenhaus die Kreativität des Personals nutzen", resümiert Lüthy. Eine andere Arbeitsgruppe widmete sich der Frage, wie zufrieden Patienten mit ihrem Krankenhaus sind. Kliniken betrachten Patienten zunehmend als "Kunden", um den sie sich bemühen müssen. Von 71 befragten Patienten fanden 84 Prozent "ihr" Krankenhaus gut und würden es weiter empfehlen. Allerdings, so ein weiteres Ergebnis der Untersuchung, nimmt die Zufriedenheit der Patienten im Laufe des Aufenthalts ab. Grund dafür ist nach Ansicht der Studenten, daß die "Neulinge" einer Station bei ihrer Aufnahme im Krankenhaus von Pflegenden und Ärzten vergleichsweise viel, im Laufe ihres Aufenthalts jedoch immer weniger Aufmerksamkeit geschenkt bekommen. Eine mögliche Lösung sehen die Jung-Pflegewirte der Projektgruppe darin, die Bedürfnisse der Patienten im Krankenhaus kontinuierlich zu erfragen und Gesundheits-Schulungen für sie anzubieten. "Patient-teaching ist in Amerika gang und gäbe", sagt Anja Lüthy. Der Vorteil: Unmittelbar nachdem sich die akuten Beschwerden gelegt haben, sind Patienten besonders zugänglich für systematische Schulungsprogramme. Dies sei beispielsweise der beste Zeitpunkt, etwa einem übergewichtigen Herzinfarktpatienten beizubringen, wie er seine Ernährung und seine Lebensweise umstellen sollte. Bedürfnisse von ÄrztenInzwischen haben viele Krankenhäuser auch erkannt, daß sie sich zudem um die Gunst niedergelassener Ärzte bemühen müssen. Denn diese haben einen maßgeblichen Einfluß darauf, für welches Krankenhaus sich ein Patient entscheidet. Um besser auf diese Klientel eingehen zu können, untersuchten die angehenden Pflegewirtinnen Anja Meier und Kerstin Patt, welche Bedürfnisse überweisende Ärzte haben, und was diese von einem Krankenhaus erwarten. Wie zufrieden sind sie mit den Kliniken?Dazu befragten die Studenten 60 niedergelassene Ärzte, die Patienten an ein Wiesbadener Krankenhaus einweisen. Bei der Auswertung zeigten sich etliche Schwachstellen in der Kommunikation zwischen den überweisenden Ärzten und der Klinik. So verfügten nur 15 Prozent der niedergelassenen Mediziner über Informationsmaterial über die Klinik, obwohl sich mehr als die Hälfte von ihnen Broschüren oder Ähnliches wünschte. Nur ein Viertel der Praxisärzte kannte den jeweiligen Krankenhausarzt, der sein Ansprechpartner in der Klinik hätte sein können. Auch kritisierten die zuweisenden Ärzte, daß sie während des Klinikaufenthalts ihres Patienten zu wenig in Therapie-Entscheidungen miteinbezogen würden. So wurden die Hausärzte von ihren Klinikkollegen häufig nicht vor einer Medikamentenumstellung des Patienten befragt oder Untersuchungen, darunter auch belastende Röntgenaufnahmen, unnötigerweise wiederholt. Einige der Lösungsvorschläge der Berliner Pflegewirte setzt die Wiesbadener Klinik bereits um. So hat man dort eine Telefon-Hotline eingerichtet und will einen "Kundenmanager" einstellen, der als zentraler Ansprechpartner für zuweisende Ärzte, Patienten und Krankenkassen zur Verfügung stehen soll. Im April 1998 sollen die Projektarbeiten der Berliner Pflegewirte unter dem Titel "Aktuelle Brennpunkte im Pflegeanagement" im Buchhandel erscheinen.

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