NEW YORK, 15. Februar. Sarah Dan lässt die Nadeln klappern, wo immer sie Gelegenheit dazu hat: im Hörsaal, in der U-Bahn und im Kino. "In einer Jura-Vorlesung habe ich einen ganzen Pulli gestrickt", sagt die Studentin der New Yorker Universität. Erst vor einem halben Jahr hat sie das neue Hobby für sich entdeckt. Sie findet es "zwar teuer, aber befriedigend, und eine tolle Möglichkeit, andere Leute kennenzulernen". Ausgerechnet in der Stadt der neuen Trends entdecken immer mehr Menschen die Lieblingsbeschäftigung ihrer Großmutter wieder - als Alternative zu Meditationskursen oder Internet-Cafés.Seit im Dezember das "Strick-Café" eröffnete, kommen immer mehr Menschen jeden Alters in die New Yorker Café-Boutique. Miriam Maltagliati kann den Erfolg ihres Geschäfts selbst kaum fassen. "Wer hätte sich das träumen lassen in einer Stadt, in der niemand mehr miteinander redet?" Maltagliati sieht ihren Laden als Oase für zwischenmenschliche Kontakte. "Stricken fördert die Kommunikation. " Diese Erfahrung hat auch der Rentner Owen Fisher gemacht, der auf Empfehlung seiner Ärzte bereits seit 1997 strickt. Während einer Chemotherapie fand er bei der Herstellung von Socken und Topflappen einen Ausgleich für die Beschwerden seiner Krebsbehandlung. "Seitdem habe ich nie aufgehört zu stricken. " Mit dem Strick-Café hat Fisher so etwas wie ein zweites Zuhause gefunden. "Ich lebe praktisch hier. Sie haben sogar meine Lieblings-Teesorte bestellt. " Außerdem fühlt er sich unter Gleichgesinnten nicht mehr so ausgegrenzt und fühlt sich "befreit von sozialen Schranken".Das Textil-Hobby - in den Neunzigern aus der Mode gekommen - ist nicht nur in New York wieder der letzte Schrei. Auch Designern wie Donna Karan oder Giorgio Armani ist der neue Trend nicht entgangen. "Stricken ist das neue Yoga", ist Lily Chin überzeugt. Die Autorin des Buchs "Urban Knitter" (etwa: "Städtischer Stricker") muss es wissen. Sie arbeitet mit Mode-Gurus wie Ralph Lauren oder Vera Wang zusammen und sieht im Umgang mit der Wolle eine neue Form der Selbstverwirklichung. Menschen könnten so ihrer Individualität neuen Ausdruck verleihen.Die Experten für die Verarbeitung von Garn- und Wollfäden machen für die Renaissance der Strickkunst auch deren Wirksamkeit zur Stressbekämpfung verantwortlich. Das New Yorker Cabrini Medical Center empfiehlt die Handarbeit etwa Patienten, die schmerzhafte und beschwerliche Behandlungen durchmachen müssen. Neben Nähen, Töpfern oder Malen gehöre Stricken zu den Tätigkeiten, mit denen sich Patienten trotz ihrer Schmerzen "wieder als Menschen fühlen" könnten, sagt Oberschwester Helen Carrier.Paige West, Anthropologin an der Columbia University, sieht in dem Hobby gar den archaischen Wunsch der Städter, endlich wieder die Früchte ihrer Arbeit zu ernten. Menschen in Großstädten hätten sich von Handarbeit entfremdet und "sehen die Produkte ihrer Arbeit nicht mehr". Beim Stricken bekomme der moderne Mensch wieder einen sozialen Bezug zu seiner Arbeit - mit Wollpullis und warmen Schals als Ergebnis seiner Mühen.Besonders beruhigend dürfte eine Wolle wirken, die es seit kurzem auf dem deutschen Strickmarkt gibt. Sie heißt "Pace" und reiht die Regenbogen-Farben der Friedensfahne akkurat aneinander. Kolossal kontemplativ! (AFP/BLZ)BLZ/PONIZAK